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Junge Brenner : Die Schnaps-Idee

  • -Aktualisiert am

Gin aus Bayern Bild: Müller, Andreas

Regional und Bio: Immer mehr junge Menschen brennen ihre eigenen Spirituosen und verkaufen sie mit Erfolg.

          5 Min.

          Immer wenn ihre letzte Vorlesung zu Ende war, fing ihr Arbeitstag erst richtig an. Dann setzten sie sich ins Auto, fuhren in das 130 Kilometer entfernte Hauzenberg und fingen an zu destillieren – ihren eigenen Wodka.

          Johannes Heindl und Richard Söldner aus dem Bayerischen Wald kennen sich seit ihrer Bundeswehrzeit und studierten auch zusammen in Regensburg, Johannes Medizin und Richard Betriebswirtschaft. In ihrer Studenten-WG traf sich regelmäßig der ganze Freundeskreis zum Schafkopf-Spielen. „Wir trinken gerne Wodka, nur schmecken die aus dem Supermarkt entweder wie Spiritus oder sind viel zu teuer für uns. Irgendwann scherzte jemand auf einer Party, ,wir könnten doch auch selbst welchen machen‘“, erzählt Johannes, „einen Wodka aus dem Bayerischen Wald.“

          Und dann haben sie es einfach gemacht. In ihrer Regensburger WG-Küche. Zwei Jahre lang recherchierten sie, welche Zutaten sie brauchen, überlegten sich einen Namen für ihren Wodka und ein Design für die Flaschen. Inzwischen sind sie 28 Jahre alt, haben zu Ende studiert, und ihr Schnaps wird gebrannt, wenn auch in der niederbayerischen Provinz: Eine eigene Brennanlage können sie sich – noch – nicht leisten, deshalb lassen sie den Wodka nach ihrem eigenen Rezept von der Firma Penninger in Hauzenberg brennen und abfüllen. Das Unternehmen ist vor allem für seinen Kräuterlikör „Blutwurz“ bekannt. Das könnte sich bald ändern.

          Anders als die anderen

          Im August ging „Vodrock“ in den Verkauf. „Ein Wodka, der rockt“, erklärt Johannes den Namen. Neben dem Inhalt vermarkten sie vor allem die Herkunft: „Distilled & Bottled in Bayern“ steht auf den Flaschen, deren Etikett mit einem kaleidoskopähnlichen weiß-blauen Rautenmuster versehen ist. Ihre erste Produktion, insgesamt 330 Flaschen, war nach drei Wochen ausverkauft.

          Der Mediendesigner Max Kloker, 33, und der Betriebswirtschaftler Konstantin Graf von Keyserlingk, 26, brennen seit 2012 mitten in Schwabing den ersten Münchner Wodka

          Noch krempeln sie damit den Markt nicht um, aber stehen nicht alleine mit ihrer Idee. Vielmehr gehören sie zu einer neuen Generation von Schnapsbrennern: Sie sind jung, verwenden ausschließlich Bio-Zutaten, setzen auf Handarbeit, Qualität und Regionalität. Ihr Schnaps ist anders als die anderen – wie seine Brenner selbst – und wird in Flaschen abgefüllt, die allein schon zum Statussymbol taugen. Diese Mischung ist im Moment eine Verkaufsgarantie.

          „Identitätsmanagement“, nennt der Trendforscher Sven Gábor Jánszky aus Leipzig dieses Phänomen: „Wenn man zum Beispiel Bio- oder Produkte aus der Region kauft, tut man das natürlich, weil man davon überzeugt ist, aber auch, um seinem Umfeld zu zeigen, dass man anders ist, dass man besonders öko eingestellt oder regional verbunden ist.“ Das ist wichtig für die Kaufentscheidung – beim Hühnerei und bei der Salatgurke schon lange, beim Schnaps ist es neu.

