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„Marktschwärmer“ : Rettet eine App die Wochenmärkte?

  • -Aktualisiert am

Wochenmarkt reloaded: Marktschwärmerei in Berlin-Pankow. Hier können Kunden ihre zuvor per App bestellte Ware abholen. Bild: Julia Zimmermann

Die Händler flüchten von Wochenmärkten, als Kunden bleiben Senioren und Edelköche. Ein neuer Trend könnte helfen: die „Marktschwärmerei“, bei der App-Alltag und mittelalterlicher Marktgedanke fusionieren.

          8 Min.

          Ein Samstag im Herbst. Wochenmarkt Wolfenbüttel. Es riecht nach deutschem Idyll mit Bratwurst-Flavour. Die Kulisse: Fachwerkhäuser, Sonnenschein, der gute Welfenherzog August thront in Bronze über Kürbissen, Käse und Karotten. Gerade war Erntedankfest, in den umliegenden Kirchen wurde zum Posaunenschmettern gesungen: „Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land, / Doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ Weißhaarige Paare stehen mit Körben bei Blumenständen an, Mütter kaufen ihren quengelnden Kindern eine Thüringer, Lammlachse und Pflaumen sind fast ausverkauft. Da, wo es noch Pflaumen gibt, am Obst- und Gemüse-Stand von Frank Biedehorn, stehen zwei junge Frauen. Sie betrachten die Kartoffeln, Lauchstangen und Salatköpfe. Plötzlich zeigt eine der beiden auf einen Rotkohl und fragt ihre Begleiterin:

          „Du, was is’n das?“

          „Na, das ist das Zeug aus dem Döner!“

          Rotkohl wird seit dem Mittelalter in Europa angebaut und war bis vor kurzem ein Grundnahrungsmittel, auf allen Wochenmärkten auch im Winter zu haben, in Supermärkten sowieso. Superfood, bevor irgendjemand das Wort erfunden hatte. Wie konnte dieses selbstverständliche Oma-Gemüse zum „Zeug aus dem Döner“ werden? Und kann man nicht gleich die Chronik eines angekündigten Todes für die deutschen Wochenmärkte schreiben, wenn die Wrap-to-go-Generation nicht einmal mehr einen Rotkohl erkennt? Aber: Wird es eine langfristige Agrarwende nicht nur mit regionalen Wochenmärkten geben? Oder bleiben die als malerisches Biotop für Hardcore-Veganer, die sich stets fragen, wie es der Seele der Gurke gerade geht?

          Die Postkartenidylle ist hart erkämpft

          Für Marktromantiker aller Art sind die nackten Zahlen ernüchternd: Zurzeit gibt es in Deutschland noch rund 3300 klassische Wochenmärkte, Tendenz abnehmend; seit Jahren ist ein Händlersterben zu beobachten. Das berichtet die private Deutsche Marktgilde, die bundesweit rund 200 Märkte organisiert. Kloppten sich früher die Erzeuger und Händler um Flächen, so suchen Marktplätze heute händeringend gute Standunternehmer. Angebot und Nachfrage haben sich komplett gedreht.

          Dabei ist der Markt für Lebensmittel enorm: Im vergangenen Jahr wurden allein über den Einzelhandel rund 123,1 Milliarden Euro umgesetzt, auch wenn die Deutschen im internationalen Vergleich damit relativ wenig für Essen ausgeben, nämlich von zehn nur je einen Euro. „Der Umsatz auf deutschen Wochenmärkten ist in den letzten 20 Jahren extrem gesunken, auch wenn er sich in den letzten Jahren auf niedrigem Niveau etwas stabilisiert hat“, sagt Gerhard Johnson, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Marktgilde, die 250 Markttage pro Woche in 120 Städten ausrichtet. Wurden im Jahr 2000 vier Milliarden Euro umgesetzt, seien es im Jahr 2018 nur noch 1,4 Milliarden gewesen.

          Denn die Postkartenidylle des „German Farmers’ Market“, der in vielen Städten wie ein Emblem des Alten Europas wirkt, ist – für die Kunden unsichtbar – hart erkämpft. Die Anstrengung, bei Wind und Wetter zu ernten, um drei Uhr in der Früh aufzustehen, auf den Großmarkt zu fahren, den Verkaufswagen fertig zu machen, im Sommer bei 35 oder 40 Grad gutgelaunt zu verkaufen – das schreckt die Kinder der oft traditionell in Familien organisierten Markthändler ab; viele möchten mit ihren höheren Ausbildungsabschlüssen Geld anders verdienen.

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