https://www.faz.net/aktuell/stil/essen-trinken/kuechen-koeche/tropenhaus-im-frankenwald-fruechte-mithilfe-von-abwaerme-18044228.html

Tropenhaus im Frankenwald : Wie ein Gärtner mithilfe von Abwärme tropische Früchte anbaut

Eine Papaya kann nach Röstaromen von Kaffee duften. Bild: dpa

Überall in Deutschland wird Abwärme aus der Industrieproduktion vergeudet. Im Frankenwald nutzt man sie, um tropische Früchte anzubauen – und zeigt, was auch in Deutschland möglich ist. Die Kolumne Geschmackssache.

          3 Min.

          Im Frankenwald gibt es keine Krokodile, aber das ist reiner Zufall. Denn rein zufällig reiste der Glasfabrikant Carl-August Heinz im Jahr 2007 nach Cornwall, besuchte dort den berühmten Botanischen Garten „Eden Project“ und entschied sich entgegen der Mehrheitsmeinung seiner Stammtischbrüder, doch keine Krokodilfarm zur Hand­taschenherstellung, sondern ein Tropen­gewächshaus neben seiner Fabrik in Kleintettau zu errichten. Immer wieder hatten sich die Brüder den Kopf darüber zerbrochen, wie man die Unmengen von Abwärme sinnvoll nutzen könnte, die bei der Glasproduktion entsteht und kostspielig gekühlt werden muss – bis der Fabrikant die zündende Idee hatte, eine Filiale der äquatorialen Breitengrade im tiefsten Frankenhinterwald zu eröffnen und so eine Blaupause dafür zu liefern, wie Deutschland viele seiner Klima-, Umwelt- und Ernährungsprobleme lösen könnte.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Im Jahr 2014 nahm das Klein Eden Tropenhaus am Rennsteig – so der offizielle Name – feierlich seinen Betrieb auf und wurde danach beharrlich als Spinnerei belächelt. Dann aber veränderte ein schwedisches Mädchen die Klimadebatte radikal, und jetzt kommen jedes Jahr weit mehr als zehntausend Menschen in den Frankenwald, um zu erfahren, wie man den Planeten retten könnte. Im Gewächshaus für Besucher lernen sie exotische Pflanzen wie Tamarinden, Vanille, Piment oder Jackfruit und Tropenbewohner wie Gottesanbeterinnen, Nackenstachler, Kornnattern oder Pfeilgiftfrösche kennen, während sie auf Schautafeln erfahren, dass der Amazonas 120 Milliarden Tonnen Kohlendioxid speichert und Deutschland mehr Papier verbraucht als alle Länder Afrikas und Südamerikas zusammen. Und im Gewächshaus für die Forschung und Produktion können sie sich darüber unterrichten lassen, welche ungeheuren Möglichkeiten der Ressourcenschonung in Deutschland durch Trägheit oder Phantasielosigkeit Tag für Tag verschwendet werden.

          Der Gedanke hinter dem Tropenhaus ist ebenso simpel wie einleuchtend: Im Frankenwald wird auf knapp dreitausend Quadratmeter Fläche der Anbau von Früchten und Gewürzen erforscht und perfektioniert, die sonst als Flugware mit einer verheerenden Kohlendioxidbilanz nach Deutschland kommen. Papaya und Sternfrucht stehen dabei im Mittelpunkt, daneben kultiviert man unter anderem Yuzu, Guaven, Kaffirlimetten, Kumquats, Blutorangen, Zitronatzitronen, Ingwer, Galgant und Piment.

          Dafür braucht man eine konstante Temperatur zwischen 21 und dreißig Grad, für die 38 bis 48 Grad heißes Wasser sorgt, erhitzt von der kostenlosen Abwärme aus der Glasfabrik. „Wenn ich das mit Öl bewerkstelligen wollte, brauchte ich 120.000 Liter pro Jahr“, sagt Ralf Schmitt, der Chef des Tropenhauses, der nicht nur gelernter Gärtnermeister, studierter Betriebswirt, sondern auch einer von 117 Gewürz-Sommeliers in Deutschland ist und noch eine ganz andere Rechnung aufmacht: 1,2 Megawatt Abwärme braucht er jährlich, ein Achtzehntel dessen, was bei einer durchschnittlichen Server-Farm anfällt. Mit jeder einzelnen Farm, von denen es in Deutschland Abertausende gibt, könnte man also zwei Hektar Gewächshausfläche bewirtschaften und mit der Abwärme all der Auto- oder Chemiefabriken noch viel mehr. „Warum stehen nicht auf ihren Dächern Tropenhäuser, mit deren Ertrag man die gesamte Belegschaft in der Kantine versorgen könnte“, fragt sich nicht nur Ralf Schmitt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Janine Wissler

          Erfurt : Janine Wissler als Linke-Parteichefin wiedergewählt

          Die Linke wählt auf ihrem Parteitag eine neue Führung. Die bisherige Parteichefin Janine Wissler setzt sich mit 57,5 Prozent gegen die Bundestagsabgeordnete Heidi Reichinnek durch. Die Wahl des zweiten Vorsitzenden steht noch aus.

          Urteil zu Abtreibung : Zwischen Gott und Donald Trump

          Für die Republikaner könnte sich Trumps größter Erfolg rächen: Die Mehrheit der Amerikaner wollte am Abtreibungsrecht nicht rütteln. Der frühere Präsident kann dennoch gelassen abwarten.
          Schwer loszuwerden: Lebensmitteltmotten nisten sich im Essensvorrat gerne ein.

          Geht doch! : Tod den Lebensmittelmotten

          Lebensmittelmotten will niemand haben, aber man wird sie nur schwer los. Doch kleine unscheinbare Tiere helfen zuverlässig, die Plage zu beherrschen.

          Folgen des Mané-Transfers : Der FC Bayern im Auge Afrikas

          Wie viel ist dieser Transfer wert? Sadio Mané soll nicht nur den FC Bayern München pushen, sondern auch das Interesse an der Bundesliga steigern. Doch ein Weltstar allein erobert keinen neuen Markt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.