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Südafrika : Etwas Gutes tun – und Wein verkaufen

  • -Aktualisiert am

„Wir haben eine Schuld abzuzahlen“: Weingut „Delta“ am Kap der guten Hoffnung Südafrika. Bild: Solms Delta

In einem durch die Apartheid vorbelastetem Gebiet will Winzer Mark Solms seiner Heimat etwas zurückgeben. Im Interview spricht er über sozial nachhaltigen Wein aus Südafrika.

          4 Min.

          Wein vom Kap der guten Hoffnung ist in Deutschland seit langem auf Erfolgskurs: Traumweine aus einer herrlichen Landschaft – und das zu erstaunlich niedrigen Preisen – sind das Geheimrezept der Roten und Weißen aus Südafrika.

          Der Hirnforscher Marc Solms gilt weltweit als wichtiger Wissenschaftler, der bedeutende Impulse bei der Verknüpfung von Psychoanalyse und Hirnforschung gibt, und hat sich mit einem eigenen Weingut dort einen Traum erfüllt.

          Zwangsläufig aber wurde er dabei auch mit dessen Kehrseite konfrontiert, denn unter der Oberfläche hat sich im Weinbau ein gewaltiger sozialer Rückstau gebildet, der auf die jahrzehntelange Apartheid zurückgeht: für Solms, der auf seiner Farm namens „Delta“ im idyllischen Franschhoek zusammen mit einem Partner, der Familie Astor, 39 Hektar Wein bewirtschaftet, eine persönliche Herausforderung.

          Er übernahm die Farm aus dem Familienbesitz

          Die Geschichte begann Mitte der achtziger Jahre, als Solms Südafrika verließ, weil er so der Einberufung zum Wehrdienst entging; als Soldat hätte er im Ernstfall auf die eigene südafrikanische Bevölkerung in den Townships schießen müssen. Nach dem Ende der Apartheid konnte er zurückkehren, leitet heute die Abteilung für Neuropsychologie am Groote Schuur Hospital in Kapstadt und ist Professor für Psychiatrie am Mount Sinai Hospital in New York.

          Seine Tante bot ihm an, die seit langem in Familienbesitz befindliche Farm zu übernehmen, auf der von 1619 bis 1906 der Weinanbau floriert hatte, und so auch eine lange Tradition fortzusetzen, da seine Vorfahren seit dem 15. Jahrhundert im rheinhessischen Nackenheim Wein erzeugt hatten, bevor sie nach Südafrika auswanderten. 2001 wurden auf „Delta“ die ersten Reben gepflanzt.

          Doch zu der Farm mit Land und Gebäude gehören seit Jahrhunderten auch die dort lebenden Familien der Farmarbeiter, und so startete Solms sein Projekt. Heute bietet das Weingut ein Besucherzentrum mit Restaurant und Vinothek, aber vor allem auch ein Museum zur Geschichte der Sklaverei auf der Farm, in dem, soweit recherchierbar, alle Sklaven benannt sind. Darüber hinaus sind neue Reihenhäuser für die Arbeiter entstanden, eine Vorschule, Musik- und Sportvereine sowie zwei Bands für die Jugendlichen und Kinder.

          Mr. Solms, Sie sind ein weltweit anerkannter Wissenschaftler. Ist Ihre Weinfarm ein Hobby?

          Nein, ganz sicher viel mehr. Sie ist zur großen Aufgabe in meinem Leben geworden.

          Wie kam es dazu?

          Wir Südafrikaner - und speziell die Landbesitzer - haben eine Schuld abzuzahlen. Die alte Elite behielt sowohl das Land als auch die Profite weiter für sich; noch heute sind rund 99 Prozent des Landbesitzes in weißer Hand. Die ganze Ökonomie Südafrikas darf nicht in der Hand derjenigen liegen, die von der Apartheid profitiert haben. Und so hatte ich im Kopf, ein kleines Beispiel zu liefern, wie man es anders machen könnte.

          Wie ging es los?

          Als ich „Delta“ übernommen habe, rief ich alle, die auf der Farm lebten, zusammen, um mit ihnen zu besprechen, wie es weitergehen soll. Aber es war unmöglich, mit ihnen zu reden, die Menschen haben bei der Versammlung nur verschämt auf den Boden geschaut und geschwiegen. Es war eine sehr unangenehme Situation für uns alle. Aber das ist die Situation auf den weißen Farmen: Die psychologischen Verhältnisse sind paranoid, weil sich die Eigentümer schuldig fühlen.

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