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Lebenstraum eigene Gastronomie : Wo jeder deinen Namen kennt

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Gastronomische Betriebe scheinen etwas Magisches an sich zu haben. Denn so gut wie jeder kann sich darin seine Erfüllung hineinträumen: Lastwagenfahrer, die seit 20 Jahren Autobahnen abfahren, versprechen sich mehr Aufregung im Leben; mancher Versicherungsmakler wünscht sich heimlich, damit seine soziale Stellung zu verbessern. „Kneipenwirte haben auch Alpha-Positionen inne“, sagt Lampert. Jeder kennt die Wirte, will mit ihnen befreundet sein. Und ein eigenes Lokal verspricht natürlich auch: Freiheit. Weg vom Chef, Autonomie, sein eigener Herr sein.

Ein Ort, an dem alle zusammenhalten

Das alles könnte man doch auch in einem Klamottenladen finden – oder nicht? „Im Klamottenladen hat man vor allem kurze Kontakte“, sagt Lampert. „In einer Kneipe kommen die Gäste idealerweise immer wieder, und zwischen Gast und Wirt kann sich eine familienähnliche Beziehung entwickeln.“

Das war auch für Benjamin Hanisch der Grund, eine Bar zu eröffnen. Sein Traum war der von einem Ort, an dem alle zusammenhalten. Ein Ort, an dem es keinen Rassismus gibt, so wie er ihn als junger Usbeke in einem Dorf in Thüringen gespürt hat. Damals fing er an, bei einem Pizzaservice zu arbeiten; auch während seines Politik- und Philosophiestudiums jobbte er in Bars und Cafés. In der Gastronomie fühlte er sich immer wie in einer Familie.

Darum wohl wirkt sein Lokal auch wie ein großes Wohnzimmer. Menschen lehnen gemütlich in den gepolsterten Möbeln wie aus Großmutters Zeiten, die hohen Wände gleichen – unaufgeregt einfach – eher einem Rohbau, die Barleute scheinen alle miteinander befreundet, überall im Raum entspannt sanfte Swingmusik.

Flucht aus dem alten Job

Damit diese Gemeinschaft so bleibt, will Hanisch auch den Namen des Lokals nicht nennen, genauso wenig wie die Lage und auch nicht seinen richtigen Namen. „Wir mögen die Atmosphäre, die vor allem durch Stammgäste entsteht“, sagt Hanisch. Er und seine Freundin wollen nicht, dass Gäste nur kommen, weil ihr Laden gerade als hip gilt. „Für uns ist das eben wie zu Hause“, sagt er. Darum machen sie auch keinerlei Werbung.

Für die Münchnerin Obermeier war das Restaurant wohl auch ein wenig die Flucht aus dem Job. Sie hatte zuvor in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Ihr Traum vom eigenen Lokal war es, etwas Praktisches in ihrem Leben zu machen, etwas Konkretes. Sie wollte beweisen, dass man ein Unternehmen nachhaltig und trotzdem wirtschaftlich führen kann.

Obermeier ist 36 Jahre alt, sie hatte neben ihrem Tourismusstudium in Restaurants und Kneipen gejobbt, sie ist in einem Wirtshaus aufgewachsen. Da lag der Gedanke nahe, ein Restaurant zu eröffnen.

Der Traum hat seinen Preis

Anfangs steckte sie 70.000 Euro in ihr Lokal, für Töpfe, Küchengeräte, Spülmaschinen, für einen Maler, der die alte Holzverkleidung rot anstrich, für einen Schreiner, der Eckbänke in das Lokal bastelte, für die ersten Einkäufe und Gehälter. Der „Klinglwirt“ ist jeden Abend gut besucht. Dennoch: Gerade das erste Jahr war ein täglicher Überlebenskampf. Sie musste Mitarbeiter entlassen, musste immer wieder ihren Banker überzeugen, noch einmal den Kreditrahmen zu erhöhen. „Von Gewinnen kann man noch immer nicht sprechen“, sagt Obermeier. „Aber jetzt komm’ ich langsam in die schwarzen Zahlen.“

Bei Andrea Kaschlik waren es zu Beginn 24.000 Euro, die sie investierte. Eigentlich 12.000 Euro pro Person, doch sie hat die Freundin mittlerweile ausbezahlt. Ihr Café kostet etwas mehr als 1000 Euro Miete, dazu kommen Strom, Versicherungen, Steuern, ihre Waren und vieles mehr. Nach einer Faustregel, die besagt, dass die Miete maximal zehn Prozent des Umsatzes betragen darf, würde sie mindestens 10.000 Euro Umsatz im Monat brauchen, um halbwegs Gewinn zu erzielen. „In guten Monaten schaff’ ich 5000“, sagt sie.

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