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Die Anti-Koch-Fraktion : Pizza bestellen, Netflix an. Reicht!

  • -Aktualisiert am

Wie kann man sich vor dem leidigen Kochen drücken? Den Kopf in den Sand zu stecken hilft leider nicht. Bild: Moment/Getty Images

Gern zu kochen, ja es zu zelebrieren ist ein Distinktionsmerkmal geworden. Genauso wie vegan sein oder Lastenfahrrad fahren. Ist ja okay, aber nicht für jeden. Hier schreiben vier Kolleginnen und Kollegen, warum sie Kochen schrecklich finden. Vielleicht geht’s Ihnen ähnlich?

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          Eine elende Quälerei

          Ich muss vornewegschicken, ich habe noch nie wahnsinnig gerne gekocht. Es hat mir noch nie große Freude gemacht, zu schnippeln, zu würzen, zu rühren. Aber die Corona-Zeit hat – anders als offensichtlich bei vielen anderen – dazu geführt, dass ich noch weniger Lust habe, die Kochschürze umzubinden.

          Über so viele Monate eine Familie mit zwei Kindern in unterschiedlichem Alter und mit unterschiedlichen Vorlieben zu Hause satt zu bekommen, hat aus dem bisschen Freude, das beim Ausdenken von Gerichten und beim Bekochen von Freunden mal da war, eine elende Quälerei gemacht. Das beginnt mittlerweile schon bei der Planung des Wocheneinkaufs: Was kann es geben? Kann das der Kleinste auch schon essen? Wird der Große davon satt? Hatten wir das nicht erst letzte Woche? Dazu kommt: Mit beiden Jungs im Hintergrund in Ruhe zu kochen, während sie Schubladen oder den Kühlschrank ausräumen, das ist schier unmöglich. Entspannung durchs Kochen – in unserem Haushalt zurzeit Fehl­anzeige.

          Vielleicht wird es mit der Lust am Brutzeln wieder besser, wenn man wieder unbeschwert Menschen einladen kann, die frohgemut am Tisch sitzen, nicht alles runterschmeißen, nicht lauthals motzen, dass es nicht schmeckt, und die sich nicht zum sechsten Mal in der Woche Bratwurst und Pommes wünschen. Bis dahin bleibe ich bei unserem familieninternen Deal: Wann immer es geht, kocht mein Mann, und ich räume ganz in Ruhe danach auf, ­während alle satt sind und die Küche Richtung Kinderzimmer verlassen haben. Ach, welch eine Entspannung!

          Lucia Schmidt

          Wie soll das bitteschön funktionieren? In Ruhe Kochen, wenn gleichzeitig die Kinder zu versorgen sind?
          Wie soll das bitteschön funktionieren? In Ruhe Kochen, wenn gleichzeitig die Kinder zu versorgen sind? : Bild: dpa

          Wie Yoga, nur essbar

          Wenn Leute in meinem Alter – ich bin 25 – mit Stolz und Genugtuung etwas von ihrer „Hauspasta“ erzählen, wird mir anders. Das neueste Distinktionsmittel, um zu zeigen, wie einzigartig man sei, soll jetzt das Kochen sein. Auch auf Twitter wird darüber heiß diskutiert. Eine schreibt: „Männer lassen ihre Soße lieber 24 Stunden lang köcheln, als in Therapie zu gehen.“ Kochen ist für meine Generation nicht mehr nur Zweck, Kochen ist Selbstdarstellung, Kunst, Therapie, Sinnsuche – wie Yoga, nur essbar. Und damit lange einfach nicht so cool, wie es die Koch-Hipster gerne darstellen.

          Kochen ist keine Kunstform, es ist etwas Lebensnotwendiges. Pizza bestellen, Netflix an: Der Alltag ist stressig genug. Ich möchte niemandem absprechen, dass ihm oder ihr das Kochen Spaß bereitet, andere Geschmäcker eben. Aber die, die wirklich gerne kochen, reden nicht viel darüber und stellen es nicht zur Schau.

          Kochen ist keine Kunstform, sondern etwas Lebensnotwendiges. Die Aufbackpizza tut es auch.
          Kochen ist keine Kunstform, sondern etwas Lebensnotwendiges. Die Aufbackpizza tut es auch. : Bild: dpa

          Zugegeben: Die meisten Koch­fluencer sind sehr sympathisch. Bis jetzt ist die Instagram-Koch-Community weder arrogant noch nervig. Aber man weiß ja, wie schnell sich das mit wachsendem Publikum und mehr Teilnehmern ändern kann. Lasst das Essen einfach Essen sein. Kochen an sich ist zwar nicht ätzend, aber die drohende Selbstinszenierung dahinter.

