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Junge Brenner : Die Schnaps-Idee

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Schnapsbrennen als Hobby ist in Deutschland schwierig

Ähnlich ist es bei „Monaco Vodka“, einem weiteren Wodka aus Bayern: Der Betriebswirtschaftler Konstantin Graf von Keyserlingk, 26, und der Mediendesigner Max Kloker, 33, brennen seit 2012 mitten in Schwabing den ersten Münchner Wodka und betreiben die erste Destilleriebar Deutschlands, in der sie unter anderem das, was sie selbst brennen, gleich ausschenken. Auch sie verwenden ausschließlich Bio-Zutaten aus der Region. Ihren Wodka brennen sie in Anlehnung an das Reinheitsgebot aus Bio-Weizen, Quellwasser und Hopfen. Von den Flaschenverschlüssen lächelt Monaco Franze, die Kultfigur aus der Fernsehserie. „Er steht sinnbildlich für das münchnerische Lebensgefühl, das wir transportieren wollen“, sagt Konstantin. Das haben sie geschafft: Etwa 10.000 Flaschen haben sie in diesem Jahr bereits verkauft.

Mit Monaco Franze zum Erfolg: Wodka von Max Kloker und Graf von Keyserlingk

Ganz so weit sind Heindl und Söldner noch nicht. Johannes arbeitet derzeit in Kopenhagen als Arzt in der Orthopädie und Unfallchirurgie, Richard hat einen Job im Bereich der Finanzierung erneuerbarer Energien in der Nähe seines Heimatorts. Beide sind erfolgreich in ihren Berufen. Aber das reicht ihnen nicht. „Durch das Internet ist alles immer verfügbar, im Supermarkt wird man von der Markenvielfalt fast erschlagen. Wir sind auf dem Land aufgewachsen, hier zählen vor allem die regionalen Produkte, deshalb wollten wir ein Produkt schaffen, das eine ‚greifbare‘ Herkunft hat“, sagt Heindl. Die beiden sehen das Brennen von Wodka, zumindest im Moment, vor allem als Hobby. „Wir sind ganz froh, dass wir das nur nebenbei machen konnten“, sagt Heindl, „so hatten wir nicht den Druck, sofort Umsatz machen zu müssen, und konnten so lange herumprobieren, bis wir wirklich überzeugt waren.“

Dabei ist es natürlich mehr als das: In Deutschland ist Schnapsbrennen als Hobby relativ schwierig. Zwar darf man mit Genehmigung privat brennen, eine eigene Anlage kostet aber mindestens 10.000 Euro. Wenn es so etwas nicht bereits in der Familie gibt, rechnet sich das kaum. „Privatpersonen, die mit Schnapsbrennen zu tun haben, sind vor allem Stoffbesitzer, zum Beispiel von Streuobstwiesen, die ihre Früchte einmaischen und zum Brenner bringen. Es gibt auch Liebhaber, die für sich selbst brennen, aber das ist die Ausnahme“, sagt Thomas Seemann vom Zoll. Wer in Deutschland neu mit dem Schnapsbrennen beginnt, muss das eigentlich mindestens semiprofessionell betreiben oder mit einem lizenzierten Schnapsbrenner zusammenarbeiten.

Ein Ausgleich zum Alltag

Das Interesse am privaten Brennen wäre groß. Der Ratgeber „Schnapsbrennen als Hobby“ von Bettina Malle und Helge Schmickl (Verlag Die Werkstatt) erscheint dieses Jahr in der neunten Auflage. Seit Ende 2012 gibt es die App „Schnapsbrennen“ zum gleichnamigen Buch aus dem Stocker Verlag, mit der man unter anderem die voraussichtliche Alkoholausbeute und die benötigte Wassermenge berechnen kann. In Deutschland und Österreich werden Schnapsseminare angeboten, bei denen die Teilnehmer einen Tag oder ein Wochenende lang selbst Brenner sind. Im Gasthof „Kristberg“ im österreichischen Silbertal zum Beispiel brennt jeder in einer eigenen Destille Geist aus Heu, Enzian, Heidelbeeren oder Bananen. Der Brennapparat fasst zwei Liter und ist kleiner als eine Küchenmaschine.

Wodka, weiß-blau

Es scheint, als wäre Schnapsbrennen für den gestressten Großstädter so entspannend wie Kuchenbacken oder Marmeladekochen. „Es ist schon komplizierter“, entgegnet der Seminarleiter Uwe Koch. „Es braucht ein umfangreiches Wissen, um etwas Trinkbares herzustellen, man kann durchaus viel falsch machen. Trotzdem scheint es sich auch fürs Abschalten zu eignen.“ Die Fläschchen mit Selbstgebranntem jedenfalls, die die Teilnehmer des Seminarwochenendes nach Hause nehmen dürfen, machen mindestens so glücklich wie die Massage beim Wellness-Wochenende.

Heindl und Söldner können das jeden Tag haben. Für sie ist das Schnapsbrennen ein Ausgleich zu ihrem Alltag, und das, obwohl sie den eigentlichen Brennvorgang outgesourct haben. Am Ende zählt die Befriedigung, die man spürt, wenn man etwas mit seinen eigenen Händen geschaffen hat. Für den einen ist das der Jahresvorrat Himbeermarmelade, für die anderen das eigene Café. Bei Johannes und Richard liegt es irgendwo dazwischen. In jeder Flasche Wodka, die sie produzieren und nach wie vor von Hand etikettieren und zur Post bringen.

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