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Gesünder essen als Top-Thema : Warum New Yorks neuer Bürgermeister auf vegane Ernährung setzt

Für Eric Adams (hier im November mit einem veganen Sandwich in Brooklyn) hat das ungesunde Essen, das Schwarze konsumieren, eine dunkle Vergangenheit. Bild: Imago

Der neue Bürgermeister von New York hat eine Mission: Die Einwohner sollen sich gesünder ernähren. Eric Adams stieg selbst einst vom Fastfood auf Veganes um – nach einer Krise.

          7 Min.

          Wenn Eric Adams von seiner Morgenroutine erzählt, klingt das doch recht anstrengend. Aufstehen um fünf, meditieren, trainieren, anschließend ein grüner Smoothie. Und dann geht der Tag für den neuen Bürgermeister von New York erst richtig los. Wer Adams’ Team in den sozialen Medien folgt, weiß auch, was der Bürgermeister tagsüber isst. In seiner ersten Amts­woche zum Beispiel Grünkohl, Quinoa, Süßkartoffeln, Brokkoli und Tofu. Oder eine Bowl mit Erbsen, Karotten, Roter Bete, Linsen und Spinat. Alles ohne tierische Produkte natürlich. Denn Eric Adams ist der erste vegane Bürgermeister New Yorks.

          Sofia Dreisbach
          Politische Korrespondentin für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Auf den ersten Blick erfüllt der Mayor viele Klischees. Immer und immer wieder beschreibt er in Interviews, Gesprächen und Podcasts in Mein-Körper-ist-mein-Tempel-Manier, wie das Vegansein ihn verändert, ihn gesund gemacht habe. Auf YouTube kann man ihm 7 Minuten und 16 Sekunden lang dabei über die Schulter schauen, wie er im figurbetonten weißen Shirt seinen Smoothie zubereitet: Kakao, Acai-, Maca-, Kokos- und Moringapulver, Johannisbrotkernmehl, Beeren und eine Handvoll Grünkohl („das Geheimnis“). Ein anderes Video zeigt den Einundsechzigjährigen an Tag zwei nach seiner Amtseinführung am Silvesterabend im Anzug auf dem Fahrrad auf dem Weg zu einem Fernsehinterview: „Es liegt an dir, New York!“

          Doch Adams, der zweite schwarze Bürgermeister der Stadt, hat veganes und gesünderes Essen für die New Yorker nicht aus Modegründen zu einem seiner Themen für die nächsten Jahre gemacht. Als er an einem Morgen im März 2016 die Augen aufschlug – damals war Adams noch Bezirksbürgermeister von Brooklyn –, konnte er kaum die Umrisse seines Weckers ausmachen. Auf dem linken Auge war er blind, das rechte war blutunter­laufen. Seine Finger und Zehen kribbelten und fühlten sich taub an; er hatte höllische Magenschmerzen. Für Adams ein Erweckungserlebnis.

          Der Arzt stellte damals ein Magengeschwür fest und diagnostizierte Diabetes Typ 2. Weil Adams es nicht glauben wollte, besuchte er die besten Ärzte der Stadt. Sie alle sagten: Medikamente und Insulin für den Rest seines Lebens. Sie alle gaben ihm Unterlagen mit: Wie Sie mit Diabetes leben. Und Adams? Der will stattdessen „Diabetes rückgängig machen“ gegoogelt haben. Diese Eingebung sei „irgendwo aus dem Universum“ gekommen. Seit 2016 also verzichtet der Demokrat auf tierische Produkte, auf übermäßig Salz, Zucker und Öl. Er hat sein Augenlicht zurückgewonnen, abgenommen, den Diabetes zurückgedrängt – und ein Buch darüber geschrieben: „Endlich gesund. Ein pflanzenbasierter Ansatz für die Prävention und Umkehrung von Diabetes und anderen chronischen Krankheiten.“

          „Die Ernährung ist die neue Frontlinie im Kampf für Bürgerrechte“

          Beim Thema Ernährung nimmt Adams kein Blatt vor den Mund, nicht vor und nicht seit der Wahl zum 110. Bürgermeister von New York. Ungesundes Essen ist für ihn die Ursache vieler Probleme. „Die Ernährung ist die neue Frontlinie im Kampf für Bürgerrechte“, sagte Adams der britischen Zeitung „The Times“ jüngst. „Ich glaube, es ist das Topthema in Amerika, wenn nicht sogar auf der ganzen Welt.“ Früher habe es geheißen, Essen sei unsere Medizin. Doch, so Adams: „Unser Essen macht uns krank.“ In einem Podcast des veganen Ultrasportlers Rich Roll formulierte er es im August noch drastischer: „Wir sind eine ungesunde Gesellschaft. Alles, was wir tun, ist ungesund. Wir haben eine Junkfood-Mentalität sowohl bei unserer Ernährung als auch mental. Wir sind wirklich in sehr schlechter Verfassung.“

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          Rezept-Klassiker : Wie gelingt der perfekte Salat, Frank Buchholz? Bild: F.A.Z.

