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Erst wenige Stunden alt: Die Kälber werden oft kurz nach der Geburt abgegeben. Bild: dpa

Bruderkalb-Initiative : Elternzeit für unsere Kühe

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Damit die Tiere Milch geben, müssen Kälber geboren werden. Nur wohin mit ihnen? Eine Initiative sorgt dafür, dass sie nicht sofort geschlachtet werden.

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          Da hinten ist unser Jüngstes, das ist gerade fünf Tage alt.“ Langsam geht Anja Frey auf das kleine Kalb zu, das mit seiner Mutter etwas abseits der Herde auf einer Anhöhe liegt. „Die genießen hier den Ausblick.“ Dass Kuh Nalla und ihr Junges so entspannt in der Sonne liegen können, ist keine Selbstverständlichkeit: Normalerweise werden Kälber direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Nicht nur in der konventionellen Landwirtschaft; auch Bioverbände machten bei der Aufzucht kaum Vorgaben, sagt Landwirtin Frey.

          Seit über 20 Jahren bewirtschaftet sie mit ihrem Mann Pius den Völkleswaldhof im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald nordöstlich von Stuttgart. Ein biologisch dynamischer Milchviehbetrieb mit 50 Tieren auf 82 Hektar. 20 Kilometer Zaun brauchen die Freys, um ihre Weiden einzugrenzen, auf denen die Kühe reihum grasen. Je nachdem, wo sie stehen, schmeckt die Milch nach Kräutern oder nach Gras.

          Am Hang gegenüber liegen drei Kühe einsam auf einer weitläufigen Wiese: „Die bekommen bald ihre Jungen“, erklärt Frey. „Da haben sie Ruhe und können sich auf die Geburt vorbereiten.“ Danach kommen Mutter und Kalb wieder zu den anderen auf die Weide. „Kuhgebundene Kälberaufzucht“ nennt sich das. Die Kälber werden von mehreren weiblichen Tieren, sogenannten Ammen, oder – wie im Falle des Frey-Hofes – von ihren leiblichen Müttern aufgezogen.

          Die Kühe müssen jedes Jahr ein Kalb bekommen

          Auch im Biolandbau dürfen Kuh und Kalb direkt nach der Geburt getrennt werden. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes wird nur ein Sechstel der rund 3,9 Millionen deutschen Milchkühe als Ammen- oder Mutter­kühe gehalten. Milch- und Fleischproduktion laufen heutzutage getrennt – Ergebnis der zunehmenden Spezialisierung, die in der Nachkriegszeit, als Lebensmittel knapp und teuer waren, vorangetrieben wurde.

          Auch Anja Frey hat früher viele ihrer Kälber direkt nach der Geburt an  Viehhändler abgegeben. „Das stand halt so in den Lehrbüchern“, sagt sie.  Heute dürfen sie auf ihrem Hof zwölf Wochen bei ihrer Mutter bleiben.
          Auch Anja Frey hat früher viele ihrer Kälber direkt nach der Geburt an  Viehhändler abgegeben. „Das stand halt so in den Lehrbüchern“, sagt sie.  Heute dürfen sie auf ihrem Hof zwölf Wochen bei ihrer Mutter bleiben. : Bild: Völkleswaldhof

          Also gibt es Milchviehbetriebe, in denen Kühe jedes Jahr ein Kalb bekommen – denn ohne Kalb keine Milch. Der Mensch aber will die Milch der Kühe selbst nutzen. Daher werden die Kälber von ihren Müttern getrennt. Der Milchbauer selbst hat meist keine Verwendung für sie: Die männlichen geben sowieso keine Milch. Und die weiblichen? Nur manchmal bleibt eines auf dem Hof – dann, wenn eine Milchkuh alters- oder krankheitsbedingt ausscheidet. Der Großteil der Kälber geht an spezialisierte Mast- und Schlachtbetriebe. Sie landen irgendwann als Fleisch im Kühlregal.

          „Das stand halt so in den Lehrbüchern“, sagt Anja Frey. „Das hat man einfach so gemacht.“ Auch sie hat früher viele ihrer Kälber direkt nach der Geburt an Viehhändler abgegeben. Mangels Alternativen landen auch Tiere von biologischen Höfen oft in konventionellen Mastbetrieben. Dort werden sie in kurzer Zeit auf engem Raum aufgezogen.

          Seit fünf Jahren behalten die Freys ihre Kälber

          In Deutschland gibt es solche Kälbermastbetriebe vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Nach Angaben der Kontrollgemeinschaft Deutsches Kalbfleisch, deren 130 Betriebe für 85 Prozent der deutschen Kälberschlachtungen verantwortlich sind und die sich „hohen Tierwohl- und Erzeugungsstandards“ verschrieben hat, werden dort jedes Jahr rund 280.000 Tiere gemästet. Knapp die Hälfte aller Rinder, die in deutschen Ställen steht, gehört zur Rasse Holstein Schwarzbunt. Sie geben viel Milch, doch Fleisch setzen sie kaum an. „Die will kein Schlachter“, sagt Frey. Auch sie hat auf ihrem Hof klassische Milchrassen wie Schwarz- und Rotbunt. Künftig will sie aber nur noch Braun- und Fleckvieh züchten, diese Rassen eignen sich sowohl für die Milch- als auch für die Fleischproduktion.

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