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Zukunft der Hühnerzucht : Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn

Sieht appetitlich aus, ist es aber nicht immer: Die meisten Hähnchen, die in Deutschland gegessen werden, sind alles andere als Delikatessen. Bild: Getty Images

Kann man im großen Stil Hähnchen züchten, die nach Hähnchen statt nach nichts schmecken? Ausgeschlossen, werden viele denken – bis ihnen ein Exemplar aus Ostwestfalen das Gegenteil beweist. Die Kolumne Geschmackssache.

          3 Min.

          Die Utopie hat Appetit. Sie schlägt sich den Bauch mit goldgelb glänzenden Körnern voll, tobt sich zwischendurch auf Strohpellets in ihrem Komfortstall aus, schlägt im Übrigen geschmacklich fast alle ihre Artgenossen haushoch und ist ganz augenscheinlich gar keine Utopie, sondern das tägliche Brot des Jungbauern Benedikt Hachmann.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Er züchtet im Delbrücker Land in Ostwestfalen Kikok-Hühner und sorgt dafür, dass er wie sie ein gutes Leben haben. Nicht vierzigtausend Tiere wie bei der Konkurrenz von der gängigen Massentierzucht, sondern maximal dreißigtausend Hühner teilen sich bei ihm einen Stall.

          Nicht nach 28 Tagen, sondern frühestens nach 42 und manchmal auch erst nach 51 Tagen schlachtet er die Tiere, die fast ausschließlich mit hochwertigem Mais und Roggen von handverlesenen Lieferanten großgezogen und dank dieser entschleunigten Lebensumstände derart widerstandsfähig werden, dass Hachmann auf den Einsatz von Antibiotika vollständig ver­zichten kann – lauter vermeintlich kleine Unterschiede zwischen ihm und der konventionellen Landwirtschaft, die aber fundamentale Vorteile bringen und nicht nur Deutschlands Geflügelzucht, sondern die gesamte agrarische Tierhaltung in eine bessere Zukunft führen könnten.

          Weder würdig für das Tier noch für den Menschen: Geflügel aus der Massentierzucht.
          Weder würdig für das Tier noch für den Menschen: Geflügel aus der Massentierzucht. : Bild: dpa

          Es ist viel einfacher, als wir denken

          Es sei utopisch, die komplette Viehzucht auf Standards wie bei den Kikok-Hühnern umzustellen, lautet das Mantra der Verfechter eines industriellen Landbaus, unzumutbar für die Bauern, unbezahlbar für die Konsumenten, wo bliebe denn da das Menschenrecht auf die tägliche Ration ge­schmackslosen Fleisches, auf dieses weiße Nichts von Hühnerbrust mit aseptischem Aroma als Blattsalatgarnitur?

          Es sei ganz einfach, sagt Ulrich Düfelsiek, Verkaufsleiter beim Delbrücker Geflügelzüchter Borgmeier und einer der Väter des Kikok-Huhns: Wenn man die Zahl der Tiere in den Ställen nur um zehn Prozent reduziere und die Dauer der Aufzucht um ein Zehntel verlängere, was die Preise an der Ladentheke um höchstens zwanzig Prozent steigen ließe, dann hätte man die allseits ersehnte Landwirtschaft zum Wohl der Tiere und der Menschen – so greifbar nah ist das vermeintlich Unerreichbare, das im Stall von Bauer Hachmann als lebendiger Gegenbeweis herumhüpft.

          Die Erfindung des Kikok-Huhns war eine Verzweiflungstat. Heiner und Werner Borgmeier, Geflügelzüchter in dritter Ge­neration, verdarben die hochgezüchteten Hybrid-Turbo-Hähnchen, die ihnen vor allem aus Amerika geliefert wurden, kolossal den Appetit. Sie wuchsen zwar immer schneller, schmeckten aber auch immer nichtssagender. Also beschlossen sie 1993 gemeinsam mit Ulrich Düfelsiek, ein langsam wachsendes, gesund ernährtes, ohne Antibiotika vollgestopftes Hähnchen zu züchten, das so schmecken sollte wie jene Tiere, mit denen Großvater Borgmeier Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Westfalen von Haustür zu Haustür getingelt war. Und es sollte ganz bewusst kein elitäres Nischenprodukt, kein deutsches Bresse sein, sondern ein Hähnchen für jedermann – zumindest für all jene, die bereit sind, für guten Geschmack ein Drittel mehr zu zahlen als für die nach nichts als Profit schmeckende Ramschware beim Discounter.

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