https://www.faz.net/-hs0-aas8e

Tafelwerk

Text von CLAUDIA BRÖLL
Fotos von BIANCA THIELKE

30. April 2021 · Vom globalen Milliardengeschäft mit Schokolade fiel für den afrikanischen Kontinent lange nur wenig ab. Das ändert sich nun – dank Unternehmen wie Afrikoa und Honest Chocolate.

Groß, wohlgeformt und nicht gerade leise: „Wir mussten sie einfach Sophia Loren nennen, sagt Antonino Allegra beim Rundgang durch seine Schokoladen-Manufaktur in einem Gewerbegebiet nahe Kapstadt. „Die Schöne“ ist aus rostfreiem Stahl und hat besondere Qualitäten: „Sophia“ zermahlt und presst getrocknete Kakaobohnenstückchen, bis eine flüssige Masse entsteht, tiefbraun und verführerisch duftend. Ein paar weitere Produktionsschritte, und daraus wird Schokolade.

Antonino Allegra
Antonino Allegra
Antonino Allegra ist Sizilianer und hat in Deutschland das Konditorhandwerk gelernt, im Sauerland. Vor fünf Jahren gründete er in Südafrika das Unternehmen Afrikoa. „Made of Africa“ steht groß auf den Tafeln. Alle Zutaten stammen vom Kontinent: die Kakaobohnen aus Tansania, der Zucker von Zuckerrohrplantagen in der südafrikanischen Provinz Kwa-Zulu-Natal und die Nüsse oder Mandeln aus der riesigen Halbwüste Karoo.

Afrika ist heute der wichtigste Lieferant von Kakaobohnen auf der Welt. Etwa zwei Drittel der Produktion stammen von hier. Die größten Lieferanten befinden sich in Westafrika: in Ghana, Nigeria, Kamerun und der Elfenbeinküste. Doch wie bei anderen Rohstoffen spielen afrikanische Unternehmen bei der Weiterverarbeitung kaum eine Rolle. Vom globalen Milliardengeschäft mit Schokolade fallen für den Kontinent nur ein paar Stücke ab.

Das hat auch historische Gründe. Ursprünglich stammt der Kakaobaum – der wissenschaftliche Name Theobroma cacao heißt übersetzt „Speise der Götter“ – aus Südamerika. Als spanische Eroberer die Früchte nach Europa mitbrachten, wurde Schokolade als Getränk dort begehrt, zunächst am spanischen Königshof, später unter den Betuchten. Schon um 1800 entstanden in Europa Schokoladenfabriken, schnell florierte der Handel. Wegen der wachsenden Nachfrage nach der göttlichen Speise suchte man nach neuen Anbaugebieten. So brachten die Portugiesen 1824 die ersten Kakaopflanzen von Brasilien nach Westafrika, nach Sao Tomé und Gabun. Sie wuchsen dort prächtig. Schnell wurde Kakao zu einem wichtigen Exportgut der Kolonien.

Zwischen 1000 und 5000 Tafeln am Tag: So viel Schokolade produziert Antonino Allegra in Kapstadt mit seinem Unternehmen Afrikoa. Allegra stammt aus Sizilien, seine Kakaobohnen sind aus Tansania.

Seit einigen Jahren zeichnet sich ein Wandel ab. Immer mehr Unternehmer in Afrika widmen sich der Schokoladenproduktion. Südafrika ist ein Zentrum, aber auch in den kakaoproduzierenden Ländern wie Ghana oder der Elfenbeinküste gibt es mittlerweile feine, kleine Schokoladenbetriebe – mit Leidenschaft, Unternehmergeist und Begeisterung für die süßlich-bitteren Köstlichkeiten. Mit originellen Edelschokoladen und kreativen Verpackungen zielen die afrikanischen Späteinsteiger weniger darauf ab, den Großkonzernen Marktanteile zu nehmen. Sie wollen vor allem neue Märkte erschließen. Umweltfreundliche Herstellung gehört ebenso dazu wie das Versprechen, die Kakaobauern am Anfang der Wertschöpfungskette nicht auszubeuten. Schokolade für eine bessere Welt – allerdings zu einem Preis, der auf dem Kontinent nur für wenige erschwinglich ist.

