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Moselwinzer Nik Weis : Die Schönheit des Chaos der Vielfalt

  • -Aktualisiert am

Nik Weis auf seinem Weingut Bild: Jon Wyand

Nichts weniger als „ewigen Weinbau“ will der Moselwinzer Nik Weis auf seinem St.-Urbans-Hof in Leiwen betreiben. Und er kommt diesem Ziel beeindruckend nahe.

          Das Schreckensszenario der Science-Fiction-Kassandras ist längst Wirklichkeit geworden: eine Welt voller geklonter Lebewesen, in der die Horrorherrschaft der Uniformität den unerschöpflichen Einfallsreichtum des Lebens und die Tyrannei der Gleichförmigkeit die wunderbare Anarchie der Vielfalt ausgelöscht hat. Noch sind die Menschen davon verschont, die Reben aber nicht, weil selbst Spitzenwinzer ihre Weinberge oft so bedenken- wie gedankenlos vollständig mit identischen Rebklonen bepflanzen und so eine Traubenmonokultur ganz nach den dystopischen Visionen eines Kazuo Ishiguro schaffen. Nik Weis will diese Zukunft um keinen Preis und betreibt deswegen den „ewigen Weinbau“, wie er es nennt – einen Weinbau nach den Gesetzen der Natur und der Natürlichkeit statt nach den Maximen eines vermeintlichen Fortschrittsversprechens der Wissenschaft.

          Sein Eureka hatte der Patron des Weinguts St.-Urbans-Hof aus Leiwen an der Mittelmosel im Weinberg Wiltinger Alte Reben, der entgegen seinem Namen nicht nur mit mehr als hundert Jahre alten, sondern wild durcheinander auch mit jungen und mittelalten Rebstöcken bepflanzt ist. Die Gewächse aus dieser Lage schmeckten ihm besser als alle anderen seiner Weine, obwohl Wiltingen gar nicht zu den besten Weinbergen seines Gutes zählt. Nik Weis stand vor einem Rätsel, bis er plötzlich begriff, welches Geheimnis hinter der Qualität dieses Rebgartens lag: Es ist die Mischung der Stöcke, die Vielfalt ihres Alters, die Ungleichheit ihrer Entwicklungsstadien, der Variantenreichtum ihrer Genetik, das Tohuwabohu der Traubenaromatik.

          Von dieser Sekunde an beschloss Nik Weis, nur noch ewigen Weinbau zu betreiben: Niemals rodet er komplette Rebzeilen oder sogar ganze Lagen, sondern ersetzt immer nur altersschwache oder tote Rebstöcke durch neue. Und niemals strebt er dabei eine uniforme Genetik an, sondern schafft ganz im Gegenteil das größtmögliche genetische Chaos. „Ein Weinberg sollte wie eine langsam über viele Jahrzehnte entstandene Stadt und keine Ansammlung geklonter Zinnsoldaten sein, denn meine Weinberge sollen nicht nur wachsen, sie müssen auch gewachsen sein“, sagt Nik Weis und entkorkt dann in rascher Folge und mit unerschöpflichem Enthusiasmus eine Flasche nach der anderen, Schiefer Riesling, Wiltinger Alte Reben, Bockstein Große Lage, Bockstein Großes Gewächs, allesamt Rieslinge – und behält jedes Mal recht.

          Die Wahrheit liegt immer im Glas

          Seine Weine scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, jedem vorschnellen Urteil ein Schnippchen zu schlagen, bei jedem Schluck eine neue Nuance zu offenbaren, im Minutentakt in ein anderes Gewand zu schlüpfen, permanent mit ihrer Komplexität zu kokettieren. Erst hat man Flieder und Veilchen in der Nase, dann Holunder und Kamille, schließlich Holz, Leder, Teer oder Petrichor, den Geruch des Regens, der nach einer langen Trockenperiode auf warme Steine fällt und die ätherischen Öle der dort abgestorbenen Pflanzen wieder zum Leben erweckt. „Meine Weine dürfen sogar stinken, wenn sie wollen, guter Käse stinkt ja auch“, sagt Nik Weis und lächelt dabei so selbstgewiss und selbstbewusst und frei von jeder Arroganz, wie nur jemand lächeln kann, der vollkommen davon überzeugt ist, das einzig Richtige zu tun.

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