https://www.faz.net/-hrx-7j9te

Kulinarische Zugreise : Tarte im Orient-Express

  • -Aktualisiert am

Was hier auf den Tisch kommt, das hat Stil – wie auch das Zugrestaurant, das man nicht einfach „Speisewagen“ nennen möchte. Bild: Oliver Bolch / Anzenberger

Mörder? Ach was! Wer mit dem berühmten Zug von Venedig nach London reist, dem droht als größte Gefahr die absolute Übersättigung dank des guten wie üppigen Essens.

          7 Min.

          Es gibt viele Gründe, einen Platz im Orient-Express zu buchen. Die einen wandeln auf den Spuren von Agatha Christies Detektiv Hercule Poirot, andere sind auf Hochzeitsreise. Aber alle sind gespannt, ob nun nostalgisch oder romantisch gestimmt. Der Speisewagen ist auch wichtig, doch ebenso wie bei einem First-Class-Flug steigt niemand in diesen Zug nur wegen des Essens. Wir waren trotzdem neugierig: Die Bahn im Allgemeinen steht nicht gerade im Ruf, kulinarische Spitzenleistungen zu erbringen; würde der Orient-Express da eine Ausnahme darstellen?

          Man sollte etwas gespart haben, um die goldbeschrifteten dunkelblauen Wagen zu besteigen; der Preis für die dreißigstündige Reise von Venedig nach London beträgt mehr als 2000 Euro pro Person, die Erwartungen sind also hoch.

          Alle verbreiten Ungezwungenheit und gute Laune

          Venedig ist die perfekte Einstimmung. Das Surren der Motorboote, das leise Schlagen der Wellen, die hallenden Schritte in den Gassen, all dies geht wie nahtlos über in das gleichmäßig schwankende Rumpelrollen des so gar nicht auf Highspeed ausgelegten Zuges. Durch die Fenster der teakholzgetäfelten Abteile betört die Weite der Lagune; Echtzeit statt Fernsehen. Hier nun gleich der erste Ratschlag: Beim Venice-Simplon-Orient-Express (VSOE, dem bekanntesten Anbieter der heute ausschließlich touristischen Fahrten) bleibt man der Tradition treu, sich kulinarisch von den durchquerten Ländern inspirieren zu lassen. Ein lobenswertes, zeitgemäßes Konzept - doch der Prosecco, der zur Abfahrt in Venedig serviert wird, entspricht leider dieser Stadt, die immer gut isst, beim Wein aber anscheinend keine besonderen Ansprüche hat. Der Haus- oder vielmehr Zug-Champagner hingegen, ein Blanc de blanc aus dem Haus Lechère, lohnt die Extra-Investition allemal (anders als das Essen sind die Getränke im Fahrpreis nicht inbegriffen).

          Wer Spaß hat am Essen, sollte vorher besser fasten.
          Wer Spaß hat am Essen, sollte vorher besser fasten. : Bild: Orient Express Ltd

          Im Abteil betreut uns mit Hingabe Steward Vincent aus Paris, seine Kollegen im Service stammen größtenteils aus Italien, und alle zusammen verbreiten Ungezwungenheit und gute Laune. Die Standhaftigkeit im fahrenden Zug ist ihnen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Wir lehnen uns zurück und studieren die Landkarte: Über Padua fahren wir durchs Trentino und Südtirol, über den Brenner, Arlberg, Zürich hinüber nach Frankreich, am Morgen werden wir in Paris aufwachen, von wo es über Calais nach London geht.

          Doch zuerst steht Mittagessen auf dem Programm. Christian Bodiguel, der offizielle VSOE-Küchenchef ist nicht an Bord, aber seine acht Köche versorgen routiniert drei Speisewagen in jeweils zwei Sitzungen. Wir sitzen jetzt in den blaugrau gepolsterten Sesseln des mit Lalique-Reliefs dekorierten Dining Cars namens Côte d’Azur. Wie die meisten Wagen dieses Zuges entstammt er der Jugendstilzeit der Zwanziger und ist aufwendig restauriert worden.

          Vorher fasten, um nicht vorzeitig schlappzumachen

          Die Weinpreise sind nicht gerade niedrig und einige der üblichen internationalen Statusflaschen selbstverständlich im Angebot, aber insgesamt entpuppt sich die Auswahl als ordentlich und bietet sogar einige richtige Schnäppchen. Doch noch bringt die mittägliche Herbstsonne das Gelb-Orangerot der Weinberge des Trentino und Alto Adige zum Leuchten, und wir bekommen ganz passend dazu Kürbissuppe mit sautierter Entenstopfleber im Nudelblatt serviert. Es folgt auf den Punkt gebratener Kabeljau mit einem gedämpften Heuschreckenkrebs auf Seeigelsauce, mit karamelisiertem Chicorée und Topinambur-gefüllten Mini-Paprika. Auf den aufwendig gedruckten Menükarten gibt sich das in altmodischer Hyperbolik sehr französisch: Saucen sind grundsätzlich „La Sauce“, Gemüse treten als Bouquets auf und Melonen in Fächerform. Aber es ist gut zubereitet und ein Genuss. Das Dessert, eine äußerst konzentrierte Hafercreme, scheint dann aber eher für Extremsportler geeignet als für unser luxuriöses Dasein, in dem der Gang zum Speisewagen die einzige Chance zum Kalorienabbau darstellt.

          Topmeldungen

          Mehr als Vater, Mutter, Kind: Frau Kirschey ist 98 Jahre alt und hat Covid-19 im März mit einem leichten Verlauf überstanden. Hier mit Tochter und Urenkelin.

          Zusammenhalt in Corona-Zeiten : Familie ist mehr!

          Seit mehr als neun Monaten hält uns die Pandemie in Atem. Für die Familien werden die Zeiten nicht einfacher. Und die Politik sendet fatale Signale. Ein Essay.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.