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So isst die Welt : Massaker mit Messer und Gabel

Vom Glück der Tischbarbarei

Die feinen Esswerkzeuge, die dank buddhistischer Missionare auch Japan, Korea und Vietnam eroberten, verlangen zwangsläufig nach mehr Etikette als das grobe abendländische Besteck. Niemals darf man die Chopsticks ins Essen stecken, denn das erinnert an die Position der Räucherstäbchen bei Beerdigungen. Niemals darf man Essen mit Stäbchen weiterreichen, denn so übergeben buddhistische Priester die Knochenreste aus der Asche Verstorbener an die Angehörigen. Und mit den Stäbchen an der Essschale zu klappern ist der größte Fauxpas, weil so nur Bettler Aufmerksamkeit erregen wollen.

Für uns selbstverständlich, für sechs Milliarden Menschen nicht: unser klassisches Besteck.
Für uns selbstverständlich, für sechs Milliarden Menschen nicht: unser klassisches Besteck. : Bild: Valerie Objects

Da haben wir abendländischen Tischbarbaren es wesentlich leichter, allein schon deswegen, weil wir uns über das adäquate Instrumentarium beim Essen jahrhundertelang nicht den Kopf zerbrechen wollten. Die antiken Griechen und Römer schlemmten mit den Händen oder gaben sich mit groben Holzlöffeln zufrieden. Im Mittelalter war es üblich, ein Futteral am Gürtel zu tragen, in dem sich Messer und Löffel befanden – „Besteck“ lautete das mittelhochdeutsche Wort für dieses Behältnis, und schon hatten die Deutschen im Gegensatz zu Franzosen, Italienern oder Engländern ein präzises Wort für ihr Esswerkzeug. Bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert brachte man sein Besteck immer mit, wenn man zu einem Mahl eingeladen war, selbst in Gasthäusern bekam man nur einen Teller und einen Humpen.

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Wie verblüffend jung die Geschichte unserer Tischsitten ist, zeigt exemplarisch die Geschichte der Gabel. Sie war zwar schon im Römischen Reich verbreitet, aber nur zum Aufspießen von Häppchen oder zum Servieren von Fleischstücken. Mit dem Untergang Roms verschwand sie aus Europa, kehrte erst im Hochmittelalter über das byzantinische Reich zurück und sorgte sofort für Furore: Der Soziologe Norbert Elias schildert in seinem Buch „Über den Prozess der Zivilisation“, wie eine Prinzessin aus Byzanz am Hof des Dogen von Venedig mittels einer Gabel Nahrung in ihren Mund führte – und damit den Frevel beging, von Gott gegebenes Essen mit etwas anderem als den von Gott dafür vorgesehenen Händen zu essen. Für die Kirche waren Gabeln lange Zeit Teufelszeug, weil der Dreizack als Insignie des Leibhaftigen galt. Hildegard von Bingen sah im Gebrauch von Gabeln sogar eine Verhöhnung Gottes. Von Martin Luther stammt der berühmte Satz: „Gott behüte mich vor dem Gäbelchen.“ Und Erasmus von Rotterdam befand kategorisch, dass alles, was am Tisch gereicht werde, mit drei Fingern oder Brotstücken zu nehmen sei.

Diese Skepsis hielt sich dermaßen zäh, dass erst dank der industriellen Massenfertigung im späten neunzehnten Jahrhundert die Vier-Zinken-Gabel, wie wir sie heute kennen, zum Stammgast an unserem Esstisch wurde. Für die meisten Erdenbewohner ist sie indes immer noch eine Kuriosität. Vielleicht sollten auch wir sie ab und zu beiseitelegen und mit Stäbchen essen oder mit bloßen Händen. Denn fast sechs Milliarden Menschen können unmöglich irren.

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