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Obst und Gemüse : Die neue Lust auf alte Sorten

  • -Aktualisiert am

Heute sind das Obst und Gemüse, das wir im Supermarkt vorfinden, ebenfalls auf Menge gezüchtet. Es soll den europäischen Massengeschmack bedienen. Knackig, frisch, bunt - so muss es aussehen. Transportfähig und lange lagerfähig soll es überdies sein. Der Geschmack ist bei diesen Hochleistungssorten hingegen auf der Strecke geblieben. „Die sehen zwar gut aus, schmecken aber oft bescheiden“, fasst es Bernhard Watzl, Professor für Ökotrophologie am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe, zusammen. Der deutsche Verbraucher lasse sich zu viele Produkte anbieten, die geschmacklich nicht gut seien.

Im Laufe der Jahrzehnte haben wir die Bitterstoffe aus unserem Gemüse herausgezüchtet. Zum Beispiel beim Chicorée. „Den Strunk musste man in den siebziger oder achtziger Jahren noch rausschneiden, heute brauchen Sie das nicht mehr.“ Ein anderes anschauliches Beispiel ist der Zuckermais, den die Indianer im 17. Jahrhundert in Nordamerika noch in roten, gelben, blauen und sogar schwarzen Sorten anbauten. Übrig geblieben ist heute nur noch der gelbe Mais. Auch eine Möhre ist heute süßer als noch vor einigen Jahrzehnten.

Doch mit den Bitterstoffen sind ebenfalls essentielle sekundäre Pflanzenstoffe verlorengegangen, die Lebensmittelwissenschaftler heute als so wichtig für unsere Gesundheit erachten. „Sekundäre Pflanzenstoffe sind sehr bedeutend für die Stoffwechselprozesse in unserem Körper, die in ihrer Summe zur Entgiftung krebserregender Stoffe im Körper führen und uns vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen“, sagt Watzl.

Dass alte Obst- und Gemüsesorten gesünder sind, mag der Lebensmittelwissenschaftler indes nicht bestätigen. „Entscheidend ist, dass wir viel Obst und Gemüse essen. Wir sollten 650 Gramm am Tag verzehren - derzeit essen wir aber nur 250 Gramm.“ Zweite Regel: Je größer die Vielfalt, desto gesünder. Brokkoli, Rote Beete, Kopfsalat, Spinat, Heidelbeeren, Zwiebeln und - ganz wichtig für den Karlsruher Professor: Äpfel! Statt der süßen „Pink Lady“-Züchtung empfiehlt er, mal auf den Markt zu gehen und sich dort nach alternativen Apfelsorten umzuschauen.

Weiter auf dem Winterfeldtmarkt. Auf dem Stand vom Bio-Hof Zielke gibt es Schwarzwurzeln. „Der ,Spargel der Armen‘ wurden diese früher genannt“, erklärt eine Verkäuferin. Heute seien sie demgegenüber bei vielen das besondere Etwas auf dem Teller. Auch ein Palmkohl liegt bereit. Nach wenigen Minuten sind die drei Exemplare bereits vergriffen. Doch ganz so einfach geht es nicht immer: „Es ist auch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit nötig, damit die Leute alte Sorten mal ausprobieren“, berichtet die Markthändlerin offen.

Ein junger Mann interessiert sich für die Pastinaken. „Die kannten bereits die alten Römer. Die Pastinake ist eines der ältesten Grundnahrungsmittel überhaupt. Sie hat bereits die Menschen hierzulande ernährt, bevor die Kartoffel nach Europa kam“, sagt er und entpuppt sich als Mann vom Fach: Christian Noll, Autor und Mitherausgeber des „Klimakochbuchs“, kauft gerade auf dem Markt ein. „Ich kann ja nicht Wasser predigen und Wein trinken“, sagt er und lacht. „Unsere Ernährungsgewohnheiten haben einen größeren Anteil am Klimawandel als der Straßen- und Flugverkehr.“ Deshalb sei es wichtig, sich regional und saisonal zu ernähren und Lebensmittel tatsächlich aufzubrauchen, statt sie wegzuwerfen. So haben die vergessenen Gemüsesorten auch ein eigenes Kapitel in dem „Klimakochbuch“ bekommen.

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