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Lebenstraum eigene Gastronomie : Wo jeder deinen Namen kennt

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Sonja Obermeier in ihrem „Klinglwirt“: Gerade das erste Jahr war ein echter Überlebenskampf, der Gang zur Bank gefürchtete Routine Bild: Müller, Andreas

Ein gemütliches Café, eine urige Bar – für viele ist das eigene Lokal ein Traum, ein Plan B im Leben. Wer ihn wahr macht, muss oft erkennen: Der Preis dafür ist hoch.

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          „Du“, sagen Gäste oft zu Sonja Obermeier, „du bist eben eine, die ihre Träume lebt.“ Und dann strahlen sie, als könnten sie so ein bisschen dabei sein. Die Wirtin hebt leere Gläser auf ihr Tablett oder wischt den Tisch mit einem Spüllappen ab, dann lächelt sie vielleicht kurz und sagt „Ja, ja“ oder: „Wollt ihr noch was trinken?“

          Obermeier sieht sich nicht als Träumerin. Sie ist Unternehmerin. Eine, die Dienstpläne für 25 Angestellte schreibt, die Wareneinkäufe regelt, Preise kalkuliert und Marketingoffensiven startet, um ihr Restaurant in München – eine moderne bayerische Wirtschaft mit Fleisch aus ordentlicher Tierhaltung und Wein aus der Region, in die im Zweifel hundert Leute passen – möglichst jeden Tag vollzukriegen. Denn nur so wird sie überleben.

          Ihr Unternehmen „Klinglwirt“ funktioniert nach ähnlichen Prinzipien wie ein Vertrieb für Baustoffe, eine Werbeagentur oder eine Autowerkstatt. Mit dem kleinen Unterschied, dass von einer Firma, wie Obermeier sie betreibt, offenbar viele Menschen irgendwie träumen. So malte sich auch Benjamin Hanisch einst eine eigene Bar aus oder Andrea Kaschlik.

          Zwei Freundinnen - Ein Café

          Alle drei haben ihren Traum verwirklicht, sie sind nun Inhaber von einem Restaurant, einer Bar und einem Café. Und alle drei befinden sich gerade an einer Grenze: Ihre Betriebe existieren seit fast drei Jahren. So lange braucht ein Lokal, um sich zu etablieren, heißt es aus dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. Nach drei Jahren zeigt sich also, ob der Traum Bestand hat, ob die Gründer davon leben können oder ob er – wie für die meisten Neugastronomen – verpufft, bis nichts mehr übrig ist außer einem Berg Schulden.

          Kaschliks Traum vom eigenen Lokal war einer, in dem zwei Freundinnen gemeinsam etwas aufbauen. Sie ist 43 Jahre alt, Sozialarbeiterin und gelernte Schauwerbegestalterin. Ihre beste Freundin brauchte eine Perspektive, erzählt sie, etwas eigenes. Und die Freundin wollte gerne backen. Das gefiel auch Kaschlik, also suchten sich die beiden ein Café.

          Andrea Kaschlik in ihrem Café „Madame Zucker“: Ruhetage gibt es für die Berlinerin nicht; da müsste sie schließlich Kuchen wegwerfen
          Andrea Kaschlik in ihrem Café „Madame Zucker“: Ruhetage gibt es für die Berlinerin nicht; da müsste sie schließlich Kuchen wegwerfen : Bild: Gyarmaty, Jens

          Sie wollten einen schönen Ort schaffen, einen, an dem sich alle aufgehoben fühlen, die Omis genau wie die Menschen mit den Laptops. Die beiden fanden ihren Ort im Berliner In-Viertel Neukölln, direkt an einem kleinen, grünen Park. Sie nannten ihn „Madame Zucker“. Es ist ein Ort mit großen Fenstern, mit roten und blauen Stühlen aus den fünfziger Jahren, mit frischen Tulpen auf den Tischen. „Es sollte stilistisch etwas zwischen Ostsee- und Frankreich-Urlaub werden“, sagt Kaschlik. Das Gestalten des Cafés war für sie mit das Schönste. Nun wirkt es wie eine Oase mitten im hippen Neukölln, etwas Ruhe mit Kaffee und Kuchen.

          Gerade viele Quereinsteiger träumen vom eigenen Restaurant

          Die Freundschaft jedoch bekam im Alltag des Gastronomielebens einen Knick, warum, kann sich Kaschlik heute nicht mehr genau erklären – kurz nach der Eröffnung war die Freundin jedenfalls weg, und Kaschlik backt nun selbst.

          „Geschichten, wie Leute zu einem Gastronomiebetrieb kommen, gibt es so viele, wie es Menschen darin gibt“, sagt Claus Lampert. Der Diplom-Psychologe und gelernte Fleischer befasst sich seit vielen Jahren mit der Psychologie in der Gastronomie. „Doch gerade viele Quereinsteiger träumen von einer eigenen Kneipe oder einem Restaurant.“ Viele Leute hätten das eigene Lokal als Plan B im Hinterkopf, als Ausstiegsszenario aus ihrem unbefriedigenden Job, als Szenenwechsel im unerfüllten Leben.

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