          In Adams eigener Familie gibt es eine lange Krankengeschichte mit Diabetes. Als er seine Diagnose erhielt, litt seine inzwischen verstorbene Mutter schon 15 Jahre an der Zuckerkrankheit, musste sich seit sieben Jahren Insulin spritzen. Eine Schwester hatte wegen Diabetes eine Niere verloren, eine Tante war mit 57 Jahren daran gestorben. „Ich dachte, das wäre normal“, schreibt Adams in seinem Buch. Als seine Mutter einmal ihre Medizin vergessen habe, habe bei einem Familientreffen beinahe jeder aushelfen können: „Meine Familie hatte Tabletten in allen Farben des Regenbogens.“

          Für die Situation in seiner und vielen anderen afroamerikanischen Familien macht Adams vor allem eines verantwortlich: das „Soul Food“ der afroamerikanischen Kultur, etwa „Chittlins“ (frittierter oder gekochter Schweinedarm), eingelegte Schweine­füße oder gegrillte Rippchen. Was als typisches Essen zubereitet werde, sei ungesund. Zu viel Salz, zu viel Zucker, zu viel Fett.

          Dunkle Geschichte des „Soul Food“

          Was aus Sicht heutiger Ernährungsstandards häufig kritisiert wird, hat seinen Ursprung in den Zeiten der Sklaverei. Sklaven bekamen häufig die Teile eines Tieres und die Nahrungsmittel, die die Sklavenhalter nicht essen wollten (und die hochkalorisch zubereitet wurden). Viele der heute als „Soul Food“ bezeichneten Gerichte sind also mit dieser dunklen Geschichte verknüpft. Adams spitzt weiter zu: „Sie wurden unseren Vorfahren aufgezwungen. Und wir setzen fort, was die Sklaverei in unser Leben gebracht hat.“ Er wolle die tatsächlichen Hintergründe zeigen: „Du hast vielleicht die Plantage verlassen, aber du bist immer noch ein Sklave“, sagte er vergangenes Jahr in einem Podcast. Bei der „Black Lives Matter“-Bewegung gehe es um mehr als den Mord an George Floyd: „Es geht um die Morde, die jeden Tag in unseren Städten stattfinden, wenn wir unsere Leute mit schlechtem Essen versorgen.“

          Der englische Titel von Adams’ Buch gibt einen Hinweis, in wessen Fußstapfen er sich sieht: „Healthy At Last“. Martin Luther King hatte zum Ende seiner berühmten „I have a dream“-Rede 1963 gerufen: „Free at last“ – Endlich frei! Mit Blick auf die große Bedeutung der traditionellen Küche für die afroamerikanische Kultur formulierte Adams es einmal etwas zurückhaltender: Man könne die Vorfahren ehren, indem man „Soul Food“ so interpretiere, „wie es schon immer hätte sein sollen: auf pflanzlicher Basis“. Selbst seine Mutter, so erzählt es Adams, sei mit über achtzig Jahren noch zur Veganerin geworden. Im Vorwort seines Buches schreibt er an sie gerichtet: „Du hast mir das Leben geschenkt. Und dann habe ich dir Gesundheit geschenkt.“

          Im Bemühen um eine gesündere Ernährung hat Adams die Statistiken auf seiner Seite. In den Vereinigten Staaten sterben mehr Schwarze als Weiße an Herzkrankheiten, Schlaganfällen, Krebs, Asthma und Diabetes. Das zeigen Zahlen des Gesundheitsministeriums. Laut einer Prognose des Zensusbüros lag die Lebenserwartung für Schwarze 2020 im Schnitt bei 77 Jahren – für Weiße bei 80,6 Jahren. 2018 war es für Schwarze demnach doppelt so wahrscheinlich, an Diabetes zu sterben, wie für Weiße; die Wahrscheinlichkeit für eine Diabetes-Diagnose ist um sechzig Prozent höher. Schwarze Frauen sind laut Gesundheitsministerium in Amerika außerdem die Gruppe mit den meisten Fällen von Fettleibigkeit oder Übergewicht – vier von fünf seien betroffen.

          Chicken Nuggets gleich Zigaretten?

          Adams einst ungesundes Essverhalten war jedoch nicht allein dem „Soul Food“ zuzuschreiben. Er, der mehr als zwanzig Jahre als Polizist in New York gearbeitet hat, fand sich während vieler Nachtschichten bei Fast-Food-Ketten wieder: erst für einen Cheeseburger, später dann für einen Kaffee und Fried Chicken, für ein paar Stücke Pizza im Morgengrauen und nach einer besonders schlimmen Nacht noch einen Milchshake. Über Jahre habe er dieselbe Routine gehabt, schreibt Adams in seinem Buch: „schnelle, billige und einfache Gerichte – oder ‚comfort food‘, als das du es vielleicht kennst“, Essen zum Wohlfühlen.