          Daniel Hinz

          Süßes mag ich lieber

          Ich glaube, ich kann dem Kochen nicht viel abgewinnen, weil ich so gerne süß esse. Ich habe manchmal solche Lust auf Waffeln, dass ich mitten am Tag das Eisen anschmeiße – für mich allein. Ich liebe zudem Pfannkuchen, Quarkkäulchen, Milchreis, Kaiserschmarrn. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mich schon als kleines Kind geweigert habe, Fleisch zu essen. Für mich gab’s also nur Beilagen.

          Das könnte – so zumindest meine Theorie – dazu geführt haben, dass ich das warme Mittagessen nicht als ein enormes Genusserlebnis wahr­genommen habe. Als ich älter wurde, kam dann auch noch mein Mitleid mit den Tieren hinzu. Was mit dazu führte, übertriebenes ­Theater ums Essen (das normaler­weise um Fleisch, nicht um perfekt gedünstetes Gemüse gemacht wird) blöd zu finden.

          Backwaren duften einfach schon so viel besser als beispielsweise Kohl auf dem Herd, findet unsere Autorin.
          Backwaren duften einfach schon so viel besser als beispielsweise Kohl auf dem Herd, findet unsere Autorin. : Bild: picture alliance / Rainer Hacken

          Natürlich koche ich trotzdem re­gelmäßig, wenigstens an den Wo­chenenden. Dabei brennen mir schon die Augen, bevor ich die Zwiebel überhaupt geschält habe. Sie und anderes Grünzeug fein zu schnippeln, dazu Kräuter umständlich vom Stängel abzufummeln und zu hacken – das macht einfach keinen Spaß. Gegessen haben wir dann in aller Regel deutlich schneller, als wir vor- und zubereitet haben. Für mich fühlt sich das nach verlorener Zeit an.

          Für die Süßspeisen hingegen füge ich einfach Mehl, Eier, Milch zusammen oder koche Brei in einem Topf auf. Das geht flott, und das sind für mich die viel schöneren Handgriffe. Und – ein, wie ich finde, unschlag­bares Argument: Ein Crumble im Ofen riecht so viel besser als Kohl auf dem Herd.

          Eva Schläfer

          Die Hausfrauenrolle nervt

          Als die Kinder anfingen, das eklige Schulmittagessen zu verweigern, wurde Kochen für mich zur Falle. Essen hat mir nie viel bedeutet; auf regelmäßige und gesunde Mahlzeiten poche ich nur, weil ich überzeugt bin, Kinder brauchen das. Plötzlich jedoch musste ich mich nicht nur ums Abendbrot kümmern, sondern Tupperdosen und Lunchpots für den nächsten Mittag vorbereiten. Schon die Überlegung, welches Gericht welchem Kind an welchem Tag schmecken sollte, nervte.

          Wenn das Schulessen den Kindern nicht mehr schmeckt, nimmt die Kocherei in der Familie überhand.
          Wenn das Schulessen den Kindern nicht mehr schmeckt, nimmt die Kocherei in der Familie überhand. : Bild: dpa

          Viele Dinge im Leben machen keinen Spaß und müssen trotzdem erledigt werden. Kochen finde ich besonders doof, weil ich mich wie eine Gefangene fühle. Gefangen in meiner Rolle. Solange ich nach der Arbeit lustlos die Playmobil-Feuerwehr durchs Kinderzimmer steuerte, tröstete ich mich, das sei jetzt Quality-Time und wichtig für die Bindung. Wer für Teenager kocht, steht in der Küche – allein. Es geht nicht um Beziehung und gemeinsame Zeit, sondern um Service. Ich habe versucht, mir einzureden, in der Pubertät drücke sich Fürsorge eben so aus. Mir macht das trotzdem schlechte Laune: Hausfrau statt Mutter.

          Kürzlich war eine Freundin mit älteren Kindern zu Besuch, als sich die Plastikboxen auf meiner Arbeitsplatte stapelten. „Oh“, sagte sie: „Du darfst sie noch bekochen?“ Es klang wehmütig.

          Julia Schaaf

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