https://www.faz.net/-hrx-7mffq

Lebenstraum eigene Gastronomie : Wo jeder deinen Namen kennt

  • -Aktualisiert am

Dafür arbeitet Kaschlik jeden Tag von 10 bis 20 Uhr, danach putzt sie, räumt auf. Manchmal helfen Freunde oder ihr Freund, aber echte Angestellte sind nicht drin. Ruhetag? Geht nicht. Da müsste sie Kuchen wegwerfen, die halten nur zwei oder drei Tage. „Wenn man vorher okay verdient hat, kann man eine Weile von einem Polster leben“, sagt Kaschlik. „Ich hab’ auch damit gerechnet, dass es schwierig wird.“

„Ich bewege mich jetzt von total naiv zu nur noch ein bisschen naiv“

Wie Obermeier hat auch sie sich dazu entschlossen, nur Hochwertiges anzubieten – Bio-Milch, Bio-Eier, fair gehandelten Kaffee. Vielleicht könnte sie sogar etwas verdienen, wenn sie billigere Sachen verkaufen würde. Aber die Prinzipien verraten, das will Kaschlik auf gar keinen Fall. Da mache sie ihr Café lieber zu.

Mittlerweile aber rechnet auch Kaschlik durch, wie viel getrocknete Tomaten auf das Panini kommen dürfen und wie viel Milch in den Latte Macchiato kann, genau wie die Unternehmerin Obermeier, die die exakte Portionsgröße des Schweinebratens austüftelt. Kaschlik hat vorher so gut wie nie in der Gastronomie gearbeitet. Sie lerne aber: „Ich bewege mich jetzt von total naiv zu nur noch ein bisschen naiv.“

Benjamin Hanischs Bar war vorher ein altes Geschäft. Sieben Monate lang verlegten er, seine Freundin, Freunde und Familienmitglieder Rohre, kauften die Oma-Möbel auf Flohmärkten, wuschen die alten Wände, zogen eine Schallschutzdecke ein, bauten den Tresen. „Mein Bruder und ich hatten mit unserem Vater zusammen vorher schon mal ein Haus gebaut“, sagt der 31-Jährige.

Schlaflose Nächte und hohe Erwartungen

Innerhalb kürzester Zeit war Hanischs Lokal fast jeden Tag voll. Obwohl sie keine Werbung machen – oder vielleicht genau deswegen. In drei Jahren etwa, glaubt Hanisch, könnten sie schuldenfrei sein.

Doch irgendwann wurde es Hanisch zu viel. All die schlaflosen Nächte, die Massen an Menschen, die immer ein freundliches Gespräch erwarten, keinen Urlaub, immer verfügbar sein, auch nachts kamen die Anrufe: Es gibt gerade Stress in der Bar, du musst rüberkommen; Hanisch wohnt ja in der Nähe. „Wenn ich die Straße entlanggegangen bin, hatte ich Angst: Oh Gott, kenn’ ich den, muss ich den jetzt grüßen“, erzählt er.

Depressionen, sagte die Ärztin. Hanisch machte eine Therapie, organisierte seinen Alltag um. „Die ersten drei Stunden gehören jetzt mir“, sagt er. Frühstücken, Zeitung lesen, mit dem Hund spazieren gehen. Er und seine Freundin hätten sich nun auch feste freie Tage eingerichtet, erzählt er. Hanisch braucht nun einfach mehr Ruhe.

Würden Sie es wieder tun?

„Es gab schon Momente, wo ich dachte, jetzt pack ich’s nicht mehr“, sagt Kaschlik. An dem Tag zum Beispiel, als sie das mit der Baustelle erfahren hat. Von April bis Oktober soll vor ihrem Berliner Café die Straße aufgerissen werden, die Abwasserleitungen werden erneuert. Das wird laut werden – und stinken. Kaschlik kann wohl ihre Stühle nicht rausstellen, die ganze Saison über. Die Baustelle kann ihren Ruin bedeuten.

Ob sie es heute noch einmal wagen würde? „Nee“, sagt Kaschlik. „Dafür hat mir das Café zu viel weggenommen. Freizeit, Freunde, so etwas wie einen Alltag, Innehalten. Etwas mitkriegen von der Welt.“ Sie guckt aus ihrem Fenster zum Park. Dann lächelt sie. „Aber ich werde trotzdem weitermachen, solange es irgendwie geht.“

Weitere Themen

Topmeldungen

In einer Apotheke in Soest wird ein Schnelltest vorgenommen.

RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt unter 104

17.419 Corona-Neuinfektionen und 278 Todesfälle, das sind wieder weniger als vor einer Woche. Entsprechend geht die Sieben-Tage-Inzidenz weiter zurück – auf 103,6. Für Urlaubsrückkehrer und Einreisende gelten ab heute gelockerte Regeln.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.