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Negroni Cocktail : Ein Drink für die Ewigkeit

Robust, aber nicht zu stark: Sven Riebel aus der Frankfurter Bar „The Tiny Cup“ mixt seine Negroni-Variante. Bild: Wonge Bergmann

Gin, Campari und Wermut – der Cocktail Negroni ist an Schlichtheit kaum zu überbieten. Und erfreut sich steigender Beliebtheit: In vielen Lokalen läuft noch bis Sonntag die „Negroni Week“.

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          Mode vergeht, Stil bleibt: Die Lebensweisheit passt sehr gut zum Negroni. Dieser Cocktail ist ein Drink für die Ewigkeit; ein Stimmungsaufheller voller Kraft und Farbe; ein Aromengigant, der alle Geschmacksknospen auf Touren bringt; eine robuste Mixtur, die zwar nicht so stark ist wie ein Martini oder eine Margarita, aber schon beim ersten Schluck zu erkennen gibt, dass hier ein ernsthafter Drink mit viel Substanz im Glas schwappt.

          Peter Badenhop
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Grunde ist der Negroni an Schlichtheit kaum zu überbieten. Seine drei Bestandteile – Gin, Campari und Wermut – werden zu gleichen Teilen auf Eis gemixt und mit einem Orangenschnitz garniert. Das ist alles. Keine Infusionen, Tinkturen, Bitterspritzer. Die Kombination ist denkbar simpel – aber die leuchtend rote Mischung im Glas ist von geradezu magischer Anziehungskraft. Die drei Bestandteile machen sie rund: Alkohol und botanische Noten liefert der Gin, Süße und Kräuteraromen der Wermut und schließlich feine Bitterkeit der Campari.

          Der Negroni ist einer der wenigen klassischen Cocktails, deren Ursprung bekannt ist. Er verdankt seine Existenz und seinen Namen einem Mann, der in seinem Leben wenig ausgelassen hat: Graf Camillo Negroni machte vor einem Jahrhundert als raubeiniger Rinderzüchter, Rodeoreiter und Kartenspieler ebenso auf sich aufmerksam wie als Verführer, Playboy und Salonlöwe. 1868 in der Nähe von Florenz geboren, suchte er sein Glück in Amerika und Kanada. 1912 kehrte er nach Florenz zurück.

          Durch den geringeren Campari-Anteil zeigt der Drink im Glas zwar weniger Farbe, dafür ist er im Mund aber auch weniger bitter. Bilderstrecke
          Negroni : Negroni - Ein Drink für die Ewigkeit

          Und dort gab er ein paar Jahre später im Café Casoni (heute Café Giacosa) jene Bestellung auf, die ihn zum Namensgeber eines der berühmtesten Drinks überhaupt werden ließ. In den Bars und Salons von Florenz war gerade ein Aperitif namens Americano schwer in Mode, ein Mix aus Campari, Wermut und Sodawasser, der für den Grafen, der aus der Neuen Welt zurückgekehrt war, allein schon wegen des Namens ideal gewesen wäre. Doch dem Lebemann und Abenteurer stand der Sinn nach etwas Stärkerem. Und so ersetzte der Bartender Fosco Scarselli das Sodawasser kurzerhand durch Gin und die im Americano übliche Zitronenzeste durch eine Orangenscheibe.

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          Das war im Jahr 1919. Und es war der Beginn eines Siegeszuges, in dessen Verlauf sich der Negroni seinen Platz im Cocktail-Geschichtsbuch sicherte - neben anderen Klassikern wie dem schon im Jahr 1750 kreierten Gin Fizz oder dem 100 Jahre später entstandenen Sazerac.

          So gut wie unersetzlich für die klassische Mischung ist Campari, der knallig rote Aperitif, der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Norditalien etabliert war und wegen seiner ausgeprägten Bitterkeit vor allem für Longdrinks und Cocktails verwendet wurde - und immer noch wird. Manch anspruchsvoller Barkeeper fasst den Bitterlikör, der von dem gleichnamigen Getränkekonzern viel beworben wird, angesichts seiner Verbreitung in aller Welt heute zwar kaum noch an. Beim Negroni aber haben sie keine Wahl.

          Weil man unterschiedliche Gin-, Spirituosen- und Wermut-Sorten verwendet, gibt es zahlreiche Varianten:

          • der Boulevardier enthält Bourbon statt Gin;
          • beim Tegroni kommt Tequila in die Mischung;
          • der Negroski erhält seine Kraft vom Wodka;
          • beim Negroni sbagliato („falscher Negroni“) wird der Gin durch trockenen Spumante ersetzt.

          Zentral im Negroni-Univerum ist aber weiter der Campari. Der zeitlose Stil dieses Cocktails hat alle Trends überdauert. Und doch profitiert er von der aktuellen Renaissance der klassischen Cocktails. Seit einigen Jahren gibt es sogar eine „Negroni Week“, an der Tausende Bars in aller Welt teilnehmen und eine Woche lang ihre Varianten des Klassikers für einen guten Zweck unter die Leute bringen. In Deutschland beteiligen sich in diesem Jahr noch bis zum 12. Juni etwa 500 Lokale mit ihrer Interpretation des flüssigen Dolce Vita.

          Dem Grafen, der Zeit seines Lebens dem Genuss ergeben war, bis er im Jahr 1934 starb (natürlich in Florenz), würde das sicher gefallen - auch wenn er der von Fosco Scarselli im Café Casoni servierten Ur-Version wohl den Vorzug vor allen modernen Spielarten geben würde. Allein schon aus Gründen des Stils.

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