https://www.faz.net/-hrx-7shlq

Fast Food : Die neue Burgerlichkeit

  • -Aktualisiert am

Neue Berliner Slow Food Restaurants für das Großstadtpublikum Bild: Pein, Andreas

Das hat nichts mehr mit Fast Food zu tun: Die Hamburger-Lokale, die gerade überall entstehen, machen Appetit auf Slow Food.

          Im August. Wer hätte das gedacht, dass wieder bauchfrei angesagt ist? Die kurzen Tops werden im Sommer 2014 allerdings veredelt. Statt wie in den Neunzigern an Spice-, Skater- oder Techno-Girls ziert die blanke Haut nun schon in der zweiten Sommersaison die Kollektionen von Jil Sander, Chloé oder Philipp Lim. Der Bauchfrei-Look ist also optisch aufgestiegen – und er ist Uptown-tauglich.

          So geht es in diesen Tagen auch einer weiteren Reminiszenz an die Neunziger: dem Burger. Ein schnelles, ungesundes Mahl, das in der Schwemme von Organic, Health und Slow Food eigentlich aufstoßen müsste. Aber der Burger-Boom war nie größer als heute. Am Kiosk werben die Magazine in der Ecke „Ernährung und Rezepte“ mit coverhoch dekorierten Brötchenhälften. Und man könnte fast darauf wetten, dass in jedem leerstehenden Ladenlokal, nicht nur in Berlin, bald ein Burger-Lokal öffnet.

          New York statt Texas

          Statt minimalistischer Molekularküche, die in den wirtschaftlich fetten Jahren boomte, fallen in den konjunkturschwachen die Portionen größer aus. Auf den Bauchfrei-Trend hat das keinen negativen Einfluss. Burger und eine freigelegte Mitte passen sehr wohl zusammen: In den angesagten Berliner Burger-Restaurants sitzen junge Mädchen mit Modelmaßen und hippe Jungs. Adipös ist da niemand. Das Publikum erinnert eher an New York als an Texas. Man kennt es von der Welle „nachhaltigen“ und „bewussten“ Kaffeegenusses: Amerikanisches Flair macht sich breit.

          Slow Food im Wortsinn: 30 Minuten Wartezeit für einen Burger

          Bei „The Bird“ im Stadtteil Prenzlauer Berg oberhalb des Mauerparks erinnert nicht nur das unverputzte Mauerwerk an die Brick Walls in den Bars von Brooklyn. Auf den Tischen stehen Ketchup, Mayonnaise und Senf in Plastikflaschen, hinter dem Tresen hängen Vereinsabzeichen, das Bier kommt aus dem 1,5-Liter-Pitcher. Auch die Reservierungen halten sich an eine strenge Stundentaktung. Logische Konsequenz: „The Bird“ ist ständig ausgebucht, so dass gerade ein zweites Geschäft am Kottbusser Damm in Kreuzberg eröffnete, dem Burger-Epizentrum.

          Zwei Minuten Fußweg entfernt führt der Neuköllner „Schiller Burger“ ein viertes von bald fünf Restaurants, so groß ist die Nachfrage. Die selbstgebackenen Sesambrötchen, die Süßkartoffel-Pommes und die vielen vegetarischen Burger tragen sicher ihren Teil dazu bei. Der vier Jahre alten Konkurrenz von „Berlin Burger International“ tut das nichts. Die Bierbänke vor dem Stehimbiss sind immer noch zu jeder Tages- und Nachtzeit besetzt.

          Fast-Food ist Slow-Food, der Burger vegan

          Auch der weiter im Norden, in Mitte, eröffnete „Tommi’s Burger Joint“ wird schon in den sozialen Netzwerken angepriesen. Die Burger-Läden 2.0 scheinen alles richtig zu machen. Statt der Reduktion auf fettige Hamburger oder Cheeseburger, wie sie heute in New Yorker Traditions-Burger-Häusern wie „The Shake Shack“ oder „The Burger Joint“ noch üblich sind, gehen die neuen Burger nämlich glatt als „Slow Food“ durch - nicht nur, weil man mindestens 30 Minuten auf sein Essen wartet. Nein, auch die Zutaten sind meist aus Bio-Anbau, oft regional und zunehmend mindestens vegetarisch, wenn nicht vegan.