          Nach einem uralten Verfahren

          Zurzeit werden überall in Deutschland kleine Schnapsmanufakturen gegründet, die sich an Ungewöhnliches wagen. Im Schwarzwald („Monkey47 – Schwarzwald Dry Gin“) und in München („The Duke“) wird Gin gebrannt. Es gibt eigene Whiskys vom Schliersee („Slyrs“), aus der Oberpfalz („Stonewood Woaz“) und dem oberfränkischen 6000-Einwohner-Ort Eggolsheim, Wodka aus dem oberbayerischen Hausham („Bavarka“), aus München („Monaco Vodka“). Und eben „Vodrock“ aus dem Bayerischen Wald.

          Johannes Heindl und Richard Söldner brennen „Vodrock“

          Thomas Seemann vom Hauptzollamt Stuttgart verzeichnet zwar insgesamt noch keinen bedeutsamen Anstieg der vergebenen Brennlizenzen. „Das Gros sind nach wie vor die großen Brennereien, die Nullachtfünfzehn-Sachen produzieren. Aber es gibt immer mehr ausgefallene Sachen, wie schwäbischen Whisky oder Gin aus dem Schwarzwald, die, zumindest am Anfang, sehr kleine Mengen brennen.“ Eine ähnliche Entwicklung ist beim Bier zu beobachten: In den vergangenen Jahren sind viele kleine Brauereien dazugekommen, die unverwechselbare, regional verwurzelte und hochwertige Biere brauen. Gerade erreicht dieser Trend die Spirituosen. Fast jede Woche kommt eine neue Mikro-Brennerei dazu, die auf Bio-Produkte und Handarbeit setzt und an Traditionen anknüpft, die von der industriellen Fertigung längst verdrängt worden sind.

          Auch Heindl und Söldner und Richard tun das. Ihr „Vodrock“ wird nicht wie die meisten bekannten Wodka-Sorten aus Weizen, sondern aus Kartoffeln hergestellt, und das nach einem uralten Verfahren: „Statt reinen Alkohol und Wasser zu mischen, um auf etwa 40 Prozent Alkoholgehalt zu kommen, setzen wir nach der Gewinnung des reinen Alkohols eine vierprozentige Mischung aus Alkohol und bayerischem Quellwasser an, die noch einmal destilliert wird“, erklärt Johannes. Das Destillat wird dadurch extrem mild – auch ein Trend bei Spirituosen.

          Schnapsbrennen als Hobby ist in Deutschland schwierig

          Ähnlich ist es bei „Monaco Vodka“, einem weiteren Wodka aus Bayern: Der Betriebswirtschaftler Konstantin Graf von Keyserlingk, 26, und der Mediendesigner Max Kloker, 33, brennen seit 2012 mitten in Schwabing den ersten Münchner Wodka und betreiben die erste Destilleriebar Deutschlands, in der sie unter anderem das, was sie selbst brennen, gleich ausschenken. Auch sie verwenden ausschließlich Bio-Zutaten aus der Region. Ihren Wodka brennen sie in Anlehnung an das Reinheitsgebot aus Bio-Weizen, Quellwasser und Hopfen. Von den Flaschenverschlüssen lächelt Monaco Franze, die Kultfigur aus der Fernsehserie. „Er steht sinnbildlich für das münchnerische Lebensgefühl, das wir transportieren wollen“, sagt Konstantin. Das haben sie geschafft: Etwa 10.000 Flaschen haben sie in diesem Jahr bereits verkauft.

