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Bratwurstmuseum eröffnet : Eine Extrawurst für Nürnberg

Mit Kraut: Nürnberger Rostbratwürste Bild: dpa

Keine zehn Zentimeter lang, dafür voller Sagen und Mythen: In Nürnberg hat man der Rostbratwurst ein neues Museum gewidmet. Es blickt durchs Schlüsselloch in die Stadtgeschichte.

          3 Min.

          Es gibt Meldungen, die in der Redaktionskonferenz zuverlässig für Lacher sorgen. „Hängebauchschwein macht Spaziergang“ zum Beispiel. Aber auch: „Bratwurst­museum in Nürnberg eröffnet“. Der Witz erzählt sich ja praktisch von selbst: Da geht’s dann um die Wurst! Haha!

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Dabei ist die Nürnberger Einrichtung nicht die erste, in der man der Wurst huldigt. Schon seit 2006 kann man in Thüringen das Erste Deutsche Bratwurstmuseum samt Bratwursttheater besuchen, drei Jahre später eröffnete in Berlin eine Erlebnisausstellung rund um die Currywurst, und auch die Weißwurst hat längst ihr Zuhause gefunden, in Neumarkt in der Oberpfalz. Ist da ausgerechnet für die doch recht kleinen Nürnberger noch ein, pardon, Extrawurstmuseum nötig?

          Für Rainer Heimler, den ersten Vorsitzenden des Schutzverbands Nürnberger Bratwürste e.V., besteht daran kein Zweifel. 1989 hat sich der Verband, der das Museum heute trägt, gegründet, um für die sieben bis neun Zentimeter lange Wurst mit der typischen Majorannote ein schützendes EU-Siegel zu beantragen. Damals habe man viel recherchiert, um die Geschichtsträchtigkeit der Wurst zu belegen, und festgestellt: „Die Geschichte der Nürnberger Bratwurst ist gleichzeitig die Geschichte der Stadt Nürnberg.“

          Viel hat sich nicht geändert: Historische Metzger-Utensilien hängen an einer Schautafel im Nürnberger Bratwurstmuseum.
          Viel hat sich nicht geändert: Historische Metzger-Utensilien hängen an einer Schautafel im Nürnberger Bratwurstmuseum. : Bild: dpa

          Auch wenn man mit dem Thema Wurst oft auf Heiterkeit stoße, wolle man mit dem Museum „alle Erwartungen erfüllen, die man an staatliche Museen auch hat“. Das, so lässt sich nach einem Besuch sagen, ist durchaus gelungen – heiter wird es zum Glück trotzdem ab und an, und das nicht nur, weil das Bratwurstmuseum in der Bratwurstgasse 1 zu finden ist.

          Der Würstlein kontrollierte die Qualität

          Die Nürnberger Rostbratwurst kommt jedenfalls schon seit mehr als 700 Jahren auf den Grill. Der älteste Beleg stammt aus dem Jahr 1313, „alles Schweinelenden-Prät soll man in die Würste hacken“, hieß es damals in einer Satzung des Nürnberger Rates. Nur Metzger, die auf das Schwein spezialisiert waren, durften die Würste herstellen, die Qualität wurde streng geprüft. Was Heimler, einen auf Lebensmittelrecht spezialisierten Juristen, besonders überrascht hat: Für die Kontrollen gab es damals einen eigenen Posten – den Würstlein. Richtig gelesen! Was nicht gut genug war, landete jedenfalls samt anderen Abfällen in der Pegnitz, sehr zum Leid­wesen der Fürther, die ein Stück fluss­abwärts leben. Bis heute gibt es eine Rivalität zwischen den beiden Städten.

          Historisches Werkzeug: der Wurstbügel
          Historisches Werkzeug: der Wurstbügel : Bild: dpa

          Die Wurst war damals größer als heute, das belegt ein im Museum ausgestellter Wurstbügel, der bei der Produktion für einen gleichmäßigen Durchmesser sorgte. Warum die Nürnberger so klein wurden, darum ranken sich verschiedene Mythen. Eine der charmanteren Geschichten geht so: Wenn abends die Stadttore geschlossen wurden, suchten die Wirte nach einem sprichwörtlichen Schlupfloch, um hungrige Spätankömmlinge doch noch zu verköstigen. Also machten sie die Würste so klein, dass sie durch ein Schlüsselloch passten. Eine weniger schöne erzählt von den Nürnberger Lochgefängnissen, in denen Verurteilte auf ihre Folter oder Hinrichtung warteten oder Strafen für besonders schlimme Taten wie Hochverrat absitzen mussten. Die Häftlinge wurden durch eigens in die Wände gebohrte Löcher versorgt – deshalb auch „Loch­gefängnisse“.

          Die schnöde Wahrheit ist: Im 16. Jahrhundert stiegen die Preise für Fleisch stark an. Während andernorts deshalb die Qualität litt, erlaubte man in Nürnberg die Herstellung kleinerer Würste – und bewahrte so schon früh das Ansehen der Nürnberger Rostbratwurst.

          Bratwürste gab es in den Lochgefängnissen, die ihren Namen vielmehr von der dort herrschenden Kälte und Dunkelheit hatten, dennoch. Ein Schriftstück über die Henkersmahlzeiten, die übrigens drei Tage andauerten, belegt: Die zum Tode Verurteilten erhielten nebst Wein allein zum Frühstück täglich fünf Bratwürste. Ein Pa­trizier, der lebenslang im Lochgefängnis inhaftiert war, ließ sich angeblich sogar 38 Jahre lang täglich mit zwei Würsten verköstigen und soll ganze 28.000 Stück verspeist haben. Wenn das keine Hingabe ist!

          Fehlt nur noch eine: die Wurst

          Auch außerhalb der Gefängnismauern war die Nachfrage nach den Würsten groß. Zeitweise versorgten mehr als 400 Gar­küchen Nürnberger wie Touristen tagtäglich mit Bratwürsten – viele waren auf sie angewiesen: Den Luxus einer Kochstelle im eigenen Haus hatte damals nicht jeder. Prominente Stadtgäste ließen sich die Würste ebenfalls schmecken. Im Gästebuch des „Bratwurstglöckleins“ findet sich etwa ein Eintrag von Prinzessin Maria von Griechenland und Dänemark (1876 bis 1940). Die 1313 erbaute historische Garküche steht heute allerdings nicht mehr, sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Für den Wiederaufbau fehlte damals das Geld. Viele andere Garküchen konnten mit dem Aufkommen der modernen Massenproduktion und der Supermärkte nicht mithalten, im Museum sollen sie bald im Rahmen einer Sonderausstellung noch einmal aufleben.

          An Wurst- und Stadtgeschichte mangelt es nicht im Nürnberger Bratwurstmuseum. Fehlt eigentlich nur noch eine: die Bratwurst selbst. Für die sei es trotz ihrer geringen Größe in dem 100-Quadratmeter-Museum zu eng gewesen, sagt Rainer Heimler. Im kommenden Jahr würde der Schutzverband aber gern gegenüber dem Museum eine Grillmöglichkeit schaffen, man sei gerade im Gespräch mit der Stadt. Dann soll auch die Eröffnungsfeier nachgeholt werden, die wegen der aktuellen Corona-Lage verschoben wurde. Denn wie heißt es so schön: Alles hat ein Ende – nur die Wurst hat zwei.

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