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Kolumne Geschmackssache : Mir han des scho äwwl so gmachd

Spaziergänger in herbstlichem Weingut (Archivbild). Bild: ZB

Württemberg gilt nicht gerade als das Gelobte Land der Winzerindividualisten. Doch auch dort kann man mit kreativer Querköpfigkeit sehr weit kommen. Und der beste Beweis dafür heißt Rainer Schnaitmann.

          Eine württembergische Winzergenossenschaft ist nicht einfach nur ein Zusammenschluss württembergischer Winzergenossen. Sie ist viel mehr als das: Glaubenskongregation, Weinbruderloge, Schicksalsgemeinschaft, ein Bund für die Ewigkeit und die Grundfeste des württembergischen Weinbaus, weil siebzig Prozent aller Gewächse an Neckar und Rems von Genossenschaften gekeltert werden, weit mehr als in jedem anderen deutschen Anbaugebiet außer Baden. Die Winzergenossenschaft ist also eine Art württembergisches Nationalheiligtum, das zu verlassen wenn schon nicht einer gotteslästerlichen Selbstexkommunikation, so doch zumindest einer verschärften Form des Vaterlandsverrats gleichkommt, die in der genossenschaftlichen Gedankenwelt in keine andere Richtung als ins Verderben führen kann.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Rainer Schnaitmann hat den verräterischen Treue- und Traditionsbruch gewagt und ihn ganz gut überstanden. Er wird bald fünfzig, steht in der Blüte seines Winzerlebens und kennt keinen Grund zur Schicksalsklage, weil er vom Verderben so weit entfernt ist wie das Viertele halbtrockenen Genossenschaftssäftles vom Großen Gewächs Lämmler Lemberger aus dem Hause Schnaitmann – einem hochintensiven Wein, der nach Pfeffer und Veilchen duftet, kraftvoll und leicht, intensiv und elegant zugleich, ein Hürdenläufer im Glas, kein Hammerwerfer. Solche Weine wollte Schnaitmann machen, als er 1995 die Winzergenossenschaft in seiner Heimatstadt Fellbach vor den Toren Stuttgarts verließ, um ein für alle Mal dem süßen Trollinger zu entkommen, „meinem Feindbild“, wie er bis heute sagt.

          Zu dieser Zeit hatte er schon einiges hinter sich: einen Disput mit der Familie, die seit fünfhundert Jahren Weinbauern sind und trotzdem die Zukunft des jungen Rainer in der Architektur sahen; ein Weinbaustudium in Geisenheim, weil der junge Rainer gar nicht daran dachte, ein halbes Jahrtausend Familientradition über Bord zu werfen; dazu inspirierende Aufenthalte in Südtirol und Neuseeland, die Schnaitmann lehrten, wie weit man kommen kann, wenn man sich von den Fesseln der Konvention befreit.

          Rainer Schnaitmann

          Anfang der neunziger Jahre stieg er in das elterliche Gut ein und brach mit fast allen Regeln, die im Alten Testament des württembergischen Weinbaus stehen: Er reduzierte radikal den Ertrag, huldigte nicht mehr nur der Heiligen Zweifaltigkeit aus Trollinger und Lemberger, führte die spontane Maischegärung ein, ließ den Wein im Barrique reifen, trieb ihm die liebliche Beliebigkeit aus und verdiente sich so redlich den Ehrentitel „Revoluzzer von der Rems“. 1997 füllte er seinen ersten Jahrgang ab, und seither geht es mit dem Hause Schnaitmann stetig bergauf. Die Rebfläche ist von drei auf 24 Hektar gewachsen, auf denen längst auch Sauvignon blanc und Silvaner, Merlot und Cabernet oder Burgundersorten von früh bis spät und weiß bis grau stehen, allesamt Garanten für exzellente Weine, die Preise im Dutzend gewinnen. 2006 schließlich konnte der Verband der Deutschen Prädikatsweingüter (VdP) nicht mehr länger die Augen vor Schnaitmanns Qualitätssprüngen verschließen und nahm ihn in die Tafelrunde der deutschen Winzeraristokratie auf.

