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Naturweine : Die Grenzgänger sind etabliert

  • -Aktualisiert am

Eine Kollision zweier Grundbedürfnisse des Verbrauchers: Weingut Odinstal in Rheinland-Pfalz. Bild: Miquel Gonzalez / laif

Naturweine sind Bioweine, die von risikobereiten Winzern gemacht werden. Doch die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen hat ihren Preis.

          Nähern wir uns dem Phänomen über eine ganz alltägliche Szene. Auf dem Tisch in der coolen Berliner Weinhandlung „Viniculture“ steht ein Glas Weißwein, Jahrgang 2013, das auf den ersten Blick ganz normal erscheint. Aber etwas stimmt nicht. Der Wein duftet angenehm nach getrockneten Äpfeln - doch die bei jungem Weißwein üblichen frischen Fruchtaromen fehlen. Er schmeckt halbwegs lebendig - aber es fehlt der vordergründige Charme. Er verfügt über eine gewisse Substanz und hat Charakter, ist keinesfalls sauer oder dünn - doch er liegt weitab der Norm.

          Das Etikett liefert den Hinweis: „ohne Zusatz von schwefliger Säure“, „unfiltriert“; es handelt sich um einen sogenannten „Natural Wine“. Die Weinhandlung ist darauf spezialisiert, Weinfreunde aus ganz Europa pilgern hierher. Die Worte auf dem Etikett klingen wunderbar, aber wenn man näher hinschaut, sieht man, dass der Wein nicht klar ist; es gibt einen Schleier aus Gärhefe.

          Hygienisch und unbehandelt, ist das vereinbar?

          In diesem Glas Wein kollidieren zwei Grundbedürfnisse des modernen Verbrauchers: einerseits die Sehnsucht nach ganz „natürlichen“, unbehandelten Produkten ohne jegliche Zusatzstoffe; andererseits der Wunsch nach Erzeugnissen, die hygienisch sauber, frisch und klar sind. Beim Wein wollen die meisten beides in einer Flasche vereint sehen, doch aus fachlicher Sicht ist das einfach nicht möglich.

          Um die optische Klarheit zu erreichen, muss der Wein mindestens eine Behandlung (Filtration) durchmachen, und für die übliche Frische muss er mit einem gewissen Minimum an schwefeliger Säure angereichert werden; „enthält Sulfite“ steht dann auf dem Etikett, und das ist nicht ungesund, denn elementarer Schwefel ist so harmlos, dass Kinder damit im Chemieunterricht spielen.

          Obwohl sie dies alles wussten, haben einige waghalsige Winzer in Frankreich und im Grenzbereich von Italien und Slowenien vor etwa 15 Jahren begonnen, beim Ausbau ihrer Weine mit sehr geringem oder gar keinem Zusatz von schwefliger Säure zu experimentieren. Oftmals hatten sie bereits biodynamisch gearbeitet oder ihre Weine nach archaischen Methoden ausgebaut, sie etwa in Amphoren vergoren statt in Edelstahltanks oder Holzfässern. Sie wollten zurück zum „Urwein“ und waren bereit, dafür die moderne Klarheit und Frische des Weins zu opfern.

          Naturwein – ein neuer und unter Weinkennern umstrittener Trend.

          Das war damals ein geschmackliches Abenteuer und hatte seinen Reiz, selbst wenn manche dieser Weine vollkommen oxidiert waren oder nach Mäuse- oder Hamsterkäfig stanken - ein mikrobielles Problem. Zum Teil schmeckten die Weine auch richtig widerlich. Gelegentlich aber ging die Wette auf, und es entstanden Weine, die weit jenseits der Norm lagen und trotzdem eine gewisse Harmonie und Stabilität besaßen.

          Vor etwa zehn Jahren wurden diese Weine dann „Natural Wines“ getauft, etwas später kam der verwandte Begriff „Orange Wines“ hinzu, weil viele durch die Oxidation orange- oder bernsteinfarbig aussahen. Eine richtige Definition von „Natural Wines“ gibt es immer noch nicht. „Weine aus biodynamischem Anbau von grenzgängerischen Winzern“ ist schwammig, trifft aber zu.

