https://www.faz.net/-hrx-7tn3t

Naturwein : Revolution in Orange

  • -Aktualisiert am

Von Tiefgelb bis Dunkelorange: Biologisch erzeugte Weintrauben verändern schon bei der Gärung und Lagerung ihre Farbe auf ungewöhnliche Weise Bild: Pein, Andreas

Drei Farben hat der Wein: Weiß, Rosé, Rot. Und jetzt eine vierte: Orange. Was kann das Naturprodukt, das die Weinwelt polarisiert? Und woher kommt seine Farbe?

          4 Min.

          Endlich sind die Winzer dort angekommen, wovon sie Generationen nur träumen durften. Sie sind in der Lage, fruchtig-frische und saubere Weine zu erzeugen. Moderne Weine begeistern die Sinne durch blitzsaubere, kristallklare Aromen wie ein zur Wirklichkeit gewordener Traum ewiger Jugend. Doch in letzter Zeit wankt das Idealbild des fruchtbetonten Weißweins. So mancher Weinfreund hat sich schon verwundert die Augen gerieben, als ein Wein das Glas in leuchtendem Orange füllte und er mit Düften von Walnüssen und Sherrynoten in die Nase stieg. Was ist da passiert? Ein Unglück?

          Nein, dieser Wein ist kein Unfall. Der Winzer wollte ihn genauso haben. Und weil er nicht ins übliche Raster passt, wird er als „Orange-Wein“ bezeichnet. Diese neue Kategorie polarisiert enorm. Gegner dieses Stils bezeichnen die neuen Winzer als Chaoten, und sie werfen ihnen vor, die herrlichen Erneuerungen des modernen Weinbaus über den Haufen zu werfen. Orange-Winzer gelten als Abtrünnige, deren Ideen nur Irrtümer seien. Und so manchem Weinkritiker ist der Kragen geplatzt, wenn er die Orange-Weine als Plage oder Pest, als oxidierte Brühe oder vergammelte Gemüsekisten abtut. Dabei machen die Orange-Winzer auch nichts anderes als andere Winzer: Sie ernten Trauben und machen daraus Wein.

          Kein Sklave der Weinindustrie sein

          In den neunziger Jahren fragte sich eine kleine Gruppe von Winzern, ob es nicht eine Alternative zum technikorientierten Weinbau geben könne, um das enge Korsett des modernen Weinmachens abzuwerfen und auf die absolute Kontrolle über alle mikrobiologischen Prozesse bei der Gärung und Lagerung zu verzichten. Der entscheidende Impuls ging von einigen Winzern der slowenischen Minderheit im norditalienischen Friaul aus. Sie brachen aus, obwohl sie mit ihren Weinen mehr als erfolgreich waren. Aber so ähnlich konnte man diese Weine auch in Kalifornien, Neuseeland oder anderswo auf der Erde produzieren. Genauso perfekt und glatt und austauschbar. So kam es, dass die ersten Winzer den Pfad der Tugend verließen, um nach Identität und Selbstbestimmtheit ihres Handelns zu suchen.

          Der bekannteste Protagonist dieser Pioniere des Friaul heißt Josko Gravner, dem die Weine seiner Verwandten in Slowenien irgendwann besser schmeckten als seine eigenen, die in der Weinszene als Ikonen gehandelt wurden. „Ich wollte keinen Wein mehr machen, der zwar gut ist, aber die Natur leiden lässt und mich zu einem Sklaven der Weinindustrie macht“, sagt Gravner. Und so entschloss er sich, Schluss zu machen mit internationalen Rebsorten, mit Kunstdünger und Fungiziden im Weinberg; mit gefliesten Wänden und penibler Chlorhygiene im Keller; mit Reinzuchthefen und computergesteuerter Kaltvergärung. Er warf die inerten Edelstahltanks und die Barriques aus neuen französischen Eichenholzfässchen einfach aus seinem Keller und verzichtete am Ende der Lagerung auch noch auf Filterung und sterile Abfüllung.

          Eine Bandbreite von fruchtig bis Sickergrube

          Den entscheidenden Impuls für den neuen Weg bekam Gravner ausgerechnet in Georgien, dem vielleicht rückständigsten Weinland der Welt – mit in die Erde eingelassenen Tonamphoren, Ganztraubenfermentation bei Weißweinen ohne Hefezusatz, keinen Pressen oder Pumpen, dafür mit monatelangem Maischekontakt, keiner Schönung des Weins, keiner Filtration. Nachdem er die original georgischen Tonamphoren daheim in seinem Keller eingegraben hatte, besann er sich wieder auf die autochthone Sorte Ribolla Gialla. Und nach drei Jahren harter Arbeit war es endlich so weit: Mit seinen neuen Weinen in der Farbe Orange hat Josko Gravner seine Anhänger vor den Kopf gestoßen. Aus einschlägigen Wein-Guides wurde er verbannt, die Händler verabschiedeten sich. Doch heute, 20 Jahre später, gibt es in ganz Italien, in Slowenien, Kroatien, Österreich, der Schweiz und sogar in Deutschland Winzer, die sein Thema aufgegriffen haben.

          Weitere Themen

          Zwei junge Gründer über Geld, Ruhm und ihre Start-ups Video-Seite öffnen

          Quarterly Talk : Zwei junge Gründer über Geld, Ruhm und ihre Start-ups

          Geld, Ruhm oder Sinn – warum gründet man wirklich ein Start-up? Darüber reden wir mit zwei Deutschen, die es wissen müssen: Markus Witte, Co-Gründer von Babbel, der erfolgreichsten Sprachlern-App der Welt, und Verena Hubertz, Co-Gründerin der international beliebten Kochplattform Kitchen Stories.

          Topmeldungen

          Nach links, ok, und dann? Olaf Scholz im April.

          SPD-Kanzlerkandidat : Scholz gewinnt nicht – wirklich?

          Die SPD hat einen Plan, aber einen schwachen Kandidaten. Olaf Scholz kämpft gegen schlechte Umfragewerte und die eigene Partei. Hat er auch nur irgendeine Chance gegen Annalena Baerbock?
          Dennis Aogo

          Dennis Aogo : Die große Verunsicherung nach dem Sturm

          Dennis Aogo steht im Mittelpunkt einer turbulenten Fußballwoche. Was darf man als Profi oder Experte sagen? Welche Formulierungen sind korrekt, welche idiotisch? Und wie geht es weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.