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Fleisch aus dem Reagenzglas : Meat the Future

  • -Aktualisiert am

Hohe Produktionskosten

In-Vitro-Fleisch komme mit Antibiotika gar nicht in Berührung, da man die Zellen gezielt gesunden Tieren in Freilandhaltung entnehme, erläutert Post. Und ein Krebsrisiko berge das „In-vitro-Fleisch“ auch nicht: „Selbst wenn einzelne undifferenzierte Stammzellen noch enthalten sein sollten, geht von ihnen sicher keine Gefahr mehr aus, nachdem sie durch den Magen gegangen sind“, sagt der Stammzellforscher Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Stammzellen, die direkt ins Gewebe gespritzt würden, können sich unter bestimmten Umständen unkontrolliert vermehren.

In Bezug auf das Breitband-Herbizid Glyphosat sei Posts Kunstfleisch ebenfalls bedenkenlos; Rückstände davon wurden bei Rindern, Schweinen und Hühnern in hohen Dosen nur in der Niere gefunden, und daraus entnehmen Post und sein Team kein Basis-Material für ihre Fleischzucht. „Geringe Rückstände konnten ebenfalls in der Leber und in Eiern nachgewiesen werden, wobei die Gehalte selbst bei hohen Dosierungen nur knapp über dem messbaren Mindestgehalt lagen“, heißt es vom Bundesinstitut für Risikobewertung.

Teuer aber eben nicht lecker: Posts 2013 vorgestellter künstlicher Bürger
Teuer aber eben nicht lecker: Posts 2013 vorgestellter künstlicher Bürger : Bild: David Parry / PA Wire

Noch sind allein die Produktionskosten ein Problem. Wenn der Energieverbrauch um sechzig Prozent gedrosselt würde, stünde der Serienproduktion nichts mehr im Wege. Und damit auch, so hofft es Post, der Bewältigung des Welthungers. Denn in den Schwellenländern, besonders in China, wird immer mehr Fleisch verzehrt. 2012 wurden in dem Land bereits mehr als 300 Millionen Tonnen davon produziert. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen geht davon aus, dass sich diese Menge bis 2050 verdoppeln wird. „Wir werden Probleme bekommen, die jetzt noch gar nicht sichtbar sind“, sagt Post. „Der weltweite Fleischkonsum wird steigen, und wir können ihn nicht bedienen, ohne unsere Ressourcen weiter zu zerstören.“

Muskelzellen aus der Schulter zupfen

Da will er mit seinem Laborfleisch gegensteuern. Er will den Petrischalen-Klops, bestehend aus jeweils 10.000 Muskelzellen, so bald wie möglich in Supermärkten verkaufen lassen, und auch McDonald’s würde er gern beliefern. Deswegen will er einen Bio-Tank mit einer Nährlösung für seine Zellen entwickeln. Der soll am besten 25.000 Liter fassen, dann wäre er halb so groß wie ein Olympia-Schwimmbecken. Aus einer Tankfüllung möchte Post Fleisch für 40.000 Menschen generieren. In etwa fünf Jahren, schätzt er, könnte sein erster Burger im Supermarkt liegen.

Momentan laufen die Vorbereitungen für den gigantischen Plan fast unmerklich, denn eigentlich ist Post Gefäßmediziner und Lehrstuhlinhaber. Es mangelt an Zeit und an Forschungsgeldern, zum Beispiel für die Bio-Tanks. Posts Aktivitäten nehmen sich momentan mehr als bescheiden aus: Nur hin und wieder lässt er einigen Blonde-Aquitaine-Rindern in der Nachbarschaft der Universität von Maastricht ein paar Muskelzellen aus der Schulter oder dem Hinterteil zupfen. Danach können die Rinder friedlich weitergrasen. Deren Zellen legen die Forscher in ein Wachstumsbad, so dass sie sich teilen. Momentan arbeiten sie nur mit erwachsenen Zellen. Baby-Zellen würden sich zwar schneller vermehren, aber man kann sie noch nicht steuern. Aus ihnen könnten Knorpel wachsen, und die will natürlich niemand essen.

Ungewöhnliche Zukunft

Wenn sich die geteilten Zellen zu Mini-Muskelfasern von 0,03 Millimeter Länge geformt haben, siedelt Post sie um in neue Gefäße, in denen viele kleine Gel-Kerne schwimmen. Die Fasern wickeln sich automatisch um die Gel-Proppen herum und wachsen weiter zu kleinen Muskelröhrchen und schließlich zu Gewebe. Mehrere Schichten von diesem Muskelgewebe aufeinandergestapelt ergeben einen Burger. „Da ist nichts geklont, nichts genmanipuliert, es sind einfach nur geteilte Zellen, völlig gesund und ungefährlich“, erklärt Post den Prozess.

Zwei rechts, zwei links, alles fallen lassen - die Zukunft wird vielleicht noch viel ungewöhnlicher, als man es sich heute vorstellen kann. Online, im In-vitro-Bistro, findet man jedenfalls auch violette und grüne Phantasieshrimps oder hübsche geeiste Preiselbeeren, die aus Fleischfasern bestehen.

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