          Hohn für die konventionellen Winzer

          Ein Jahrzehnt lang herrschte unter den Revoluzzern Aufbruchstimmung; sie führten eine Art Guerrilla-Krieg gegen die fortschreitende Technisierung der Kellerwirtschaft und bildeten nach und nach mit gleichgesinnten Sommeliers und Journalisten eine verdammt coole internationale Untergrundbewegung. Schnell baute sich zwischen ihnen und der konventionellen Weinbranche eine Front auf, und die Revoluzzer kommentierten die konventionellen Winzern und ihre Weine nicht selten mit Hohn.

          Diese Haltung scheint weit entfernt vom Konsumenten, der sich einfach nur nach einem unbehandelten Produkt sehnt, aber beide haben eine gemeinsame Quelle: die Gedanken des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Seine Idealisierung von Natur und Urvölkern wurde von Zeitgenossen wie Voltaire stark kritisiert. Seine Ideen schlugen tiefe Wurzeln in die westliche Kultur. Sie sind mit dabei, wenn wir im Supermarkt vor den Regalen stehen.

          Das führt zur manchen Absurditäten, wie mir ein ziemlich unkonventioneller deutscher Winzer neulich erzählte. Er bekam Besuch von einer Weinhändlerin aus Fernost, deren Spezialität „Natural Wines“ sind. Sie verkostete seine Weine und war schwer begeistert. Dann fuhren die beiden in die Weinberge, und die Stimmung sackte. „Oh, nein“, rief sie. „Draht! Das zerstört das Energiefeld!“ Sie meinte die Drahtrahmen, an denen seit Ende der vierziger Jahre Weinreben üblicherweise gezogen werden, weil dieses Anbausystem die kosteneffektive Pflege des Weinbergs mit Traktoren ermöglicht. Die Dame war im Düsen-Flugzeug um die halbe Welt geflogen, fuhr mit dem Auto und navigierte mit ipPad und GPS - aber Draht im Weinberg, das war einfach schlecht.

          Winzer haben gelernt, was tatsächlich funktioniert

          Der „Natural Wine“ genießt insofern eine Sonderstellung als quasi heiliges Produkt. Mit dabei ist eine Menge meist unbewusster Heuchelei. Jeder Wein ist ein Kulturprodukt, selbst wenn natürliche Prozesse bei seiner Herstellung eine wichtige Rolle spielen.

          Gegen die Experimentierfreude dieser Winzer ist jedoch nichts einzuwenden, und obwohl es immer noch stinkige Weine in dieser Kategorie gibt, sind sie im Allgemeinen deutlich klarer und harmonischer geworden. Die Winzer haben inzwischen ausgelotet, was tatsächlich funktioniert, und gelernt, wie Reduktion möglich ist, die trotzdem noch schmeckt. Aus diesem Grund besetzen manche Erzeuger von „Natural Wines“ jetzt eine feste Nische im Markt und vermarkten sich nicht mehr allein durch ihre Neuigkeit und Antihaltung. Diese Gewächse sind erwachsen geworden und haben sich etabliert.

          Bekannte Weingüter

          In Deutschland sind die folgenden Weingüter für „Natural Wines“ bekannt: Weingut Peter Jakob Kühn, Oestrich/Rheingau: Telefon 06723/22 99, im Internet: www.weingutpjkuehn.de. Weingut Jürgen Leiner, Ilbesheim/Pfalz: 06341/30 621, www.weingut-leiner.de. Weingut Hubert Lay, Ihringen/Baden: 07668/18 70, www.weingut-hubert-lay.de. Weingut Melsheimer, Reil/Mosel: 06542/24 22, www.melsheimer-riesling.de. Weingut Odinstal, Wachenheim/Pfalz: 06322/94 95 312, www.odinstal.de. Weingut Rudi Trossen, Kinheim-Kindel/Mosel: 06532/27 14, www.trossenwein.de. Zwei empfehlenswerte Händler: Vinaturel: www.vinaturel.de; Viniculture: www.viniculture.de.

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