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Qualität vom Mittelrhein : Trinke Wein, und du wirst wie ein Edler

Malerisch: Das Weingut Toni Jost Bild: Frank Röth

Das Weingut Toni Jost ist eine Qualitätsbastion am Mittelrhein. Dafür sorgt inzwischen in siebter Generation Cecilia Jost. Doch leicht ist ihr Winzerleben nicht.

          Böse war König Gilgamesch und so grausam zu seinen Untertanen, dass die Götter das wilde Wesen Enkidu erschufen, um ihn zu zähmen. Doch dazu musste Enkidu selbst erst zivilisiert werden. Dass ihn die Priesterin Schamkat in der Kunst der Liebe unterwies, reichte dafür nicht aus. Erst nachdem er Wein zu trinken gelernt hatte, wurde aus dem Wilden ein Mensch: „Da aß Enkidu Brot, bis er satt war, da trank er Wein, sieben Becher, sein Geist löste sich, er wurde fröhlich, sein Herz jubelte, und sein Antlitz strahlte. Er salbte sich mit Öl und ward wie ein Edler.“

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          So steht es im Gilgamesch-Epos, der ältesten Dichtung der Menschheit, und wäre Cecilia Jost bei ihrer ursprünglichen Lebensplanung geblieben, dann wüsste sie jetzt alles über den König von Uruk, die Zivilisation des Zweistromlandes und die babylonischen Mechanismen der Menschwerdung. Doch sie entschied sich gerade noch rechtzeitig gegen ein Studium der Vorderasiatischen Archäologie und für die mittelrheinische Familientradition, was letztlich zum selben, alles entscheidenden Ziel geführt hat. Denn über die segensreiche Wirkung des Weines weiß sie jetzt genauso gut Bescheid wie das Göttergeschöpf Enkidu.

          Seit 1832 gibt es in Bacharach am Mittelrhein das Weingut der Familie Jost, die lange auch Bauern, Bäcker und Müller waren. Seit 2011 führt es Cecilia Jost, die in Geisenheim Weinbau und Önologie studiert hat – wie schon ihr Vater Peter, der als einer der wenigen Winzer seiner Generation Weinakademiker werden durfte und von dem die Tochter das Gut mit Mitte zwanzig übernahm. Im Grunde gab es an diesem Schritt trotz temporärer vorderasiatisch-archäologischer Eskapaden nie einen Zweifel, denn von Kindesbeinen an verdiente sich Cecilia im Gut den Spitznamen „Helferich“, und schon als Dreijährige hockte sie beim Etikettieren auf dem Tisch, um im Akkord Kapseln auf die Weinflaschen zu stecken.

          In siebter Generation tätig

          Jetzt zeichnet sie in siebter Generation allein für die Weine aus dem Hause Jost verantwortlich, wobei der Rat des Vaters oft, aber auch nicht immer willkommen ist. Das wird unmissverständlich durch nonverbale Kommunikation geregelt: Hört die Tochter im Keller dröhnend laut Heavy Metal, wünscht sie, allein mit dem Wein zu sein; dringen hingegen die sanften Stimmen von Johnny Cash oder Reinhard Mey aus dem Gewölbe, hat der Vater jederzeit Zutritt.

          Das Weingut Toni Jost ist eine Qualitätsbastion am Mittelrhein.

          Bei der Musik werden Cecilia und Peter Jost wohl nie zusammenfinden, beim Wein ist es einfacher: Beide Josts sind Qualitätsfanatiker und halten damit eine Familientradition aufrecht, die am Mittelrhein nicht unbedingt selbstverständlich ist. Seit dem siebten Jahrhundert wird an den steilen Ufern des deutschen Urstroms zwischen Bingen und Koblenz Wein kultiviert, wobei er seine größte Blüte nach der Kaiserreichsgründung von 1871 erlebte. Doch in der Wirtschaftswunderzeit wurde vielen Winzern das Gekraxel im Steilhang zu mühsam.

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