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Kaugummi-Patent wird 150 : Retter in der Not

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Die weltgrößte Kaugummiblase gelang dem Amerikaner Chad Fell: Sie hatte einen Durchmesser von 50,8 Zentimetern. Bild: dpa

Vor genau 150 Jahren wurde dem Amerikaner Amos Tylor das Kaugummi-Patent zugesprochen. Heute ist das Kaugummi etwas außer Mode geraten. Schuld daran sollen auch Smartphones haben.

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          Vielleicht ist es etwas übertrieben zu behaupten, Kaugummis hätten die Welt verändert. Aber sie haben sie zumindest entschieden verbessert. Wie ein Retter in der Not begleitet der Kaugummi dich zum ersten Date, zum Feiern, zur Abschlussprüfung und in die Konferenz.

          Und obwohl er für Ärger in der Schule, abgeschnittene Haarsträhnen und verschmutzte Gehwege sorgt, lieben ihn die Deutschen. Im Schnitt kauft jeder Deutsche 100 Streifen Kaugummi pro Jahr. Rund 569 Millionen Euro geben die Deutschen insgesamt dafür aus.

          Die festgetretenen Kaugummis anschließend mit Hochdruckreinigern zu entfernen, kostet hierzulande schätzungsweise 900 Millionen Euro pro Jahr. Kein Wunder also, dass die Einfuhr und der Verkauf von Kaugummi im sauberen Singapur verboten ist.

          Ein Meilenstein der Kaugummi-Geschichte war der 27. Juli 1869. Vor genau 150 Jahren bekam Amos Tyler aus Ohio für eine „verbesserte Kaugummi-Verbindung“ ein Patent zugesprochen. Es gilt als das erste gewerbliche Schutzrecht für die klebrige Masse.

          Auf Harz kauten die Menschen jedoch bereits vor 9000 Jahren. Vermutlich um Zahnhygiene zu betreiben oder den Kautrieb zu befriedigen. Denn wenn der Mensch isst, ist sein Überleben gesichert – kauen allein beruhigt deshalb. Auch heute noch.

          Amerikanische Soldaten machten Kaugummi in Europa bekannt

          Später verarbeite man Kautschuk, Harz und Milchsaft südamerikanischer Bäume zu einer Kaugummi-Masse. Der amerikanische Seifenhersteller William Wrigley fügte dem neuen „Chewing Gum“ Ende des 19. Jahrhunderts schließlich Minze hinzu und legte zu jeder Bestellung einen Streifen Kaugummi als Beilage dazu. Das funktionierte so gut, dass er schließlich nur noch Kaugummi produzierte: Wrigley's Spearmint und Juicy Fruit. Amerikanische Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa stationiert waren, machten das Kaugummi später hierzulande bekannt.

          Noch immer ist Pfefferminz der Lieblingsgeschmack der Deutschen, dabei ist das Angebot mittlerweile riesig: Es gibt Zimt, Wassermelone, Spearmint Electro und „kühle Beeren Celsius“, was auch immer das heißen mag.  

          In den neunziger Jahren stellte man schließlich fest, dass in den süßen Fruchtgummis kein Obst, dafür aber jede Menge Zucker steckt. Kaugummi muss seither auch zuckerfrei gut schmecken. Entwickelt wurden Kaugummis, die Zähne reinigen und den Zahnschmelz verhärten. Die Kaugummis von heute können noch mehr: Spezialkaugummis helfen Menschen dabei mit dem Rauchen aufzuhören, enthalten Koffein, lindern die Übelkeit beim Reisen oder unterstützen beim Abnehmen.

          Kaugummi-Automaten sind heute nur noch Antiquitäten, die an eine Zeit erinnern, in der Kaugummi noch rund, bunt und voller Zucker war.
          Kaugummi-Automaten sind heute nur noch Antiquitäten, die an eine Zeit erinnern, in der Kaugummi noch rund, bunt und voller Zucker war. : Bild: Stefanie Silber

          Doch was ist drin in diesem Wundermittel, das gegen fast alles hilft? Grundsubstanz eines modernen Kaugummis ist Kunststoff, es wird also aus Erdöl hergestellt. Versetzt wird dieser mit anderen Aromen, Süßungsmitteln, Weichmachern und Farbstoffen. Kaugummis schmecken also appetitlicher, als sie klingen. 

          Scheinbar schickt sich das Kauen auch nicht mehr so wie früher. Der kreisende Unterkiefer, der in der Vergangenheit durchaus als sexy galt, wird heute viel eher als Langweile und unfreundliches Desinteresse gedeutet. Stattdessen greifen immer mehr zum größten Konkurrenten des Kaugummis: die Pfefferminz-Pastille.

          Laut Mathias Dosne, Geschäftsführer von Kaugummi-Hersteller Mondelez, sind Smartphones schuld an den Rückgängen. Kunden schauten an der sogenannten „Quengelzone“ vor der Supermarktkasse nur noch auf den Bildschirm ihres Handys – und nicht mehr aufs Regal. So übersehen sie seiner Meinung nach die dort ausliegenden Kaugummis. 

          Auch alte Kaugummi-Automaten an den Häuserwänden, die früher eine Versuchung an jeder Straßenecke darstellten, sind heute nur noch Antiquitäten, die an eine Zeit erinnern, in der Kaugummis noch rund, bunt und voller Zucker waren.

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