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So isst die Welt : Massaker mit Messer und Gabel

Clash of Cultures: Ein Passagier von Northwest Airlines versucht in den sechziger Jahren mehr oder weniger verzweifelt, mit Stäbchen zu essen. Bild: Getty

Die Menschheit teilt sich bei ihren Esswerkzeugen in drei große Gruppen, die so gut wie keine Überschneidungen kennen: Stäbchen, Finger, Besteck heißt die Dreifaltigkeit am Tisch. Und womit isst man am besten? Die Kolumne Geschmackssache.

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          Alle Menschen essen, aber nicht alle Menschen essen gleich. Stattdessen tun sie es auf denkbar unterschiedliche Art und Weise: Die einen essen mit Stäbchen, die anderen mit Messer und Gabel und die dritten mit den Händen. Warum aber hat die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte irgendwann beschlossen, sich in diese drei Gruppen aufzuteilen, die so strikt voneinander getrennt sind wie sonst nur Glaubensgemeinschaften? Warum haben die Europäer so viele Errungenschaften aus China übernommen, das Papier, das Porzellan, den Kompass, aber nicht die kluge Sitte, das Essen mit Hilfe von Holzstäben in mundgerechten Häppchen zu verspeisen?

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Warum isst man in Indien noch immer mit den Händen, so wie die Urmenschen in ihrer Höhle, obwohl das Land eine jahrtausendealte Geschichte hat und zu den raffiniertesten Zivilisationen der Erde gehört? Und warum können wir Abendländer es nicht lassen, unsere Speisen am Tisch „mit Messer und Gabel zu massakrieren“, wie es der französische Philosoph Roland Barthes nannte, ganz so, als müsste die Kuh erst auf dem Teller geschlachtet werden? Das sind Menschheitsfragen, auf die wahrscheinlich kein Mensch eine endgültige Antwort weiß.

          Die Feinfühligkeit der Finger

          Am Anfang jedenfalls waren die Hände – und sie sind es immer noch. Denn kein Kleinkind greift freiwillig zu irgendeiner Form von Tischwerkzeug, sondern folgt dem atavistischen Verhalten, das schon dem Homo erectus vor Jahrmillionen zu eigen war. Den Gebrauch seiner Hände muss es sich mühsam abtrainieren und entweder von Vater und Mutter den Löffel zu halten lernen oder mit rohen Erbsen die korrekte Benutzung von Stäbchen üben. Ein Gewinn ist das nicht unbedingt, weil es keine intimere Zwiesprache mit unserer Nahrung gibt, als unsere Hände zu benutzen. Die Haptik, nicht nur Optik und Olfaktorik, sagt uns, was wir gerade in unseren Mund und Magen hineinstecken. Die Feinfühligkeit der Finger verhindert, dass wir zu heiß essen und uns verbrennen. Die Kette der Natürlichkeit unserer Nahrungsaufnahme vom Pflücken und Sähen bis zum Verzehren wird am Tisch von keinem Hilfswerkzeug unterbrochen. Man kann schon verstehen, warum vier Milliarden Menschen weiterhin nichts als ihre Hände am Tisch benutzen.

          Handarbeit: Kein Kleinkind greift freiwillig zu Messer und Gabel.
          Handarbeit: Kein Kleinkind greift freiwillig zu Messer und Gabel. : Bild: Picture-Alliance

          Die Chinesen aber haben schon immer weit größeren Wert auf Verfeinerung als Atavismus gelegt und sich vor dreitausend Jahren von der Primitivität des Finger Food verabschiedet. Die notorische Knappheit von Brennstoff mag ein Auslöser gewesen sein – kleingeschnittenes Essen wird schneller gar und ist am einfachsten mit Stäbchen zu essen –, doch sie war nicht der alleinige Grund. Vielmehr wollen die Chinesen an ihrer Tafel nicht an die Gestalt des Tieres erinnert werden, das sie gerade verspeisen, vielleicht haben sie ja zu schöne Momente mit ihrer Peking-Ente erlebt. Und dass der Gebrauch von Stichwaffen oder Miniaturheugabeln am Tisch barbarisch ist, musste ihnen nicht erst Konfuzius ans Herz legen. Dem weisesten aller Chinesen wird immer wieder unverbürgt unterstellt, er habe die Messer aus dem Esszimmer verbannt und stattdessen die Stäbchen empfohlen, weil man mit ihnen langsamer, bewusster und genussvoller esse. Das ist zweifellos richtig. Dass man mit ihnen allerdings auch eine enorme Schaufelkraft entfalten kann, zeigt der chinesische Essensgruß: Er lautet „man man chi“ – iss langsamer!

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