          Mit Monaco Franze zum Erfolg: Wodka von Max Kloker und Graf von Keyserlingk

          Ganz so weit sind Heindl und Söldner noch nicht. Johannes arbeitet derzeit in Kopenhagen als Arzt in der Orthopädie und Unfallchirurgie, Richard hat einen Job im Bereich der Finanzierung erneuerbarer Energien in der Nähe seines Heimatorts. Beide sind erfolgreich in ihren Berufen. Aber das reicht ihnen nicht. „Durch das Internet ist alles immer verfügbar, im Supermarkt wird man von der Markenvielfalt fast erschlagen. Wir sind auf dem Land aufgewachsen, hier zählen vor allem die regionalen Produkte, deshalb wollten wir ein Produkt schaffen, das eine ‚greifbare‘ Herkunft hat“, sagt Heindl. Die beiden sehen das Brennen von Wodka, zumindest im Moment, vor allem als Hobby. „Wir sind ganz froh, dass wir das nur nebenbei machen konnten“, sagt Heindl, „so hatten wir nicht den Druck, sofort Umsatz machen zu müssen, und konnten so lange herumprobieren, bis wir wirklich überzeugt waren.“

          Dabei ist es natürlich mehr als das: In Deutschland ist Schnapsbrennen als Hobby relativ schwierig. Zwar darf man mit Genehmigung privat brennen, eine eigene Anlage kostet aber mindestens 10.000 Euro. Wenn es so etwas nicht bereits in der Familie gibt, rechnet sich das kaum. „Privatpersonen, die mit Schnapsbrennen zu tun haben, sind vor allem Stoffbesitzer, zum Beispiel von Streuobstwiesen, die ihre Früchte einmaischen und zum Brenner bringen. Es gibt auch Liebhaber, die für sich selbst brennen, aber das ist die Ausnahme“, sagt Thomas Seemann vom Zoll. Wer in Deutschland neu mit dem Schnapsbrennen beginnt, muss das eigentlich mindestens semiprofessionell betreiben oder mit einem lizenzierten Schnapsbrenner zusammenarbeiten.

          Ein Ausgleich zum Alltag

          Das Interesse am privaten Brennen wäre groß. Der Ratgeber „Schnapsbrennen als Hobby“ von Bettina Malle und Helge Schmickl (Verlag Die Werkstatt) erscheint dieses Jahr in der neunten Auflage. Seit Ende 2012 gibt es die App „Schnapsbrennen“ zum gleichnamigen Buch aus dem Stocker Verlag, mit der man unter anderem die voraussichtliche Alkoholausbeute und die benötigte Wassermenge berechnen kann. In Deutschland und Österreich werden Schnapsseminare angeboten, bei denen die Teilnehmer einen Tag oder ein Wochenende lang selbst Brenner sind. Im Gasthof „Kristberg“ im österreichischen Silbertal zum Beispiel brennt jeder in einer eigenen Destille Geist aus Heu, Enzian, Heidelbeeren oder Bananen. Der Brennapparat fasst zwei Liter und ist kleiner als eine Küchenmaschine.

          Wodka, weiß-blau

          Es scheint, als wäre Schnapsbrennen für den gestressten Großstädter so entspannend wie Kuchenbacken oder Marmeladekochen. „Es ist schon komplizierter“, entgegnet der Seminarleiter Uwe Koch. „Es braucht ein umfangreiches Wissen, um etwas Trinkbares herzustellen, man kann durchaus viel falsch machen. Trotzdem scheint es sich auch fürs Abschalten zu eignen.“ Die Fläschchen mit Selbstgebranntem jedenfalls, die die Teilnehmer des Seminarwochenendes nach Hause nehmen dürfen, machen mindestens so glücklich wie die Massage beim Wellness-Wochenende.

          Heindl und Söldner können das jeden Tag haben. Für sie ist das Schnapsbrennen ein Ausgleich zu ihrem Alltag, und das, obwohl sie den eigentlichen Brennvorgang outgesourct haben. Am Ende zählt die Befriedigung, die man spürt, wenn man etwas mit seinen eigenen Händen geschaffen hat. Für den einen ist das der Jahresvorrat Himbeermarmelade, für die anderen das eigene Café. Bei Johannes und Richard liegt es irgendwo dazwischen. In jeder Flasche Wodka, die sie produzieren und nach wie vor von Hand etikettieren und zur Post bringen.

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