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Obst und Gemüse : Die neue Lust auf alte Sorten

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Schon Johann Wolfgang von Goethe ließ sich seine liebsten Gemüsesorten im Fässchen per Postkutsche schicken. Der Schriftsteller soll zum Beispiel das „Teltower Rübchen“ geliebt haben, das seit Jahrhunderten südwestlich von Berlin gedeiht. Diplom-Landwirt Axel Szilleweit verkauft das schmale, süß-scharfe Rübchen ebenfalls auf dem Winterfeldtmarkt. Die Anekdote um des großen Dichters Schwäche für die alte Gemüseart erzählt er gern. Von Goethe ist auch das Zitat überliefert: „Kein Genuss ist vorübergehend, denn der Eindruck, den er zurücklässt, ist bleibend.“

Doch da hat Goethe nicht die Rechnung mit der DDR, der Globalisierung und den weltweiten Transportströmen gemacht. „Wir haben die heimische Vielfalt aufgegeben, weil die Exoten mehr hermachen“, bedauert Szilleweit. Wenn er heute durch die Obst- und Gemüseabteilung in einem Supermarkt geht, blutet ihm das Herz.

Düsseldorf, Saatgutfestival. Mehr als tausend Menschen strömen an einem Samstag durch ein Gymnasium und sehen in den Klassenräumen, wie Saatgut und Beerenobst gewonnen wird. „Wo kann man die kaufen?“, fragen viele ungläubig, als sie die „Blaue Anneliese“ in der Kartoffelausstellung entdecken. Die ungewohnte farbige Knolle zieht die Blicke auf sich. So berichtet es der „Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt“ (VEN). Hier können Verbraucher Sortenpatenschaften übernehmen, Erhaltungsarbeit erlernen oder sich in Regionalgruppen engagieren.

Gleiches gibt es nicht nur für Gemüse, sondern auch für Obst, zum Beispiel auf dem Apfel- und Birnenmarkt in Duderstadt bei Göttingen. 15 000 Besucher streifen regelmäßig an den Ständen von hundert Händlern entlang und können alte Sorten kosten. Das Interesse nimmt zu, bestätigen die Händler.

Kein Wunder: Die Verbraucher wollen wieder mehr regionale Produkte auf dem Teller. Sie wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen - und im gleichen Zug entdecken sie ebenfalls die heimischen Obst- und Gemüsesorten wieder, berichtet Ursula Hudson, Vorsitzende des Vereins „Slow Food“, der die „Arche des Geschmacks“ ins Leben gerufen hat, um beinahe vergessene Lebensmittel zu bewahren. Weltweit beherbergt die Arche 2000 Lebensmittel, aber auch seltene Nutztierrassen.

Anders als bei der Haifischflossen- oder Schildkrötensuppe gilt für heimische Obst- und Gemüsesorten: Wer sie erhalten will, muss sie essen. Diesen Gedanken in die Köpfe der Deutschen zu bringen sei die große Herausforderung, berichtet Hudson. „Denn was gegessen wird, wird nachgefragt und deshalb hergestellt.“ Als Beispiele für den Winter nennt Hudson die alten Wurzelgemüsesorten und Krautsorten, wie den feinen Weißkohl „Filder Spitzkraut“, oder Rote Beeten, „die spiegeln geschmacklich sehr schön die Erden wider, in denen sie gewachsen sind“. Zu den „Arche-Passagieren“ zählt ebenfalls das „Teltower Rübchen“. In der DDR wäre es beinahe verlorengegangen; der Betrieb von Axel Szilleweits Großvater wurde verstaatlicht, die Produktion auf ergiebigeres Gemüse umgestellt.

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