Außer „Sophia“ rattern in der Afrikoa-Fertigungshalle ein halbes Dutzend weiterer Maschinen. „Mama“ und „Nonna“ – zwei knallrote Conchiermaschinen – sorgen für das Aroma und den zarten Schmelz. „Gina Lollobrigida“ temperiert und gießt in Formen, während die schon befüllten Tafelformen gemächlich auf einem Fließband dahinruckeln und abkühlen. Dieser Schritt soll Luftbläschen in der Schokolade verhindern. Afrikoa produziert am Tag zwischen 1000 und 5000 Tafeln, je nach Nachfrage. Wegen der Corona-Krise ist die gerade gedämpft. Doch der 44 Jahre alte Antonino Allegra ist ein zupackender und optimistischer Typ, er redet und arbeitet gern und schnell. Wird er auf Schokolade und sein Unternehmen angesprochen, legt er richtig los. Nach der Ausbildung war er durch die Welt gereist, hatte hier und da gearbeitet. Auch in Kapstadt machte er Halt. Warum er hängen blieb? Ganz einfach: Der Lebensstil gefiel ihm, und er witterte Geschäftsmöglichkeiten in einer Stadt, die für kreative Unternehmer und kulinarische Genüsse bekannt ist. Die Geheimnisse der Schokoladenproduktion brachte er sich selbst im Eigenstudium bei. Leicht sei das nicht gewesen, sagt er, der Lernprozess sei auch nach vielen Jahren nicht abgeschlossen. „Es ist eine Wissenschaft, fast schon eine Kunst, und niemand lässt sich dabei gern in die Karten gucken.“

In der Afrikoa-Fertigungshalle hat jede Maschine ihren eigenen Namen – diese Maschine zum Abgießen und Temperieren heißt „Gina Lollobrigida“
In der Afrikoa-Fertigungshalle hat jede Maschine ihren eigenen Namen – diese Maschine zum Abgießen und Temperieren heißt „Gina Lollobrigida“

„Es ist eine Wissenschaft, fast schon eine Kunst, und niemand lässt sich dabei gern in die Karten gucken.“
ANTONINO ALLEGRA über die Schokoladenproduktion

Afrikoa ist ein Bean-to-bar-Schokoladenhersteller. Ein solches Unternehmen kontrolliert jeden Schritt im Produktionsprozess, vom Kauf der Bohnen bis zur Verpackung. Das ist nicht zwingend ein Qualitätsmerkmal. Die International Cocoa Organization (ICCO), eine Organisation unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen, unterscheidet lediglich zwei Kategorien auf dem Kakaomarkt: „feine“ und „normale“ Bohnen. Die meisten Bean-to-bar-Unternehmen freilich umwerben Genießer, die gerne über Kakaosorten und Anbauregionen fachsimpeln und Schokolade einen ähnlichen Stellenwert verleihen wie Wein.

Eine der größten Herausforderungen bestand darin, die richtigen Bohnen und den richtigen Lieferanten zu finden, erzählt Allegra. Tansania ist zwar ein eher kleiner Kakaoproduzent in Afrika, doch es ist von Südafrika aus leichter zu erreichen als westafrikanische Länder. Tausende Bauern gibt es dort, die meisten sind Kleinstbetriebe. Mit ihnen in Verbindung zu kommen ist fast unmöglich, schon Verständigungsprobleme sind eine Barriere. Allegra fand es trotzdem absurd, bei Agenten und Händlern in Europa Kakaobohnen aus Afrika zu bestellen. Eine Hilfsorganisation, die Bauern mit Weiterbildung in Land- und Betriebswirtschaft unterstützt, brachte ihn schließlich mit zwei Betrieben in Kontakt.

Qualität hat ihren fairen Preis – Antonio Allegra zahlt im Vergleich zu den gängigen Preisen das Dreifache für seine Kakaobohnen.
Qualität hat ihren fairen Preis – Antonio Allegra zahlt im Vergleich zu den gängigen Preisen das Dreifache für seine Kakaobohnen.

Von ihnen bezieht Afrikoa nun seit einigen Jahren direkt die Bohnen. Bei der ersten Bestellung waren es sechs Tonnen, bei der zweiten 20, bei der dritten 25 Tonnen. Im Vergleich zum gängigen Preis am Farmtor zahle er einen „fairen“ Preis, der mehr als dreimal so hoch sei, sagt Allegra. Statt bei vielen Mittelsmännern blieben die Einnahmen so fast vollständig bei den Bauern. Die Folgen sind nach seinen Worten an Ort und Stelle zu sehen. „Es ist phantastisch, bei jedem Besuch neue Investitionen und Veränderungen zu erleben. Das motiviert.“

Unweit von Afrikoa, im quirligen Kapstädter Stadtteil Woodstock, ist der Hauptsitz von Honest Chocolate. Den Weg dorthin finden nur Eingeweihte. An dem schmalen Haus ist kein Firmenname zu entdecken, nur ein Pfeil, der auf eine Klingel weist. Eine riesige „7“ bedeckt fast die ganze Fassade, das ist die Hausnummer.

