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Notfallversorgung : Horten Sie?

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Was da wohl drin ist? Kartoffelpüree oder Nudeln? - Notvorrat, 2-Liter-Dose, Kochzeit 10 Minuten Bild: Slesiona, Patrick

Krisenzeichen, Krisenmeldungen, Krisenangst überall. Unsere Autorin hat es nicht mehr ausgehalten und begonnen, sich auf schlechte Zeiten vorzubereiten – mit einem Notfallvorrat.

          Hungerhungerhunger. Ich kann an nichts anderes denken. Es ist ein gähnendes Loch in mir drin, das sich jede Sekunde weiter ausdehnt und an meinen Nervenenden knabbert. Das Jahr hat gerade angefangen, die fetten Feiertage sind vorbei, und ich bin auf Notfalldiät.

          Hunger kenne ich bisher nur von den Plakaten von „Brot für die Welt“, wo fliegenumschwirrte schwarze Kinder traurig in die Kamera gucken. Oder von den Geschichten meiner Großeltern. Oder von der schmutzigen Bettlerhand, die sich in der Einkaufszone vom Asphaltboden bittend hochreckt.

          Zweifel an der Sicherheit

          Ich bin um die dreißig und gehöre zu einer Generation, die gelernt hat, dass immer alles vorhanden ist. In unsere Vorratskammern bauen wir lieber begehbare Kleiderschränke, als darin Nahrungsmittel zu horten. Wozu auch – es ist ja immer alles da. Gut, manchmal kommt ein überraschender Feiertag wie Fronleichnam, und dann sind plötzlich alle Geschäfte geschlossen. Aber es gibt immer noch eine Tanke oder einen Imbiss, die geöffnet haben. Dass es anders sein könnte, erscheint uns absurd. Versorgungsengpässe? Lebensmittelknappheit? Doch nicht bei uns.

          Dann kam die Finanzkrise. Im Jahr 2008, als plötzlich eine Bank nach der anderen dem Schuldenabgrund entgegentaumelte und zum ersten Mal unvorstellbare Rettungsschirme aufgespannt wurden, brach etwas auf in mir und färbte nach innen. Es war der Zweifel, ob hier bei uns wirklich alles so sicher ist.

          Der Psychiater und Psychotherapeut Borwin Bandelow, der sich auf Angststörungen spezialisiert hat, schreibt, dass selbst Menschen mit immensem Bankkonto schon bei geringen finanziellen Verlusten in panische Angst geraten, alles zu verlieren. Banker, Investmentbroker, Manager, die sonst völlig rational die Börsenkurse beobachten, werden von einer emotionalen Urangst befallen. Bandelow nennt sie die „Angst des Dagobert Duck“.

          Seit Generationen zur Vorsorge gezwungen

          Besonders auf der Nordhalbkugel tendieren die Menschen dazu, sich um die Zukunft zu sorgen. Und das liegt auch am Wetter: Weil der Jahreszyklus bei uns lange Phasen kennt, in denen nichts wächst, wurden wir schon seit Generationen zur Vorsorge gezwungen. Wer früher vor dem Winter keine Nahrungsmittel und kein Brennholz sammelte, verhungerte oder erfror. Diese Existenzangst steckt nach wie vor in uns drin. Und sie hat sich vielleicht sogar noch vertieft, denn die Verantwortung für die Dinge, die uns umgeben, haben wir an die uns versorgenden Strukturen abgegeben. Die Folge: Wir fühlen uns unmündig, inkompetent, abhängig – und dadurch am Ende immer bedroht.

          Ein Blick in meinen Kühlschrank bestätigt das: lauter bunt zusammengewürfelte Spontankäufe. Sollte wirklich eine Krise die Einkaufsinfrastruktur um mich herum erschüttern, würden mich die paar Sahnejoghurts und Sardellenfilets wohl nicht so richtig weit bringen. Deshalb will ich wissen, was in einen Notfallvorrat gehört und wie mir die Diätkost schmeckt.

          Im Internet finde ich auf der Seite vom Bundesamt für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz einen „Vorratskalkulator“. Das ist ein Einkaufszettel für Vorratsidioten wie mich, in den ich genau eintragen kann, wie lange mein Notstand dauern soll, und der ausspuckt, was ich dafür einkaufen muss. Die Regierung empfiehlt, sich für mindestens einen Zeitraum von 14 Tagen mit Nahrungsmitteln einzudecken. „So stehen Sie und Ihre Familie in einem Notfall nicht mit leerem Magen da“, heißt es. Unsere „moderne Gesellschaft“ sei nämlich äußerst krisenanfällig.

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