          Seine Weine keltert er noch immer im Haus der Familie mitten in Fellbach, einem unaufgeregten Städtchen für die besseren Stände des Stuttgarter Speckgürtels, das sich in bester schwäbisch-pietistischer Manier bemüht unauffällig gibt, aber drei VdP-Weingüter, drei Sternerestaurants und etliche Bauplätzle für Häuslebauer zu 2500 Euro pro Quadratmeter beherbergt. Gleich hinter den letzten Häuserzeilen steigen die Weinberge steil bergan und verwandeln das schwäbische Hügelland in eine pittoreske Rebenlandschaft mit Blick auf Stuttgart, Schwarzwald und Schwäbische Alb. Schnaitmanns Parzellen, die ausnahmslos ökologisch bewirtschaftet werden, erkennt man sofort daran, dass ein kleiner Urwald zwischen den Rebzeilen wächst, während der kehrwochenerprobte Genossenschaftswinzer den Boden mit allerlei chemischen Hilfsmitteln blitzblank hält. Und Schnaitmanns Weine erkennt man genauso leicht, denn sie haben kaum etwas mit dem württembergischen Standardaromenrepertoire gemein.

          Frucht interessiert diesen Winzer nicht, Süße schon gar nicht, und vor fetten, plumpen, speckigen Gefälligkeitsweinen graust es ihn. Eine Andeutung von Kirsche, mehr gesteht er seinem 2016er Trollinger von alten Reben nicht zu, der eine offene Maischegärung hinter sich und keine zwei Gramm Restzucker hat, was ihn im Vergleich zum üblichen Wegschlotz-Trollinger zu einem feenleichten, wie im Glas schwebenden Tropfen werden lässt.

          Auch seine Spätburgunder sind keine alkoholisierten Fruchtsäfte, sondern gertenschlanke Gewächse mit einem straffen Säurekorsett und einer Komplexität, die nie kapriziös, nie anstrengend wirkt, weil die Weine in die Tiefe, nicht in die Breite gehen. Am eindrucksvollsten macht das der Spätburgunder vom Lämmler, ein Großes Gewächs, das allein von der Kraft seiner Würze und Mineralität lebt und gar nicht daran denkt, sich mit einem süßen Beerenlächeln bei uns einzuschmeicheln.

          Kreativer Querkopf mit individualistischem Wein

          Die Weißweine eifern ihren roten Brüdern nach, sei es die Cuvée aus Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay, die nach morgentaufrischen Wildkräutern schmeckt, der sensationelle Sauvignon blanc von der Steinwiege, der nach den grünen Gräsern Fellbachs statt neuseeländischer Stachelbeere duftet, oder der Riesling vom Schnaiter Altenberg, der seine Knochentrockenheit so konsequent ausreizt, dass er sich fast den Vorwurf der Sprödheit gefallen lassen muss. Das Große Rieslinggewächs vom Lämmler wiederum ist ein schweres Geschütz, das uns ganze Balladen über sein Terroir erzählt, während uns der Riesling von der Großen Lage Götzenberg in einen Mineralienjungbrunnen schickt, aus dem wir wundersam gestärkt hervorgehen. „Meine Weine sollen wach machen, nicht müde“, sagt der Revoluzzer von der Rems, worauf wir mit seinem Sekt anstoßen, einem Blanc-de-noir-Muntermacher, natürlich Brut nature, der so viel Feuerstein in sich trägt, als sei er direkt aus dem Inneren der Weinberge in die Flasche geflossen – der letzte, schönste Beweis dafür, dass Genießen selbst in Württemberg auch ohne Genossen möglich ist.

          Weingut Rainer Schnaitmann

          Untertürkheimer Straße 4, 70734 Fellbach, Telefon: 07 11/57 46 16, www.weingut-schnaitmann.de.

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