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Moselwinzer Nik Weis : Die Schönheit des Chaos der Vielfalt

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Nik Weis auf seinem Weingut Bild: Jon Wyand

Nichts weniger als „ewigen Weinbau“ will der Moselwinzer Nik Weis auf seinem St.-Urbans-Hof in Leiwen betreiben. Und er kommt diesem Ziel beeindruckend nahe.

          4 Min.

          Das Schreckensszenario der Science-Fiction-Kassandras ist längst Wirklichkeit geworden: eine Welt voller geklonter Lebewesen, in der die Horrorherrschaft der Uniformität den unerschöpflichen Einfallsreichtum des Lebens und die Tyrannei der Gleichförmigkeit die wunderbare Anarchie der Vielfalt ausgelöscht hat. Noch sind die Menschen davon verschont, die Reben aber nicht, weil selbst Spitzenwinzer ihre Weinberge oft so bedenken- wie gedankenlos vollständig mit identischen Rebklonen bepflanzen und so eine Traubenmonokultur ganz nach den dystopischen Visionen eines Kazuo Ishiguro schaffen. Nik Weis will diese Zukunft um keinen Preis und betreibt deswegen den „ewigen Weinbau“, wie er es nennt – einen Weinbau nach den Gesetzen der Natur und der Natürlichkeit statt nach den Maximen eines vermeintlichen Fortschrittsversprechens der Wissenschaft.

          Sein Eureka hatte der Patron des Weinguts St.-Urbans-Hof aus Leiwen an der Mittelmosel im Weinberg Wiltinger Alte Reben, der entgegen seinem Namen nicht nur mit mehr als hundert Jahre alten, sondern wild durcheinander auch mit jungen und mittelalten Rebstöcken bepflanzt ist. Die Gewächse aus dieser Lage schmeckten ihm besser als alle anderen seiner Weine, obwohl Wiltingen gar nicht zu den besten Weinbergen seines Gutes zählt. Nik Weis stand vor einem Rätsel, bis er plötzlich begriff, welches Geheimnis hinter der Qualität dieses Rebgartens lag: Es ist die Mischung der Stöcke, die Vielfalt ihres Alters, die Ungleichheit ihrer Entwicklungsstadien, der Variantenreichtum ihrer Genetik, das Tohuwabohu der Traubenaromatik.

          Von dieser Sekunde an beschloss Nik Weis, nur noch ewigen Weinbau zu betreiben: Niemals rodet er komplette Rebzeilen oder sogar ganze Lagen, sondern ersetzt immer nur altersschwache oder tote Rebstöcke durch neue. Und niemals strebt er dabei eine uniforme Genetik an, sondern schafft ganz im Gegenteil das größtmögliche genetische Chaos. „Ein Weinberg sollte wie eine langsam über viele Jahrzehnte entstandene Stadt und keine Ansammlung geklonter Zinnsoldaten sein, denn meine Weinberge sollen nicht nur wachsen, sie müssen auch gewachsen sein“, sagt Nik Weis und entkorkt dann in rascher Folge und mit unerschöpflichem Enthusiasmus eine Flasche nach der anderen, Schiefer Riesling, Wiltinger Alte Reben, Bockstein Große Lage, Bockstein Großes Gewächs, allesamt Rieslinge – und behält jedes Mal recht.

          Die Wahrheit liegt immer im Glas

          Seine Weine scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, jedem vorschnellen Urteil ein Schnippchen zu schlagen, bei jedem Schluck eine neue Nuance zu offenbaren, im Minutentakt in ein anderes Gewand zu schlüpfen, permanent mit ihrer Komplexität zu kokettieren. Erst hat man Flieder und Veilchen in der Nase, dann Holunder und Kamille, schließlich Holz, Leder, Teer oder Petrichor, den Geruch des Regens, der nach einer langen Trockenperiode auf warme Steine fällt und die ätherischen Öle der dort abgestorbenen Pflanzen wieder zum Leben erweckt. „Meine Weine dürfen sogar stinken, wenn sie wollen, guter Käse stinkt ja auch“, sagt Nik Weis und lächelt dabei so selbstgewiss und selbstbewusst und frei von jeder Arroganz, wie nur jemand lächeln kann, der vollkommen davon überzeugt ist, das einzig Richtige zu tun.