          Bestimmten Nahrungsmitteln hatte Adams schon als Bezirksbürgermeister den Kampf angesagt. 2018 verglich er Chicken Nuggets und „Sloppy Joe“, einen Burger mit Hackfleischsoße, mit Zigaretten und setzte einen „fleischfreien Montag“ für mehr als eine Million Schüler durch. Nach eigener Aussage will Adams sogar Präsident Joe Biden bei ihrer ersten Begegnung im vergangenen Juli dazu angehalten haben, gesund zu essen. Sein Plan für New York? „Wir müssen aufhören, diese Krise zu füttern.“

          Am liebsten wäre es ihm natürlich, der Stadt pflanzliche Ernährung zu verordnen – streng genommen nicht „vegane“, weil ja auch Oreo-Kekse vegan seien, und die zählen auf seinem Speiseplan zu den no-nos. Doch leicht dürfte er es mit seinem Vorhaben, das Essverhalten der Amerikaner umzukrempeln, nicht haben. Vor zehn Jahren war der damalige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg mit dem sogenannten Limonaden-Bann gescheitert. Er wollte im Kampf gegen weit verbreitetes Übergewicht und Gesundheitsprobleme durchsetzen, dass Softdrinks mit vielen Kalorien nicht mehr in großen Bechern ab einem halben Liter verkauft werden dürfen. Zwei Gerichte kassierten den Beschluss nach Klagen damals wieder – und die öffentliche Empörung ebbte ab.

          Adams will denn nach eigener Aussage auch nicht den Weg über Verbote gehen. Immer wieder betont er, was die New Yorker am Wochenende auf den Grill legten, sei nicht sein Problem. Als Bürgermeister will er zunächst vor allem das Essen in öffentlichen Einrichtungen angehen: keine verarbeiteten Lebensmittel und zuckerhaltigen Getränke mehr in Schulen und in öffentlichen Krankenhäusern, kein Junkfood mehr in Gefängnissen, Notunterkünften und Behördenkantinen. Außerdem träumt Adams von Gewächshäusern und Dachgärten auf Schulen, deren Gemüse dann direkt in der Cafeteria verarbeitet wird. In einem Podcast sprach er jüngst von seinem Wunsch, mit „Vertical Farming“ – bei dem Obst und Gemüse meist drinnen in Regalen übereinander wachsen – über das ganze Jahr hinweg Tomaten für Schulen zu ziehen. Der Bürgermeister wolle sicherstellen, dass „alle Behörden auf das Ziel ausgerichtet sind, eine gesündere, wohlhabendere Stadt für alle Einwohner zu schaffen“, wie es ein Berater von Adams gegenüber dem Onlinemagazin „Politico“ formulierte.

          Adams spart nicht an drastischen Worten

          Bei seinem Feldzug für unverarbeitete, pflanzliche Ernährung spart der Bürgermeister nicht mit drastischen Worten. Mehrfach schon hat er ungesundes Essen mit Heroin verglichen. In der ersten Woche der Ernährungsumstellung sei er „durch einen Entzug gegangen“, sagte er im Podcast des Ultrasportlers Roll. Wenn man einen Heroinsüchtigen ohne Drogen neben einen nach Steaks „und diesem ganzen anderen schlechten Essen“ Süchtigen ohne Nahrung in einen Raum stecke – „sag du mir, wer der Heroinsüchtige und wer der andere ist“.

          Hat neben Ernährung auch andere Fronten: Bürgermeister Adams hält eine Rede, nachdem 19 Personen bei einem Wohnahusbrand in der Bronx ums Leben gekommen sind.
          Hat neben Ernährung auch andere Fronten: Bürgermeister Adams hält eine Rede, nachdem 19 Personen bei einem Wohnahusbrand in der Bronx ums Leben gekommen sind. : Bild: EPA

          Adams weiß sich zu inszenieren. Er kokettiert mit seinem Lebenswandel, erzählt davon, wie er seinen Sohn im Urlaub hinter sich gelassen habe, von seinem „festen“ Körper und wie er manchmal aus der Dusche komme und denke: „Verdammt!“ Auf seiner Website schreibt er, er sei auf einer „persönlichen Mission“, um New Yorker aufzuklären.

          Veganer, Fitness-Fans und auch viele Mitarbeiter des Gesundheitswesens setzen große Hoffnungen in Adams. Anderen Landsleuten missioniert er zu heftig. Abgesehen von der Furcht, einer ganzen Stadt könne nun vegane Kost verordnet werden – was Adams sicherlich nicht vorhat –, gibt es berechtigte Kritik an einigen der Thesen, die der neue Bürgermeister bei seinen flammenden Appellen für den „plant-based lifestyle“ geäußert hat.

          Häufig fehlten den Behauptungen wissenschaftliche Beweise, ein empfindlicher Vorwurf vor allem in Zeiten von Corona-Leugnern und Impfgegnern. So behauptete Adams etwa, es sei wissenschaftlich bewiesen, dass gesunde Ernährung Schizophrenie verhindern könne. Shebani Sethi Dalai, Gründungsdirektorin der Metabolischen Psychiatrie an der Stanford University, sagte „Politico“, es gebe keine Daten, die das belegten: „Ich würde nicht sagen, dass diese Ernährungsweisen bipolare Störungen oder Schizophrenie behandeln könnten.“ Auch Politiker mit besten Absichten sollten aufpassen, keine Falschinformationen zu streuen.

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