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Kulinarik-Podcasts : Schreckliche Rache im Weißen Haus

Manchmal nervig, manchmal unterhaltsam: Kulinarische Podcasts liegen im Trend. Bild: Art Director: Holger Windfuhr; illustriert von: Gisela Goppel

Kulinarische Podcasts florieren. Manchmal wird nur Zeit totgeschlagen, manchmal lernt man erstaunlich viel über guten Geschmack. Die Kolumne Geschmackssache.

          3 Min.

          Kochen ist Kontemplation, also Schweigen, und Herdgebrüll ein Klischee. Das gilt nicht nur für Profis, sondern auch für Hobbyköche, die manchmal Gefahr laufen, vor lauter Stille beim Zwiebelschneiden schwermütig zu werden. Wahrscheinlich sind allein aus diesem Grund die kulinarischen Podcasts erfunden worden, die sich als ideales Hintergrundrauschen für den schweigenden Amateurkoch bewähren.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Während man geduldig seine Julienne oder Brunoise fabriziert, kann man zum Beispiel mit der Redaktion des „Feinschmeckers“ die besten Köche, Winzer und Produzenten des Landes besuchen, um von ihnen zu erfahren, was sie antreibt und umtreibt. Mitunter widmet sich das Magazin auch brisanten Themen wie den Betrügereien der Olivenölmafia oder der existentiellen Frage, warum Kaviar das Salz des Feinschmeckerlebens ist.

          Das ist seriös, informativ und trotz aller Nüchternheit unterhaltsam, allerdings nur für echte Liebhaber geeignet. Ähnlich schnörkellos ist der Podcast der Konkurrenzzeitschrift „essen & trinken“, in dem ein Küchenchef jeweils ein Lieblingsgericht der Deutschen zubereitet und darüber mit viel Wissen parliert. Beim Wiener Schnitzel etwa erhält man Tipps aus der hohlen Hand für das perfekte Plattieren und erfährt, dass Panierung das richtige Wort für die Kruste und Panade in der Küchensprache ein Bindemittel bezeichnet. Eine Spaßveranstaltung ist das Ganze zwar nicht und etwas altbacken auch, dafür aber immer lehrreich.

          Tim Mälzer, ein Dampfplauderer vor dem Hern

          Ohne Spaß geht hingegen nichts beim Fernsehkoch Tim Mälzer, der in seinem Podcast mit einem Überraschungsgast im breiten Hamburgisch über Gott und die Küche schnackt. Sterneköche und Spitzenwinzer, Musiker und Schauspieler, Hamburgs Erster Bürgermeister und die Bundeslandwirtschaftsministerin geben sich bei Mälzer die Studioklinke in die Hand und treffen auf einen Gesprächspartner, der zwar ein Dampfplauderer vor dem Herrn, aber eben auch Koch mit Leib und Seele und leidenschaftlichem Interesse am Tun seiner Gäste ist.

          Tim Mälzer empfängt in seinem Podcast „Fiete Gastro“ in jeder Folge einen Überraschungsgast.

          Vom Ein-Sterne-Chef Anton Schmaus zum Beispiel, dem Koch der deutschen Fußballnationalmannschaft, den er als „kleines Dickerchen“ begrüßt, will er restlos alles über dessen Arbeit mit Jogi Löws Jungs wissen – über Tagesabläufe, Diätpläne, Qualitätsansprüche, über Diven, Nörgler, Gourmets unter den Spielern. Für Schmaus ist Diskretion oberstes Gebot, doch er gibt gerne preis, dass es pochierten statt gebratenen Fisch, helles statt dunkles Fleisch und keinen Kohl an Spieltagen gibt.

          An Enthusiasmus steht Mälzer der „Food Talker“ Boris Rogosch in nichts nach, der Menschen aus der Feinschmeckerwelt trifft und mit ihnen über ihre Arbeit, ihr Leben und alle Aspekte des guten Geschmacks spricht. Das ist professionell gemacht und für jeden Gourmet ein Gewinn, weil Rogoschs Gäste kein Blatt vor den Mund nehmen, etwa der großartige Sebastian Frank vom „Horváth“ in Berlin, der offenherzig preisgibt, welches Geheimnis hinter seiner Metamorphose der österreichischen Hausmannsküche zu einer spektakulär schlichten Haute Cuisine steckt – die ganz ohne Olivenöl auskommt, denn das habe sich seine Mama auf die Haut geschmiert und sich dann in die Sonne gelegt.

          Heerschar begeisterungsfähiger Amateure und Dilettanten

          Dass es auch anders geht, zeigt eine Heerschar begeisterungsfähiger Amateure und Dilettanten, die sich in ihren Podcasts zum kulinarischen Stammtisch treffen. Beim „Küchen-Funk“ plaudern drei Jungs über Reiseerlebnisse, testen Weine, mixen Cocktails, backen Brot, tauschen Rezepte aus und geben sich Netflix-Tipps. So ganz genau will man das alles gar nicht wissen, zumal die langatmig dargebotenen Kenntnisse meist auf Google-Recherchen beruhen.

          Das gilt auch für die Kochfreunde von „Culinaricast“, die gut gelaunt in der Küche Banalitäten zum Besten geben oder über Filmklassiker wie „Das große Fressen“ plappern, was sich in einer reinen Nacherzählung ohne zündenden Gedanken mit gelegentlichen cineastischen Geistesblitzen erschöpft: „Die Schauspielkunst zu dieser Zeit war nun noch sehr unterschwellig, du merkst halt, dass da nicht wirklich geschauspielert wird.“

          Und eine veritable Nervensäge ist Hobbykoch Kai, der mit eingeschaltetem Mikrofon in seiner Küche hantiert und penetrant schildert, was er gerade tut und was dabei alles schiefgeht, so wie bei seinen Gnocchi – „habe ich noch nie gemacht und habt ihr vielleicht schon einmal gegessen“.

          Die englischsprachige Welt ist uns mit Küchenpodcasts voraus

          Da halten wir es lieber mit der englischsprachigen Welt, die uns im Gegensatz zur echten Küchenkunst bei den kulinarischen Podcasts um Längen voraus ist. Allein die BBC Food Chain ist eine Schatzkammer voller Delikatessen. Das Menschheitsthema Essen wird mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und universalem Anspruch behandelt. Die Gesprächspartner kommen aus aller Welt, die Themen sind oft brandaktuell und manchmal auch von herrlich britischer Spleenigkeit: Ist die Pandemie gut für die weltweiten Fischbestände? Hat uns Corona großzügiger gemacht? Gibt es nachhaltiges Palmöl? Wie ernährt man sich auf den Falkland-Inseln? Was essen die Rohingya und die Uiguren? All diese Fragen werden erschöpfend behandelt.

          Die amerikanische Schwester des BBC-Podcasts heißt „Burnt Toast“, führt uns in die Welt des Chilis und des Ahornsirups ein, erklärt uns, woher der Gag mit dem Ausrutschen auf der Bananenschale kommt, und geht der Frage nach, welchem Präsidenten das schlechteste Essen aller Zeiten im Weißen Haus serviert wurde. Es soll Franklin D. Roosevelt gewesen sein, weil sich seine Frau Eleanor mit einer miserablen Köchin für die Seitensprünge ihres Ehegatten rächte. Das Einzige also, was man diesem Podcast vorwerfen kann, ist mangelnde Aktualität. Denn der derzeitige Fastfood-Trampelmann im Oval Office unterbietet auch kulinarisch alles bisher für möglich Gehaltene.

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