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Kochen : Models an den Herd!

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Immer nur Salat? Mannequins sollen jetzt kochen und essen dürfen Bild: Julian Weber/ddp images

Die Fashion-Leute hungern nicht mehr. Sie essen jetzt. Im Kochtopf entdecken sie plötzlich das Schöne und Authentische – ein bisschen Show ist auch dabei.

          Auf den ersten Blick scheinen die beiden Kulturbereiche Mode und Kochkunst grundsätzlich unterschiedlich. Zur zarten Sinnlichkeit edler Stoffe mögen die deftigen Gerüche eines Festmahls ein Kontrast sein. Und trotzdem, Parallelen und gegenseitige Abhängigkeiten bestehen seit Jahrhunderten.

          Man denke nur an ein sogenanntes Schauessen im antiken Rom: Hier tischte man auf, was Eindruck schindete: in Rotwein gekochte Mortadella, angerichtet auf einem Zucker-Frucht-Berg und Seepferdchen. Wohl eher was fürs Auge als für den Gaumen. Man aß zwei, drei Happen und ließ das aufwändig angerichtete Festmahl gleich wieder zurückgehen. Eine unnötige Opulenz, die an Fashionshows erinnert, bedenkt man, dass der Großteil der mit viel Tamtam vorgestellten Laufsteg-Looks auf dem Weg zur Endkundin wegrationalisiert wird.

          Lunchtime 2013 in der Modehauptstadt Paris. Im Bistro des Conceptstores „Merci“ treffen Modeleute auf Erlesenes wie weichgekochte Eier mit geklärter Butter und ofenfrischem Stangenweißbrot. Ein paar Kilometer weiter westlich, im Keller des Conceptstores „Colette“ - dort, wo Kunden früher an der Wasserbar irgendein seltenes Mineralwasser schlürften - lassen sich Streetstyle-Stars wie Miroslava Duma heute den Thunfisch-Salat schmecken. Am Nebentisch: „Einmal Cheeseburger mit Pommes bitte.“

          Speisen ohne Kalorienangabe

          Die Chefdesignerin eines großen Modehauses lässt ihre Bestellung indes telefonisch durchgeben und dann direkt in die interne Besprechung liefern. Wie wäre es mit dem guten, alten Linsensalat zum pochierten Lachs aus der „Rose Bakery“? Und wenn der Rest der Belegschaft nicht gerade im dreißigminütigen Mittagspausen-Kochkurs selbst am Herd steht, wählen die Grazien an den Regalen der Kette „Cojean“ zwischen Quinoa-Avocado und Hühnchen-Edamame. Auf sämtlichen Speisen fehlt die Kalorienangabe, und das scheint hier niemanden zu stören.

          Intelligenter Genuss löst gerade strenge Diäten ab. Am besten, man entwickelt nebenbei auch noch Expertenwissen. Wer „in“ ist, der weiß, was ein gutes Croissant ausmacht, hat immer ein eigenes Rezept oder die Adresse des „besten Pastrami-Sandwiches der Stadt“ in petto. Woran liegt es, dass Mode und Essen gefühlt näher zusammenrücken?

          Lecker Mittagessen: Heute gibt’s Gerichte ohne Kalorienangabe

          In der Welt der Oberflächlichkeiten, der Models und der Hochglanzpresse unterliegen die Gesetze der Nahrungsaufnahme dem jeweils epochalen Schönheitsideal. Widmete die französische „Vogue“ in den achtziger Jahren immerhin zwei bis drei Heftseiten alltagstauglicher Hausmannskost, so war die Darstellung von Nahrung in den nuller Jahren eher als theoretisch-künstlerisch zu beschreiben. Es war eben die Zeit, als man den Schönheiten nachsagte, sich neben Champagner und Kokain ausschließlich von in Orangensaft getunkten Wattebällchen zu ernähren. Plötzlich aber ist gesundes und genussvolles Essen schrecklich angesagt, und davon nimmt auch die Mode Notiz.

          Auf den Laufstegen gilt derweil in immer mehr Ländern ein Body-Mass-Index von unter 18 als Tabu - ein von schlanken Muskeln geformter Körper dafür als umso schöner. „I think a healthy girl is a sexy girl“, sagte das brasilianische Topmodel Gisele Bündchen der französischen „Vogue“ im vergangenen Jahr. Ein gesundes Mädchen sei sexy. Die Zeitschrift machte Bündchen zur Vorzeigefrau eines neuen Schönheitsideals. Das Heft war den weiblichen Kurven gewidmet, und Bündchen posierte mittendrin mit Hanteln, auf der Yoga-Matte. Im Interview schwärmte sie vom eigenen Gemüsegarten.

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