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Obst und Gemüse : Die neue Lust auf alte Sorten

  • -Aktualisiert am

Von der größeren Vielfalt profitieren nicht nur wir Menschen, sondern ebenfalls die Böden und die Tierwelt. „Eine große Biodiversität hilft, unser Ökosystem im Gleichgewicht zu halten. Es geht sozusagen um das Immunsystem der Erde“, betont Martina Dittler von der Bingenheimer Saatgut AG.

Besonders Biobauern widmen sich, neben neu gezüchteten Biosorten, der Pflege alter Obst- und Gemüsesorten. Sie verzichten auf mineralische Düngemittel und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und brauchen folglich Pflanzen, die besser an den Boden, die Temperaturen und Niederschlagsmenge angepasst sind. Die großen internationalen Saatgutkonzerne setzen hingegen auf nichtsamenfeste Hybridsorten, die quer über den Erdball eingesetzt werden können, aber den Nachteil haben, ihre Eigenschaften in der nächsten Generation wieder zu verlieren. Der Bauer muss also jedes Jahr wieder neue Samen kaufen.

„Im Bio-Bereich ist der Erhalt alter, robuster Sorten deutlich stärker ausgeprägt“, bestätigt auch Ulrich Hamm, Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing der Universität Kassel. Die konventionelle Landwirtschaft könne bei Insekten- und Pilzbefall zur Spritze greifen. Als in den sechziger Jahren der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln enorm gesteigert wurde, seien leider viele alte Sorten verlorengegangen.

Hamm engagiert sich auch im wissenschaftlichen Beirat für Biodiversität, der die Bundesregierung berät. Er sieht den Verlust der Sortenvielfalt als großes Problem, das die Politik zu wenig anpackt. Er setzt daher auf die Macht des Verbrauchers und sieht hier die Gastronomen als wichtige Schnittstelle. Hamm ist überzeugt, dass die auch wirtschaftlich von alten Obst- und Gemüsesorten auf der Speisekarte profitieren: „Die gehobene Gastronomie steht unter einem enormen Wettbewerbsdruck. Seit Jahren schrumpfen die Marktanteile, etwa durch die Systemgastronomie. Um hier bestehen zu können, muss man etwas anderes bieten als das Allerwelt-Schnitzel.“

Hier könnten alte, besondere Gemüsesorten auf der Karte durchaus ein Alleinstellungsmerkmal sein. Für besondere und ausgefallene Geschmackserlebnisse seien die Verbraucher überdies bereit, höhere Preise zu zahlen. Das habe ein Modellprojekt der Uni Kassel mit acht Restaurants und Kantinen bewiesen.

Hamm sieht das Zeitfenster für die Rückbesinnung auf alte Sorten als historisch günstig an. Die Verbraucher nähmen regionale Produkte wieder in den Blick - das sei die Chance für alte Sorten.

Es liegt folglich an uns, welche Entwicklung unsere heimische Vielfalt nimmt. Lebensmittelforscher Bernhard Watzl blickt jedenfalls schon mal optimistisch in die Zukunft: „In meiner Kindheit gab es noch keine Kiwi, Papaya oder Maracuja - wenn wir es nun heute schaffen, diese Vielfalt mit einer heimischen zu ergänzen, alte Sorten wieder nachzuzüchten, dann haben wir noch nie so viel Auswahl für unseren Speiseplan gehabt wie heute.“

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