https://www.faz.net/-hrx-9nybl

Mobile Rösterei : Rollendes Café mit tonnenschwerem Ofen

Jungunternehmer: Der ehemalige Maschinenbauer Norbert Bienfait in seinem rollenden Café, im Vordergrund eine gußeiserne Röstmaschine Bild: Bäuml, Lucas

Norbert Bienfait betreibt in einem Truck eine rollende Kaffeerösterei. Damit hat er eine Marktnische erobert. Denn das Geschäftsmodell hat sich dem mobilen Genuss verschrieben.

          Böse Zungen könnten sagen, Norbert Bienfait verdiene sein Geld mit dem Verkauf brauner Brühe. Doch das würde nicht annähernd sein Geschäftsmodell erklären. Dieses basiert vielmehr auf Geschmack und Beweglichkeit: Der 60 Jahre alte Frankfurter betreibt eine mobile Kaffeerösterei. Dabei profitiert Bienfait von dem Trend, dass Marktbesucher beim Einkaufen gerne mal eine Kaffeepause einlegen.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn am frühen Freitagmorgen auf dem Gravensteiner Platz in Preungesheim der Wochenmarkt aufgebaut wird, fällt zwischen den Ständen der 14 Meter lange weiße Truck mit den aufgedruckten Kaffeebohnen und der Aufschrift „Kaffee-Röstmobil“ ins Auge. Auf der Beifahrerseite seines Gefährts klappt Bienfait Teile der Seitenwände nach außen und gibt so den Blick auf Verkaufstheke und Regale voller Kaffeepackungen frei. Dann spannt er noch große beige Sonnenschirme auf und stellt Tische und Bistrostühle vor den Truck: Fertig ist das Café.

          Vom Maschinenbauingenieur zum Kaffeeröster

          Im Inneren des Mobils, das einst einem Kabelnetzbetreiber als Verkaufsfiliale diente und von Bienfait umgebaut wurde, steht eine gepolsterte Sitzgruppe. Auch eine Küche gibt es. Blickfang ist das schmucke Herzstück des Betriebs: eine gußeiserne Röstmaschine. Das kompakte Modell des niederländischen Herstellers Giesen wiegt gut eine Tonne und musste wegen des hohen Gewichts exakt auf der Hinterachse des Trucks positioniert werden. Bis zu sechs Kilogramm Röstgut fasst der Ofen im Wert eines Mittelklassewagens. Seinen Rohkaffee bezieht Bienfait direkt von Plantagen in El Salvador, Guatemala, Brasilien und Mexiko.

          Früher hat der Kaffeeröster als Maschinenbauingenieur gearbeitet. Als seine Firma ihm betriebsbedingt kündigte, entschied sich der damals Vierundfünfzigjährige, als Jungunternehmer neue Wege zu gehen. Er hospitierte bei großen Röstereien und absolvierte Lehrgänge, um das Rösten zu erlernen. Dies sei schlichtes Handwerk und Kunst zugleich, sagt er. Kaffeebohnen konservierten sehr gut die je nach Herkunft und Anbau verschieden ausgeprägten Aromen.

          Wie den im Urzustand meist hellen Bohnen, die erst unter Hitze anschwellen, aufplatzen und sich dunkel färben, am besten ihr besonderer Geschmack entlockt werden könne, daraus machen Röstmeister gerne ein Geheimnis. Ob stark und bitter, mild, nussig oder schokoladig – nicht nur die Herkunft der Bohne, sondern auch die Art des Röstens beeinflusst das Aroma. Gleichbleibende Rösttemperatur, Unterdruck und Luftzufuhr der Röstkammer spielten eine Rolle, sagt Bienfait. Mehr will er nicht verraten.

          Fünf Geschmacksrichtungen

          Wer denkt, Bienfait röste vor den Augen seiner Kunden den Kaffee, um ihn dann zu mahlen, aufzubrühen und zu servieren, der liegt falsch. Die gerösteten Bohnen müssten mindestens eine Woche lagern, um ausgasen zu können, sagt er. Die Bohnen, mit denen Bienfait in seinem Truck Kaffee und Espresso zubereitet, hat er dort zuvor bearbeitet und veredelt. Abgepackt verkauft er seine Ware in fünf Geschmacksrichtungen. Das Geschäft von Bienfait expandiert. Mit seinem Röstmobil fährt er nicht nur freitags am Gravensteiner Platz auf, sondern auch dienstags auf dem Wochenmarkt an der Friedberger Warte, donnerstags auf dem Campus Westend und samstags in Langen. Auch auf Volksfesten macht er Station, wie etwa jüngst beim Wäldchestag. Bienfait findet es vorteilhaft, unabhängig und beweglich zu sein. Ein stationäres Café mit Rösterei habe ihn nicht interessiert, sagt er. Das Risiko erschien ihm zu groß: Die Kosten für Ladenausbau, Miete und Personal wären deutlich höher – und wenn dann in der Nachbarschaft eine Filiale der großen Kaffee-Ketten wie etwa Starbucks öffne, könne man gleich dichtmachen.

          Eine Marktnische sieht Bienfait hingegen auf den Wochenmärkten. Zwar sei deren Geschäft schwerer geworden, doch dies führe dazu, dass sie sich immer öfter mit gastronomischen Angeboten profilierten. Ob Weinstände, Grillstationen, Crêpes-Verkauf oder Suppenküchen – es gebe dort inzwischen viele Gelegenheiten zum geselligen Beisammensein. Dies gelte vor allem für Märkte in Neubaugebieten, in denen es an Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten mangele. Ein mobiles Café fügt sich da gut ein, vor allem wenn dort nicht nur gebrüht, sondern auch geröstet wird.

          Weitere Themen

          Paradies hinter verschlossenen Toren

          Boehlepark in Frankfurt : Paradies hinter verschlossenen Toren

          Grün, so weit das Auge reicht. Der Boehlepark in Frankfurt Sachsenhausen ist eine kleine Oase am Rande der großen Stadt. Wie schön der Park wirklich ist, wissen die wenigsten. Denn der Zutritt zu dem Gelände ist verboten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.