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Selbstbetrug am Esstisch : Das Füllhorn der Pandora

Viele Menschen lieben Sushi. Doch kennen sie deswegen schon die japanische Küche? Bild: dpa

Unser Tisch ist so reich gedeckt wie nie zuvor, die Auswahl an Lebensmitteln scheinbar unerschöpflich groß. Doch ist diese Vielfalt ein Trugschluss? Eine kleine Geschichte der kulinarischen Paradoxie. Die Kolumne Geschmackssache.

          4 Min.

          Machen wir eine Zeitreise und gehen in einem deutschen Supermarkt der achtziger Jahre einkaufen. Er wird uns vorkommen wie ein Trauerspiel der Mangelwirtschaft. Bei Obst und Gemüse müssen wir uns fast ausschließlich mit mitteleuropäischen Feld- und Baumfrüchten begnügen und auf Exoten wie Kiwis oder Litschis vollständig verzichten. Die Mango steckt in der Blechdose, von Brokkoli hat noch nie jemand etwas gehört, Schalotten gibt es nur vor hohen Feiertagen.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wir werden weder Bambussprossen noch Sojasauce finden, selten Farfalle oder Linguine, keinen Serrano-Schinken und schon gar keine vegetarischen Würstchen. Dafür ist die Auswahl an Äpfeln, Kartoffeln oder Kohlköpfen größer als in der Zukunft, während wir an der Fleischtheke aus einem enzyklopädischen Angebot an deutschen Wurstwaren wählen können. Und wir werden feststellen, dass wir heute an Herd und Tisch in einer Welt voller Paradoxien leben.

          Wir erfahren gerade die Gleichzeitigkeit von Einfalt und Vielfalt: Noch nie in unserer kulinarischen Geschichte stand uns eine größere Auswahl an Lebensmitteln zur Verfügung, und noch nie mussten wir einen größeren Verlust an so vielen jahrhundertealten Nahrungsmitteln verkraften. Wir erleben in unserem Alltag eine spektakuläre Diversifizierung unseres Essens und stellen auf unseren Reisen eine galoppierende Homogenisierung des Essverhaltens in aller Welt fest. Die Globalisierung hat auch unseren Geschmack globalisiert, und gleichzeitig wird mit jedem fremden Bissen das Wissen um unsere eigenen kulinarischen Traditionen dürftiger. Kurzum: Unser Tisch ist überreich gedeckt, der Reichtum aber oft nur eine Schimäre.

          Die Illusion von Vielfalt: Unsere Wurst grinst uns heute an, doch zum Lachen gibt es keinen Grund, weil immer mehr traditionelle Würste verschwinden.
          Die Illusion von Vielfalt: Unsere Wurst grinst uns heute an, doch zum Lachen gibt es keinen Grund, weil immer mehr traditionelle Würste verschwinden. : Bild: dpa

          Was ist ein Pichelsteiner Eintopf?

          Im Jahr 1980 führte ein deutscher Supermarkt drei- bis viertausend Produkte, heute sind es bis zu fünfzigtausend. Doch diese Inflation ist allein industriell hergestellten Lebensmitteln zu verdanken, die sich oft nur im Etikett unterscheiden. Damals beherrschten Italiener, Griechen und der Balkan die fremdländische Restaurantszene, heute müssen wir uns schon in der Mittagspause zwischen Sushi und Kimchi, Poke Bowl und Pho Bo entscheiden – und halten uns für kulinarische Kosmopoliten, nur weil wir mit Stäbchen essen können und unseren Frieden mit Koriander gemacht haben, von dem es in Deutschland lange hieß, er stinke wie eine tote Wanze.

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          Zugleich aber begnügen wir uns mit einem winzigen Ausschnitt der exotischen Küchen, reduzieren Japans grandioses kulinarisches Erbe auf Reisröllchen, wollen von Vietnam nicht viel mehr als Nudelsuppe kosten und setzen die Feinschmeckergroßmacht Peru, die Erfinderin der andinisch-chinesisch-japanischen Fusionsküchen Chifa und Nikkei, mit Ceviche gleich – eine Simplifizierung, die seit den fünfziger Jahren auch bei Italiens Pizza-Pasta-Küche bestens funktioniert. Was ein Pichelsteiner Eintopf ist, haben die meisten von uns übrigens längst vergessen.

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