https://www.faz.net/-hs0-a7ie8

Die Karriere einer Knolle : Triumph der Tartoffel

Vielfältig: Von der Kartoffel gibt es zahllose Sorten. Ein Landwirt in Niedersachsen bietet eine kleine Auswahl an. Bild: dpa

Kaum eine andere Frucht ist so gesund und vielfältig wie die Kartoffel, die auch noch die ganze Menschheit satt machen könnte. Nur in der Spitzenküche bleibt sie ein Aschenputtel. Die Kolumne Geschmackssache.

          4 Min.

          Wir geben es zu, reumütig und beschämt: So wohlgeformt verführerisch sie auch sein mögen, sind wir doch nie zu Linda und Violetta, Sieglinde und Annabelle in stürmischer Liebe entbrannt. Unsere Leidenschaft gilt Reis und Nudeln, nicht der Kartoffel, und wir wissen, welches Unrecht wir ihr damit antun. Denn sie ist ein Wunderwerk der Natur, ihr Jahrtausendgeschenk ans Menschengeschlecht: Sie trotzt Kälte und Trockenheit, wächst in der Steppe und im Hochgebirge, hat fünfmal weniger Kalorien als Getreide oder Mais, dafür viermal so viele Vitamine wie Äpfel oder Birnen, besitzt das wertvollste Eiweiß aller Gemüsesorten, strotzt nur so vor Eisen, Kalzium, Kalium, Magnesium, Phosphat und soll die einzige Frucht sein, von der man sich ausschließlich ernähren könnte, ohne unter Mangelerscheinungen zu leiden.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Enorm vielfältig ist die Kartoffel, sie kommt in viertausend Sorten vor, kann als Gratin dauphinois oder Vichyssoise serviert werden und ist doch immer ein Stiefkind der Spitzenküche geblieben. Wir sind also nicht die Einzigen, die sich an ihr versündigen.

          Wenn die spanischen Konquistadoren geahnt hätten, auf welchen Schatz sie im Hochland der Anden gestoßen waren, wären sie Kartoffelbauern statt Goldgräber geworden. 376 Millionen Tonnen Kartoffeln werden heute pro Jahr geerntet und bringen mehr Profit als alles Gold der Welt – eine erstaunliche Karriere für eine Knolle, die vor achttausend Jahren an den Ufern des Titicacasees domestiziert wurde und den Inkas eine eigene Gottheit namens Axomama wert war.

          Stammt wie der Trüffel aus dem Bauch der Erde: Früher hieß sie noch „Tartoffel“.
          Stammt wie der Trüffel aus dem Bauch der Erde: Früher hieß sie noch „Tartoffel“. : Bild: Helmut Fricke

          Keine vierzig Jahre nach der Eroberung Cuzcos tauchte die Kartoffel auf dem Speiseplan eines Krankenhauses in Sevilla auf, doch es sollte noch zweiundert Jahre dauern, bis sie triumphal die ganze Welt eroberte. Im achtzehnten Jahrhundert wurde sie als „Pöbelfrucht“ geschmäht und stand im bizarren Verdacht, Lepra zu verursachen, weil ihre Schale der Haut von Aussätzigen ähnelt. Die Kirche misstraute der Kartoffel, denn sie wird in der Bibel nicht erwähnt, redete ihren Schäfchen ein, dass sie dort wüchse, wo der Teufel auf die Erde gespuckt habe, und verdächtigte sie der Wollustförderung. Selbst Nietzsche glaubte noch an allerlei Kartoffelunfug und meinte, dass ihre Esser zwangsläufig zu Säufern würden.

          Friedrich der Große erließ 15 „Kartoffelbefehle“

          Doch schließlich siegte die Vernunft über den Aberglauben, und die Kartoffel – die lange noch „Tartoffel“ hieß, weil sie wie Trüffel aus dem Bauch der Erde kommt – konnte zum Fundament von Europas Aufstieg zur führenden Weltregion werden. Ihr attestieren zwei Ökonomen der Havard-Universität in einer grundlegenden Studie großen Anteil daran, dass in Europa die Bevölkerungszahl zwischen 1700 und 1900 um mehr als das Dreifache auf vierhundert Millionen Menschen wachsen konnte. Ihr gebührt das Verdienst, dass die Durchschnittsgröße französischer Soldaten in dieser Zeit um 1,3 Zentimeter zunahm. Und vor ihr verbeugte sich auch Adam Smith, der Begründer der Nationalökonomie, der in seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“ 1776 darüber staunte, dass Irland zwar eine bitterarme Insel war und sich ihre Bewohner fast ausschließlich von Kartoffeln und Milch ernährten, die Iren aber trotzdem „zu den kräftigsten Männern und schönsten Frauen des Königreichs“ zählten.

          Weitere Themen

          Zweite Haut im Netz

          Mailänder Modewoche : Zweite Haut im Netz

          Was bedeutet Mode in der Pandemie? Die Mailänder Designer zeigen es digital. Schlecht steht es vor allem um Anzug und Krawatte.

          Topmeldungen

          Wahlkampf im zweiten Corona-Jahr: Winfried Kretschmann (hier beim Bundesparteitag der Grünen) will seine Position als Ministerpräsident von Baden-Württemberg verteidigen.

          TV-Duell in Baden-Württemberg : 60 Minuten quälender Stellungskrieg

          Beim TV-Duell zwischen Baden-Württembergs amtierenden Ministerpräsidenten und seiner Herausforderin Susanne Eisenmann kann auch der Moderator keine Kontroversen herauskitzeln. Das Publikum wartet – kurz vor der Wahl – vergeblich auf Impulse.
          Die mobilen Impfteams bleiben zusätzlich zu den Impfzentren im Einsatz.

          Coronaviurs : Warum Impfstoffe horten viele Menschenleben kostet

          Die Debatte um den Impfstoff des Herstellers Astra-Zeneca sorgt für eine langsamere Verimpfung. Eine Studie verdeutlicht nun, wie wichtig es ist, auch weniger wirksame Impfstoffe schnellstmöglich zu verimpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.