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Social Dining : Jetzt Mahl ehrlich

  • -Aktualisiert am

Mithilfe von Frage-Kärtchen kommt man beim „Story Teller“ ins Gespräch. Bild: May am Ufer

Social-Dining-Konzepte boomen in den größeren Städten. „Story-Teller“ ist mit seinem Speed-Dating-Charakter eines davon. Unsere Autorin war bei einem Event dabei.

          5 Min.

          Ein Freitagabend in Berlin. Vor dem Neuköllner Restaurant „May am Ufer“ versammeln sich rund 40 Teilnehmer des Dinner-Events „Story-Teller“ und warten darauf, dass es los geht. Obwohl man sich in wenigen Minuten gegenseitig persönliche Details aus dem eigenen Leben erzählen wird, werfen sich die meisten zunächst eher zaghafte Blicke zu. Erleichterung macht sich breit, als Restaurantbetreiberin Cornelia Schulze per Glockenklingeln alle hereinbittet.

          Seit 2015 soll das Format des „Story Tellers“ in vielen deutschen Großstädten mehr zwischenmenschlichen Austausch stiften. Für das Konzept macht sich die Initiatorin Katrin Frische ein verbindendes Element zunutze: ein gemeinsames Essen. Forschungen im Bereich der Ernährungssoziologie zeigen, dass durch gemeinsames Essen nicht zuletzt das jeweilige Werte- und Normverständnis vermittelt wird. Und in Zeiten von Foodporn drückt die eigene „Ess-Lebensgeschichte“ zudem aus, worauf man Wert legt.

          Gespräche sollen angeregt werden

          Bei dem Dinner geht es jedoch nicht darum, sich über geschmackliche Vorlieben auszutauschen. Vielmehr garniert die Initiatorin jeden Gang mit ausgewählten biographischen Fragen, die den Teilnehmern als Gesprächstreiber dienen sollen. Zunächst aber weiht Gastgeberin Schulze ihre Gäste in den Ablauf des Abends ein. Nachdem der Aperol Spritz zur Eröffnung die Zunge etwas gelockert hat, sollen wir uns alle mit drei beschreibenden Begriffen vorstellen. „Neugier“, „Reisen“, „Sehnsucht“, „Verlässlichkeit“, „Inspiration“, „Fernweh“ und „Heimat“ sind Begriffe, die von mehreren Teilnehmern gewählt werden.

          Als erste Gesprächspartnerin sitzt mir Mandy gegenüber. Die Enddreißigerin ist extra aus Brandenburg nach Berlin gekommen, um an dem Dinner teilzunehmen. Bevor wir das erste Fragekärtchen umdrehen, unterhalten wir uns schon sehr intensiv. Ich habe das Gefühl, sie und ihre Lebensentscheidungen verstehen zu können. Sie erzählt davon, wie es ist, noch mal von vorn anzufangen. Nicht, weil man muss, sondern weil einen verschiedene Lebensfacetten reizen. Warmes Kerzenlicht, weiße Tischdecken und holzgerahmte Wandbilder mit floralem Muster schaffen eine heimelige Atmosphäre, die nicht durchgängig zu unseren teils unbequemen Wahrheiten passen will. Dennoch fühlen wir uns wohl. Nicht zuletzt, weil das rauschende Murmeln der anderen Gäste irgendwie beruhigt. Die Luft hängt voller Geschichten.

          Alle 20 Minuten ein neuer Gesprächspartner

          „Draufgänger oder Hasenfuß? Wie würdest du dich beschreiben?“, lautet die erste Frage, die ich vom Kärtchen vorlese, während wir einen Wildkräuter-Wurzelsalat mit Ahorndressing als Vorspeise serviert bekommen. Wir kichern geschwisterlich, als wir feststellen, dass es diesen Aufhänger nicht unbedingt gebraucht hätte, damit wir ins Gespräch kommen. Noch während wir, als unsere gemeinsamen 20 Minuten um sind, aufstehen und jede einen Platz nach links aufrückt, sprechen wir darüber, was wir beruflich machen. Diese Frage soll jedoch die Ausnahme bleiben an dem Abend.

          Dass sich Annäherungen à la „Was machst du so? Beruflich, meine ich“, beim „Story Teller“ nicht durchsetzen, reizt Teilnehmer Michael besonders. Er ist an dem Abend einer von vier Exoten der Spezies „Mann“, die seltener bei diesem Event anzutreffen ist. Auch wenn der zeitliche Ablauf des Konzepts ein wenig an Speeddating erinnern mag, steht der Flirt-Aspekt nicht im Vordergrund. Es würde auch an Vielfalt mangeln, wie Frische bedauert. „Vielleicht fürchten die Männer, sich zu sehr offenbaren zu müssen. Dabei entscheidet jeder selbst, wie intensiv der Austausch sein soll. Schade, denn es nehmen jedes Mal viele interessante Frauen teil. Dem einen oder anderen entgeht da bestimmt etwas“, beschreibt sie das ihrer Meinung nach ungenutzte Dating-Potential.

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