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Omas Küche als Geschäftsmodell : Das wohlige Gefühl von damals

  • -Aktualisiert am

Die Omis von Pasta Grannies stellen traditionelle Pasta her. Bild: Pasta Grannies

Fast jeder erinnert sich an ein Gericht, das nur die Oma kochen konnte – und das besonders gut geschmeckt hat. Inzwischen ist daraus ein Geschäftsmodell geworden.

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          In meinem Fall ist es Omas Erbsensuppe. Wenn ich meine Augen schließe, habe ich ihren cremig-süßen Geschmack heute noch in meinem Mund. Ich fühle die knackig grünen Erbsen auf meiner Zunge und spüre, wie die wohlig-warme Brühe meinen Magen füllt. Beruhigend, mutmachend, heimelig, tröstend, wie eine Umarmung. Noch heute, als Vierzigjährige, sehne ich mich in schwierigen Zeiten nach der Erbsensuppe meiner Großmutter.

          Omas Gerichte haben etwas Magisches. Kein Gourmetkoch kann mit Omas Küche mithalten, selbst wenn es sich dabei um ganz einfache Gerichte handelt: Hühner- oder Brotsuppe, Bratkartoffeln, Spiegeleier aus der gusseisernen Pfanne oder eben Erbsensuppe. „Bei der Oma schmeckt es am besten, diese Aussage hören wir sehr oft“, bestätigt Andreas Reidl, Experte für Generationenmarketing, der sich seit Mitte der neunziger Jahre in seiner Agentur mit verschiedenen Aspekten des Alters beschäftigt.

          Doch warum ist das so? Reidl sieht mehrere Ursachen im Spiel. Zum einen: „Omas Essen hat mit Erinnerungen und Emotionen zu tun.“ Geschmack- und Geruchssinn würden in unserer Kindheit geprägt. Wenn Oma Frikadellen kocht und diese dem Enkel gut schmecken, werden sie zu seiner persönlichen geschmacklichen Norm. Hinzu kommt aus biologischer Sicht, dass die stärksten Erinnerungen aus dem ersten Drittel unseres Lebens stammen.

          Wenn Oma kocht, profitieren beide Seiten

          Ein weiterer Grund dafür, dass wir das Essen unserer Großmütter so lieben: „Für die Kinder ist Omas Küche eine Abwechslung. Es schmeckt anders als im Alltag, bei Mama, und Kochen mit Oma ist nicht nur ein Akt der Nahrungsaufnahme, sondern ein Event.“

          Das gilt für beide Seiten. Die Omas selbst hätten mehr Zeit und möchten nur das Beste fürs Enkelkind auftischen; das zeige etwa auch die Beliebtheit des Themas bei dem Informationsportal grosseltern.de, das Reidls Agentur betreibt: „Für Enkelkinder zu kochen gibt dem Kochen wieder einen neuen Wert. Da macht es wieder Spaß.“

          Für Kinder hingegen sei es faszinierend, dabei zu sein, wenn die Oma alles frisch zubereite, so Reidl. „Man hört oft: ,Die Mama macht Päckchen auf‘. Aufgrund des Zeitdrucks scheint man in heutigen Familien eher zum Convenience-Produkt zu greifen.“ Berufstätige Eltern hätten nicht die Muße, jede Mahlzeit frisch zuzubereiten. Darüber hinaus fehle ihnen etwas Entscheidendes: das Wissen ums traditionelle Handwerk von Kochen und Backen. Bei den Großeltern sehe das meist anders aus, seien sie doch in einer Zeit aufgewachsen, in der Hauswirtschaft auf dem Stundenplan in der Schule stand.

          Gegen den Traditionsverlust

          Scheidungen, Berufstätigkeit beider Eltern, sinkende Geburtenrate: Veränderungen wie diese machen auch vor italienischen Familien nicht Halt – in einem Land also, das traditionell viel auf seine kulinarische Kunst hält. „Das Kochen wird nicht mehr länger an die jüngeren Generationen weitergegeben“, erkannte die Food-Autorin Vicky Bennison bei der Recherche für ein Buch über italienische Küche.

          „Frauen und Männer heutzutage sind viel zu beschäftigt, um Zeit in der Küche zu verbringen.“ Ausgerechnet eine der ureigensten italienischen Traditionen sei bedroht: „Die Kunst des Pasta-Machens von Hand stirbt aus“, klagt die Britin. „Es ist zu einer kommerziellen Tätigkeit geworden – heute machen Küchenchefs, Pasta-Shops und Fabriken Pasta, nicht mehr die Menschen zu Hause.“

          Und doch gibt es sie noch: die Mütter und Großmütter, die um fünf Uhr morgens aufstehen, um in einer langwierigen Prozedur von Hand frische Ravioli, Tortellini, Gnocchi und andere Teigwaren herzustellen. Dazu zählt eine nonna wie Maria; früher war sie Näherin und Reinigungsfrau, heute produziert die Rentnerin Anfang 80 Pasta für ein Restaurant.

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