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Die Küche des Nahen Ostens : „Der Esstisch spielt eine große Rolle“

  • -Aktualisiert am

Am Tisch kommt alles zusammen: Mezzeplatten und Gerichte aus dem Nahen Osten Bild: Dr&Dr Middle Eastern Culture & Food Lab

Mehr als Krisen und Konflikte: Die Schwestern Sahar und Forrough Sodoudi wollen Berlin den Nahen Osten kulinarisch und kulturell näher bringen.

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          Die zwei Hauptexporte des Nahen Osten, bemerkte der Twitter-Satiriker Karl ReMarks einmal, seien Öl und Breaking News. Dass die weitläufige Region zwischen Europa und Asien, die von mehr als 400 Millionen Menschen bewohnt wird, mehr als nur Konfliktzone ist, wird im westlichen Bewusstsein oft vernachlässigt,sagen Sahar und Forrough Sodoudi. Genau das wollen die Zwillingsschwestern mit dem Dr & Dr Middle Eastern Culture and Food Lab ändern, indem sie die kulinarischen und kulturellen Vorzüge der Region zeigen.

          Die beiden gebürtigen Berlinerinnen haben ihre Kindheit in Teheran verbracht. Erst zum Studium sind sie in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt und waren mit den Vorurteilen in Deutschland gegenüber dem Nahen Ostens konfrontiert.

          „Menschen mit einem nahöstlichen Hintergrund können noch so gebildet und erfolgreich sein. Trotzdem werden sie wegen ihrer Herkunft oft vorverurteilt, sie werden in Frage gestellt und müssen sich erklären, mehr noch als Frau und wenn sich zeigt, dass Deutsch nicht die Muttersprache ist. Das ist nicht fair und das hat uns bewegt”, sagt Forough Sodoudi.

          In Berlin geboren, in Teheran aufgewachsen: die Zwillingsschwestern Sahar und Forrough Sodoudi
          In Berlin geboren, in Teheran aufgewachsen: die Zwillingsschwestern Sahar und Forrough Sodoudi : Bild: Hootan Ghazi

          Forough Sodoudi war als promovierte Seismologin im deutschen Wissenschaftsbetrieb tätig, Sahar Sodoudi zuletzt Juniorprofessorin für Klimaforschung an der Freien Universität. Beide haben über Jahre im akademischen Austausch mehr als zwanzig Länder im Nahen Osten und Nordafrika bereist und Projekte zwischen Deutschland und der Region koordiniert, aber die Vorurteile über die Region haben immer an den Schwestern genagt.

          Emotionale Begegnungen statt harter Fakten

          „Das Bild vom Nahen Osten ist geprägt von Politik und Religion, abseits davon wird wenig wahrgenommen. Wir wollen die politischen Grenzen überschreiten, eine kulinarische Einheit zeigen und den Zugang zur Region durch die Kultur sinnlich und erfahrbar machen - make food, not war“, sagt Sahar Sodoudi.

          Deshalb haben sie sich entschlossen, statt harter Fakten mit emotionalen Begegnungen zu arbeiten und 2020, ausgerechnet kurz vor Ausbruch der Pandemie, ihr Food Lab gegründet. Trotz der Einschränkungen der Pandemie sind die Schwestern zuversichtlich, haben sie doch schon im ersten Jahr den Deutschen Gastro-Gründerpreis gewonnen. Angefangen haben die Schwestern mit Catering-Service und Kochkursen, bei denen sie Gerichte aus der arabischen, israelischen und persischen Esskultur auftischen und darüber reden.

          Es gibt bunte Mezze-Platten mit verschiedenen Dips, Eingelegtem, frischem Gemüse und vielen Kräutern zum Teilen, Gerichte wie Tahdig, persischen Reis oder Sabzi-Eintöpfe. Prägend sind persische Rezepte aus der Heimat, aber auch Einflüsse aus der israelischen und arabischen Küche, aus Ägypten, dem Irak oder Libanon, die auf ähnliche Gewürze wie Safran und Rosenblätter zurückgreifen. Als Wissenschaftlerinnen und einstige Klimaforscherinnen haben die Schwestern immer auch klimaschonende Zubereitungsmethoden und Abfallvermeidung im Blick. Tradition ist wichtig, genauso wichtig ist aber auch die gegenwärtige Realität; Rezepte werden abgewandelt und so vereinfacht, dass sie sich in wenigen Stunden erlernen und auch mit mitteleuropäischen, lokalen Zutaten zubereiten lassen.

          „Wir greifen auf die Traditionen der Länder zurück, mischen und schaffen ganz neue Rezepte, immer mit frischen Zutaten, mit viel Farbe und mit Liebe gemacht. Es geht aber auch um die Esskultur, um die Kultur des Teilens und ein Zugehörigkeitsgefühl“, sagt Forough Sodoudi.

          Noch wichtiger als der kulinarische Genuss aber ist der Austausch: durch das Essen wollen die Schwestern einen anderen Zugang zu den kulturellen Vorzügen des Nahen Ostens schaffen. So ist das kleine Lab in Kreuzberg mit handbemalten iranischen Fliesen geschmückt, die an den Teheraner Golestanpalast erinnern; an der Wand hängt eine Galerie mit Bildern historischer Frauen aus dem ganzen Nahen Osten - all das sind nur Anknüpfungspunkte für neue Entdeckungen, die über den politischen Diskurs einer Region, die vor allem für ihre Konflikte gesehen wird, hinausgehen sollen.

          „Der Esstisch spielt eine große Rolle, da werden die wichtigsten Entscheidungen getroffen und sogar Revolutionen geplant”, sagen die Schwestern, - vielleicht entsteht hier auch eine neue Wahrnehmung einer weitläufigen Region mit einem kulinarischen und kulturellen Reichtum.

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