          Bild: Gisela Goppel

          Das Selbstbewusstsein wurde Nik Weis von Kindesbeinen an mit auf den Lebensweg gegeben. Er stammt aus einer alteingesessenen Leiwener Winzerdynastie, doch erst sein Großvater gründete das Weingut St.-Urbans-Hof, gab ihm den Namen des Schutzheiligen aller Winzer, baute einen prachtvollen Gutshof am Rand von Leiwen, wurde später Landtagsabgeordneter und Winzerlobbyist, kelterte allerdings – wie damals alle Weinbauern im Dorf – eher Massen- als Qualitätsware. Auch sein Sohn achtete eher auf Ertrag und Geschäft, heiratete aber auch eine Winzerstochter von der Saar, lernte von deren Vater, exzellenten Wein zu machen, und gründete nebenbei ein Gut in Kanada. „Mein Vater hätte am liebsten die ganze Welt mit Reben bepflanzt und den Mond noch dazu“, sagt Nik Weis, der wegen des exzessiven, jugendlichen Konsums von Jacques-Cousteau-Dokumentationen eigentlich Meeresbiologe werden wollte. Doch da seine drei älteren Schwestern allesamt ihre eigenen Wege gingen – die jüngste hat den wunderbaren Sternekoch Harald Rüssel geheiratet und betreibt mit ihm das Landhaus St. Urban ein paar Kilometer von Leiwen entfernt –, blieb dem jungen Nik nichts anderes übrig, als Wein zu keltern.

          Vor 21 Jahren übernahm er das Gut, setzte alle Segel auf Kurs Spitzenqualität, wurde schon drei Jahre später in den Verband der Deutschen Prädikatsweingüter aufgenommen, bewirtschaftet heute siebzehn Hektar an der Mosel und dreiundzwanzig an der Saar, sammelt Preise wie andere Menschen Panini-Bildchen, veredelt jedes Jahr eine halbe Million Rebpflanzen in seiner eigenen Rebschule und lebt mit jeder Pore seine Philosophie eines Weinbaus der Ewigkeit und Unverfälschtheit. Deswegen verzichtet er auch komplett auf Reinzuchthefen und vertraut vollkommen der Spontanvergärung. „Reinzuchthefen verwischen die Aromen und machen glatte, saubere Weine. Ich aber will Natürlichkeit statt Perfektion, Authentizität statt Austauschbarkeit, Komplexität statt Uniformität und keine Weine, die nach nichts anderem als Pfirsich schmecken. Da kann ich mir ja gleich Pfirsichsaft kaufen“, sagt Nik Weis, der so geschliffen parliert, dass man ihn auch für einen Professor der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft halten könnte.

          Die Wahrheit jedes Winzers liegt aber immer im Glas, nicht auf der Zunge, und bei Nik Weis ist sie nichts als gut und schön. Selbst die einfacheren Qualitäten wie der Riesling vom Schiefer oder vom Quarzit erinnern an einen Garten der Semiramis voller frischer Kräuter und duftender Steinobstbäume, während die Großen Gewächse wie der Laurentiuslay so vielstimmig wie ein antiker Chor, so vielschichtig wie eine Aromen-Odyssee sind, ohne aber zur Geschmacksirrfahrt zu werden – viel lieber bleiben sie so harmonisch, als läge auf dem Grund des Glases Odysseus in den Armen seiner Penelope.

          Weingut Nik Weis – St.-Urbans-Hof, Urbanusstraße 16, 54340 Leiwen, Telefon: 06507/93770, http://www.urbans-hof.de.

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