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Authentische Freude an der Verbindung von Gaumen und Geist: Köchin Nigella Lawson Bild: ddp

Köchin Nigella Lawson : Essen ohne Reue

Seit mehr als zwanzig Jahren wird die Köchin Nigella Lawson in Großbritannien gefeiert. Dabei gehen nicht nur die Rezepte der gelernten Literaturwissenschaftlerin gegen den Zeitgeist.

          7 Min.

          Am Morgen vor dem Treffen grüßt Nigella Lawson aus dem Daily Telegraph. Oben, gleich unter den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan, vermeldet die Zeitung, dass die britische „Promi-Köchin“ eines ihrer klassischen Rezepte umgetauft hat. Die „Slut Red Rasp­berries in Chardonnay Jelly“ heißen jetzt „Ruby Red Raspberries in Chardonnay Jelly“. „Slut“ (Schlampe) habe in den vergangenen zwanzig Jahren eine „gröbere, gemeinere Konnotation“ erhalten, zitiert das Blatt die Köchin und stellt ein adrettes Foto dazu. Man staunt: Wenn es die Namensänderung eines alten Dessert-Rezepts in die sogenannte Top-News-Spalte einer digitalen Tageszeitung schafft – dann, ja dann hat man es offenbar mit einer wahren Celebrity zu tun.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          „Ach was“, winkt Nigella Lawson ab, ordnet das Besteck vor ihrem Teller und setzt ein spitzbübisches Lächeln auf. „Das spiegelt doch eher wider, was aus unserem Journalismus geworden ist.“ Nigella Lawson ist der perfekte Star: erfolgreich, schön, gebildet und auf eine englische Art bescheiden. „Nigella“ ist im Königreich so bekannt, dass sie in manchen Artikeln schon mit Lady Di ver­glichen wurde – der einzigen anderen Frau, die zur Erkennung keinen Nachnamen brauchte. Darauf angesprochen, findet sie abermals einen eleganten Ausweg: „Ich brauchte schon im Kindergarten keinen Nachnamen – das liegt einfach an meinem lächerlichen Vornamen.“

          „Ich bin kein Mensch für kleine Portionen“

          Vor uns steht schon eine Pizzetta, vorgeschnitten in sechs Stücke. Sie sei im­mer etwas ungeduldig, wenn es ums Es­sen gehe, sagt Nigella entschuldigend. Die nächsten Gänge soll ihr Gesprächspartner aussuchen, aber der lässt sich lieber an der erfahrenen Hand führen. Nigella kennt das „River Café“, seit es 1987 geöffnet wurde; sie schrieb die erste Kritik, damals im Spectator. Rasch sind die Speisen gewählt, jede, schlägt sie vor, soll geteilt werden.

          Das gute alte Lunch ist im geschäftigen, gesundheitsverrückten London ei­gentlich ein wenig aus der Mode gekommen, und wer trotzdem noch luncht, lässt es meist bei einem Salat bewenden. Nicht Nigella. Mit dem Feigensalat kom­men ein Hummer, dann Langusten-Penne und ein großer Teller Vitello tonnato. „Ich bin kein Mensch für kleine Portionen, obwohl ich heute weniger esse als früher“, sagt sie. „Eine Freundin meinte neulich allerdings, ich würde im­mer noch mehr essen als ein normaler Mensch.“

          Nigella steht für den hemmungslosen Genuss, seit mehr als zwanzig Jahren, als ihr Bestseller „How to Eat“ erschien. Wer geglaubt hat, ihr Bekenntnis zum reuelosen Essen sei vor allem Attitüde, sieht sich an diesem Mittag eines Besseren belehrt. Herzhaft greift sie zu, lässt sich vom Kellner noch ein paar Zitronen bringen, träufelt, kaut, schließt genießerisch die Augen, redet, kaut weiter, gestikuliert und nimmt noch etwas nach. Hier hat jemand eine wahrhaft sinnliche Be­ziehung zum Essen, eine authentische Freude an der Verbindung von Gaumen und Geist, und erst nach einer Weile wird einem klar, wie selten das heute noch zu beobachten ist; jedenfalls in London.

          Natürlich funktioniert das Prinzip Nigella nur im Maß. Sie selber macht es nicht anders. Unser Mittagessen, verrät sie im Laufe des Gesprächs, ist in Wahrheit ihr Frühstück. Das Schöpfen aus dem Vollen ist bei Nigella immer flankiert von Verzicht. Anders lässt sich eine solche Karriere nicht machen, mit einer so dichten Abfolge von Büchern, Fernsehshows und Saalauftritten – anders wä­re sie auch nicht so attraktiv mit 61 Jahren. Im Lockdown, als sie ihr neues, nun auch in deutscher Übersetzung erhält­liches Buch „Kochen, Essen. Leben“ geschrieben hat, schaffte sie sich eine „strenge Struktur“: morgens Work-outs, dann Arbeit, am Abend einen Campari Soda.

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