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Nachhaltig einkaufen : Zu gut für die Tonne

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Gerettet: SirPlus liefert in einer Box Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder die aus anderen Gründen keiner kaufen will. Bild: F.A.S.

Täglich landen noch genießbare Lebensmittel im Müll. Junge Startups wollen das große Wegwerfen stoppen, indem sie die Sachen retten und weiterverkaufen. Wir haben drei Angebote getestet.

          7 Min.

          Die Milch riecht sauer? Weg damit! Der Apfel fault an einer Stelle? Weg damit! Die Kartoffeln keimen? Weg damit! Die Brötchen sind trocken? Die Himbeeren matschig? Die Nudeln von letzter Woche? Im Schnitt landet jedes achte Lebensmittel, das wir kaufen, im Müll.

          Das belegt eine Studie von 2012, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Auftrag gegeben hat. Zusammen mit Industrie, Handel und Gastronomie entsorgen die Verbraucher jedes Jahr etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel. Pro Bundesbürger sind das 81,6 Kilogramm. Etwa zwei Drittel der Lebensmittelabfälle wären vermeidbar. Genau da setzen verschiedene Startup-Unternehmen mit ihren Angeboten an, indem sie die Lebensmittel weiterverkaufen. Drei davon will ich testen: die „Retterboxen“ von Etepetete und SirPlus sowie die App „Too good to go“. Die Boxen kosten zwischen 20 und 30 Euro, die App nichts. Mein Ziel: herausfinden, wie alltagstauglich die Angebote sind. Kann ich sparen – und sogar mein Verhalten ändern? Schließlich schnappt der Deckel meines Mülleimers recht schnell auf. „Wenn du dir unsicher bist, tu es lieber weg“, rät mir auch meine Mutter oft.

          Wie mit dem SUV zum Biosupermarkt zu fahren

          SirPlus aus Berlin macht das Gegenteil: Das Startup verkauft Lebensmittel, die abgelaufen sind. Die „Retterbox“ soll Grundnahrungsmittel, Snacks und Getränke enthalten, die noch genießbar sind – und mindestens 30 Prozent günstiger als im Laden. Die Kiste wird nach Hause geliefert.

          Es klingelt! Ich eile zur Tür und nehme das Paket entgegen. Ziemlich schwer. Kaum ist der Bote weg, reiße ich die Pappe auf und stöbere in dem Karton: Mangosaft, Popcorn, Tee. Keine der Marken kenne ich. Und aus den Produkten lässt sich spontan kein Mittagessen für zwei zaubern. Zwischen Proteinbällchen und Kokosmilch entdecke ich ein Glas Karottencremesuppe. Ich lese das Etikett: Die Suppe ist noch Monate haltbar! Trotzdem bin ich erleichtert, dass der Deckel ploppt, als ich ihn aufdrehe. Ich halte meine Nase über das Glas. Riecht süßlich und herb.

          Die Suppe ist schnell aufgewärmt. „Was ist das?“, fragt mein Freund und beugt sich über seinen Teller. Er schnüffelt wie ein Hund, der eine Fährte wittert. Ein Löffel wandert in den Mund. Stille. Wieder ein Löffel. Wieder Stille. Dann endlich: Rauch über der Sixtinischen Kapelle! Er sei anderes von mir gewohnt, sagt der Mann und schiebt den Teller weg. Ich erzähle, dass Karottensaft als Kind mein Lieblingsgetränk war. Er sagt, er habe orangenen Brei schon als Baby gehasst. Ich lese die Zutaten vor: „Alles aus kontrolliert ökologischem Anbau“. Er droht mit Würgen. Wegen unüberbrückbarer geschmacklicher Differenzen wird die Suppe meines Freundes schließlich entsorgt. Ich esse meinen Teller leer. Gerettetes Essen wegzuschmeißen ist wie mit dem SUV zum Biosupermarkt zu fahren. Aber über Geschmack lässt sich nun mal nicht streiten.

          „Die Veggie-Chips mussten gerettet werden, weil die niemand kauft“

          Nächster Versuch. Zwei Freunde haben zu sich eingeladen. Es ist Samstagabend, wir spielen ein Brettspiel. Jetzt was zum Knabbern! Ich biete meine geretteten Veggie-Chips an. Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 2. November 2017.

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