Mit Erfindungsreichtum: Michael de Klerk (links) und Anthony Gird haben Honest Chocolate in Kapstadt gegründet. In ihrem Café werden neben Schokoladentafeln auch Brownies und Milchshakes verkauft.
Mit Erfindungsreichtum: Michael de Klerk (links) und Anthony Gird haben Honest Chocolate in Kapstadt gegründet. In ihrem Café werden neben Schokoladentafeln auch Brownies und Milchshakes verkauft.
Anthony Gird und der Mitgründer Michael de Klerk sind echte Start-up-Unternehmer. Mit Raw Chocolate – roher Schokolade, die aus ungerösteten Kakaobohnen mit minimalen Zutaten hergestellt wird – fing vor zwölf Jahren alles an. Gird experimentierte mit roher Schokolade in Kapstadt, de Klerk in London. Erst sollte es eine gesunde Leckerei für ein paar Freunde sein. Als die Schokoladenstückchen bei Testessen immer wieder binnen Sekunden verschwunden waren, wagten sie sich an Größeres. Sie schufen eine Marke, verkauften ihre Erzeugnisse auf Märkten und in Delikatessengeschäften. Irgendwann gaben sie die rohe Schokolade auf, rösteten Kakaobohnen im eigenen Ofen, mahlten mit Haushaltsgeräten. Schrittweise wurde aus dem Hobby ein weithin bekanntes Unternehmen, dessen Tafeln heute auch in Supermärkten verkauft werden. Außerdem betreiben die beiden ein Schokoladencafé in der Innenstadt, in dem auch mal kleine Totenköpfe und die Büsten prominenter Politiker aus Schokolade in der Vitrine stehen.
Zimkhita Sidlova aus Kapstadt ist die Barista im Honest Cafe.
Zimkhita Sidlova aus Kapstadt ist die Barista im Honest Cafe.

Ausprobieren und improvisieren ist weiterhin die Devise. Den Beweis liefert gleich am Eingang ein Gerät, das Peter Lustig in seinem „Löwenzahn“-Bauwagen hätte erfinden können: Eine Küchenmaschine, ein Ventilator (für die Wärmezufuhr), ein Staubsauger (für das Aussortieren der Schalen), Schläuche, ein Trichter, zwei Eimer, viel Klebeband – fertig ist die selbst gebaute Kakaobohnenbrechmaschine. Für die übrigen Produktionsschritte haben sich die Unternehmer ebenfalls viel einfallen lassen, auch aus Mangel an Kapital. Aus Indien importierte Maschinen, die Kichererbsen zermahlen, kommen für die Kaffeebohnen zum Einsatz. Kleine Portionen Schokolade werden auf einer Granitplatte von Hand temperiert. So bekommt das fertige Produkt eine glänzende Oberfläche und einen knackigen Bruch.

Schön cremig: Amanda Tumi stellt für Honest Chocolate Schokoladentafeln her.
Schön cremig: Amanda Tumi stellt für Honest Chocolate Schokoladentafeln her.

Leicht ist das Geschäft bei allem Einfallsreichtum trotzdem nicht. Der heimische Markt ist klein, der Kampf um den Platz im Supermarktregal erbarmungslos. Zudem betrachten viele besser situierte Konsumenten Schweizer oder belgische Schokolade als Statussymbole, während Mondelez (Cadbury), Nestlé und der südafrikanische Lebensmittelriese Tiger Brands den Massenmarkt versorgen. Seit vergangenem Jahr haben die Corona-Pandemie und mehrere Lockdown-Phasen auch noch die Wirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt. Das dämpft die Zahlungsbereitschaft für 60-Gramm-Tafeln, auch wenn die Schokolade vegan ist und die Bohnen von einer namhaften Fermentierungsanlage in Tansania stammen, die mit Kleinbauern zusammenarbeitet.

Schokoladentafel mit Botschaft: „Don’t be afraid of the dark...“
Schokoladentafel mit Botschaft: „Don’t be afraid of the dark...“

Anthony Gird und Michael de Klerk vermarkten jetzt zusätzlich ihr Wissen über den seit Jahrhunderten begehrten Rohstoff, bieten Webinars, Teambuilding-Veranstaltungen und Online-Backkurse an. Hinter ihrem Schokoladencafé betreiben sie außerdem seit Jahren eine Gin-Bar. Demnächst wollen sie eine Champagner-Bar eröffnen. Diversifizierung ist das Schlagwort. Antonino Allegra wiederum wittert außerhalb des Landes Chancen. Vor wenigen Tagen sind die ersten 5000 Afrikoa-Tafeln in New York gelandet. Auch Amerikaner sollen sich für die exotische Schokolade aus Afrika begeistern – obwohl die ja eigentlich gar nicht exotisch sein sollte.


START-UP AUS HAMBURG: Kaffeekonsum zu moralisch vertretbaren Bedingungen
FAIR-TRADE AUS FRANKFURT: Schokolade mit gutem Gewissen

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 30.04.2021 09:06 Uhr