https://www.faz.net/-hrx-9lf2y

Fasten auf Schwäbisch : Wie man mit Maultaschen das Fleischverbot der Fastenzeit umging

  • Aktualisiert am

Lässt Schwaben-Herzen höher schlagen: Maultaschen mit geschmälzten Zwiebeln (Symbolbild). Bild: dpa

Maultaschen gelten als traditionelles Fastengericht – obwohl sich in der Füllung Fleisch verbirgt. Auch wer die Nudeltasche erfunden hat, weiß niemand so genau. Eine Spurensuche.

          Die Maultasche soll während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) erfunden worden sein: Eines Tages, so die Legende, fiel dem Maulbronner Laienbruder Jakob auf dem Heimweg vom Reisigsammeln der Sack eines flüchtenden Diebs vor die Füße. Darin entdeckte er ein schönes Stück Fleisch. Weil Fastenzeit war und die Mönche des Zisterzienserklosters kein Fleisch essen durften, hackte er es klein und mischte es unter das Gemüse des Gründonnerstagsmahls.

          Doch ihn packte das schlechte Gewissen und so wickelte der Laienmönch die Fleisch-Gemüse-Mischung kurzerhand in kleine Taschen aus Nudelteig. „So konnte er das Fleisch vor den Augen Gottes und seiner Mitbrüder verbergen - und servierte das herzhafte Mahl als Fastenspeise“, heißt es dazu auf der Internetseite des Klosters Maulbronn, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Im Volksmund werden die rechteckigen, rund 100 Gramm schweren Nudeltaschen auch „Herrgottsb’scheißerle“ genannt.

          Maultaschen im All

          Inzwischen sind die Maultaschen neben den Spätzle schon lange ein Synonym für die schwäbische Küche. Das einstige Reste-Essen und Fastengericht hat sich auch in der Spitzengastronomie seinen Platz gesichert und wird ganz selbstverständlich bei offiziellen Empfängen auch außerhalb von Baden-Württemberg und Bayern gereicht.

          Sogar ins Weltall sind die Teigtaschen schon geflogen: Das schwäbische „Bonus Food“ wurde 2018 auf Wunsch des Künzelsauer Astronauten Alexander Gerst auf die internationale Raumstation ISS geliefert. Einen anderen Weltrekord schaffte ein Team aus dem württembergischen Herrenberg: Mit einer 1.642-Meter-Maultasche gelang ihnen 2004 der Eintrag ins Guinness-Buch.

          Das Wort Maultasche war lange vor allem bekannt als ein Schlag aufs Maul, also ins Gesicht. Das Wörterbuch der Brüder Grimm (1851) listet aber auch eine weitere Bedeutung auf: In Schlesien „ein Gebäck“ und in Schwaben eine „gefüllte Nudel“.

          Doch eine Art Ravioli-Kopie?

          Auch wenn es für die Klostergeschichte des Maulbronner Bruders Jakob keine schriftlichen Belege gibt – die Schwaben sind stolz auf ihre Spezialität. Und weisen empört Theorien zurück, wonach die Maultasche lediglich eine Art Raubkopie italienischer Ravioli sei, die die österreichische Gräfin Margarete von Tirol-Görz im 14. Jahrhundert im Ländle bekanntmachte. Diese Gräfin trug den Beinamen Maultasch. Möglicherweise – auch das ist nicht belegt – wurde das Gericht auch aus China oder Russland importiert: Hier essen die Menschen ebenfalls seit Jahrhunderten gefüllte Nudeltaschen, „Wan Tan“ und „Piroggen“.

          Bilderstrecke

          Für den schwäbischen Autor Thaddäus Troll (1914-1980) schwimmt die perfekte Maultasche blass und aufgedunsen „wie eine Wasserleiche“ in der Fleischbrühe: „In einem unliebenswürdigen Gewand verbirgt sich ein delikater Kern: wahrlich ein Symbol für meine Landsleute selbst.“

          Seit 2009 ist sie als regionale Spezialität von der EU geschützt. Ein genaues Rezept – etwa aus Klosterzeiten – gibt es nicht, dafür aber zahllose Varianten der gefüllten Nudeln. Experten wie der Exil-Schwabe und Maultaschen-Blogger Volker Klenk schwören auf die klassischen Zutaten wie Fleisch, Spinat, Brot, Zwiebel, Gewürze und Petersilie.

          Das Maultaschen-Manifest

          Mittlerweile lebt Klenk in der hessischen Diaspora, in Kronberg im Taunus. Es war die Sehnsucht nach dem Kindheitsgericht, die ihn bewegte, ein Maultaschen-Manifest über die Königin der schwäbischen Küche zu formulieren. Um die „komplexe, handgewickelte Spezialität“ entsprechend zu würdigen, hat er für Gründonnerstag (18. April) gar den ersten „Weltmaultaschentag“ ausgerufen, erzählt der Kommunikationswissenschaftler der Universität Mainz im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

          Das schwäbische Leibgericht wird traditionell nicht nur am Gründonnerstag serviert, sondern an allen drei Tagen vor Ostern: am Gründonnerstag in der Fleischbrühe, am Karfreitag mit geschmälzten Zwiebeln und Kartoffelsalat und am Karsamstag werden Maultaschen-Streifen in Butter gebraten, erklärt Klenk. Und genauso wie gläubige Hindus einmal im Leben zum Ufer des Ganges pilgerten, Katholiken nach Lourdes und Muslime nach Mekka, sollte ein Maultaschenfan „einmal im Leben den Maultaschen-Wallfahrtsort Maulbronn besuchen“, ergänzt er mit einem Schmunzeln.

          Weitere Themen

          Style? Oder nur Street?

          Mode aus Paris : Style? Oder nur Street?

          Fast genauso spannend wie die großen Modeschauen selbst sind ihre Gäste: Was tragen die eigentlich? Stimmen Sie ab, welcher Streetstyle Ihnen am besten gefällt.

          Der berühmteste Eismann Berlins

          Mauro Luongo : Der berühmteste Eismann Berlins

          Ein Bauernsohn aus Ischia dürfte der populärste Eismann Berlins sein. Mauro Luongo hat den Mauerfall erlebt und die Gentrifizierung seines Kiezes – und einmal wurde sogar auf ihn geschossen.

          Topmeldungen

          Wegen Amazonas-Bränden : Europa droht Bolsonaro mit Blockade

          Der Streit mit Brasilien um die Waldbrände eskaliert: Finnland prüft ein Einfuhrverbot für brasilianisches Rindfleisch in die EU, Irland und Frankreich drohen, ein Handelsabkommen zu blockieren. Politiker aus Europa schießen gegen Präsident Bolsonaro.
          Hans-Georg Maaßen im CDU-Wahlkampf vor der Landtagswahl in Sachsen am 1. September

          Streit über Parteiausschluss : Maaßen dankt Schäuble für Unterstützung

          Im Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen geht Wolfgang Schäuble auf Distanz zur CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident bekennt: „Das war wohltuend.“
          Auch Sojabohnen aus Amerika werden betroffen sein.

          Importe aus Amerika : China kündigt neue Zölle an

          Von Mitte Dezember werden fast alle chinesischen Importe in die Vereinigten Staaten mit Strafzöllen belegt sein. Diese Entwicklung lässt die chinesische Regierung nicht unbeantwortet.

          Boris Johnson und Twitter : Fuß auf dem Tisch? Skandal!

          Boris Johnson legt bei Präsident Macron flegelhaft den Fuß auf den Tisch – oder war doch alles ganz anders? Warum „Footgate“ ein Beispiel für die fatale Empörungsroutine in den Netzwerken ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.