          Anderswo in der Hauptstadt wird den Bulettenbrötchen gleich eine ganze Eventreihe gewidmet, zu einer Zeit, in der Berliner normalerweise aus dem Bett oder dem „Berghain“ kriechen. „Burgers und Hip Hop“ im „Prince Charles“, einem Club in Kreuzberg, beginnt Samstagnachmittag um 15 Uhr. In der Eingangshalle und auf dem Grill davor brutzeln Fleisch-Patties, die mal orginalgetreu mit eingelegten Gurken, Tomate und Salat, mal ganz im Sinne der Fusion-Küche mit Kimchi, also eingelegtem Chinakohl, serviert werden.

          Der moderne Burger ist eine Klasse für sich

          Lange Schlangen an den acht Essensständen: Hat man hier zuvor drei Tage gefastet? Eine Wartezeit von durchschnittlich einer halben Stunde ist Usus. Nebenbei läuft Hip-Hop, die Klassiker, ein bisschen LL, etwas Jay, dann wieder Snoop. Um 19 Uhr ist die Tanzfläche voll wie sonst in den Kreuzberger Nächten nicht vor ein Uhr nachts. An der Warteschlange draußen herrscht Einlassstopp. Kavita Meelu, die Intitiatorin hinter der Party-Food-Reihe, beschreibt den neuen Essenstrend so: „Der Burger ist das demokratischste Gericht schlechthin. Außerdem stört es überhaupt niemanden, wenn wir wie in der Steinzeit mit Händen essen. Das zieht sich durch alle Klassen hindurch.“

          The Bird in Berlin: Bier aus dem 1,5-Liter-Pitcher

          Im Süden, Westen und Norden der Republik geht es ebenfalls rund. In München ist „Hans im Glück“ schon lange kein Geheimtipp mehr, schon gar nicht bei all den neuen Filialen in Rügen, Köln, Nürnberg oder Berlin. Das Angebot des Münchner Restaurants ist riesig. Neben Fleischburgern gibt es zehn vegetarische Burger. Die figurbewussten Gäste mit No-Carb-Policy bekommen Hackfleischscheibe und Salat solo.

          Wird der McDonald's Billig-Burger verdrängt?

          In Köln macht in der Südstadt „Die Fette Kuh“ mit neun Burgern von sich reden, die es laut Karte mit Rindfleisch von niederrheinischen Weidetieren oder als Veggie-Burger gibt. Stationär bietet jeden Freitag am Ökomarkt am Severinskirchplatz der Foodtruck „Bunte Burger“ vegane Burger mit biologisch abbaubarem Verpackungsmaterial. Und in der Hamburger Altstadt lockt die „Brooklyn Burger Bar“ in einer ehemaligen Apotheke mit selbstgebackenen Brötchen und Bio-Hack vom Bauern. Die Preise liegen wie bei den anderen Lokalen bei acht Euro aufwärts pro Burger.

          So erlebt der Burger auch preislich einen Paradigmenwechsel: Er wird elitär. Gourmetburger haben Avantgarde-Beläge wie Trüffel beim Münchner „Burger House“. Bei McDonald’s wiederum - das ist die Burger-Bredouille, die ganz so demokratisch nicht ist - gehen die Ein-Euro-Burger weiter weg wie warme Semmeln. In Berlin fragt man sich nun, welches Fast-Food-Gericht als nächstes ein Upgrade erlebt? Die Currywurst? Der Döner? Vielleicht wären ein paar neue Salatbars nicht schlecht. Dem Bauchfrei-Look kämen sie entgegen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag beim feierlichen Gelöbnis neuer Rekruten zusammen mit Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Ein Versprechen beim Gelöbnis

          Als Parteichefin hat Kramp-Karrenbauer schwere Wahlkämpfe vor sich. Gleichzeitig will sie ihr Ministerium und die Truppe besser kennenlernen. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Sie verspricht nun, diese ernsthaft anzugehen – und verdient dabei Unterstützung, gerade aus der Bundeswehr.
          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.
          Emanuel Buchmann (vorne) und Thibaut Pinot (Zweiter von vorne) bei der Tour de France

          Tour de France : Buchmanns Glanzstück am Tourmalet

          Bei der Fahrt auf den berüchtigten Tourmalet ist Thibaut Pinot am Schnellsten. Zweiter wird ebenfalls ein Franzose, der das Gelbe Trikot behält. Emanuel Buchmann landet nach einer starken Leistung auf Platz vier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.