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Lebensmittelunverträglichkeit : „Das Thema wird zu stark problematisiert“

  • -Aktualisiert am

Immer nur Gemüse? Auch dafür ist nicht jeder Bauch gemacht. Bild: dpa

Menschen, die bestimmte Lebensmittel nicht vertragen, erleben oft eine Odyssee, bis sie eine Diagnose haben. Ein Mediziner erklärt, woran das liegt – und warum auch eine vermeintlich gesunde Ernährung oft zu Problemen führt.

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          Gelegentlich Durchfall oder Blähungen kennt jeder - wann geht man damit besser zum Arzt?

          Ein Arztbesuch ist auf jeden Fall dann erforderlich, wenn es zusätzliche Symptome gibt wie Gewichtsverlust oder Blut im Stuhl. Dies könnte auf eine entzündliche Erkrankung des Darms oder auch auf Darmkrebs hinweisen. Wer älter als fünfzig Jahre ist, sollte vor allem neue, ungewöhnliche Symptome abklären lassen, wie plötzlich auftretende Bauchschmerzen oder Stuhlunregelmäßigkeiten. Wenn jemand seit vielen Jahren Durchfall oder Blähungen hat und im Alltag gut damit zurechtkommt, braucht er nicht unbedingt einen Arzt.

          Wie viele Menschen leiden tatsächlich an einer Lebensmittelunverträglichkeit?

          Das wissen wir nicht genau. Bei Befragungen geben fünfzehn bis zwanzig Prozent der Menschen an, dass sie mehrfach im Monat Bauchbeschwerden, meist nach der Nahrungsaufnahme, haben. Diese Zahlen sind ziemlich konstant, sie waren vor rund zwanzig Jahren ähnlich wie heute. Die meisten Betroffenen sagen: „Das ist halt so, das toleriere ich.“ Ein kleinerer Teil hat Sorge vor schweren Erkrankungen oder empfindet die Beschwerden als so störend, dass er Hilfe sucht. Mein Eindruck ist, dass gerade dieser Teil der Bevölkerung zunimmt, der besondere Sorgen wegen seiner Beschwerden hat oder die Beschwerden als zu belästigend empfindet. Tatsächlich gibt es weniger Lebensmittelunverträglichkeiten als vermutet. Von hundert Menschen, die die Hausärzte mit Verdacht auf Laktose-Intoleranz zu uns schicken, fällt der Test nur bei zehn positiv aus.

          Woran erkennt man eine Unverträglichkeit?

          Charakteristische Symptome einer Lebensmittelunverträglichkeit sind Blähungen, Veränderung des Stuhlgangs und eine Tendenz zum Durchfall. Verstopfung hat dagegen praktisch nie mit Unverträglichkeiten zu tun. Schwellungen an Lippen, Zunge oder Rachen deuten auf eine Lebensmittelallergie hin.

          Wie läuft die Untersuchung bei Verdacht auf Lebensmittelunverträglichkeit ab?

          Das Wichtigste ist, dass der Arzt sich Zeit nimmt, den Bauch abzutasten. Tastet er durch die Bauchdecke eine Verhärtung, kann ein geschwollenes Organ dahinterstecken, ausgelöst durch eine Entzündung oder einen Tumor. Das ist zum Glück selten. Bei neunzig Prozent der Patienten ist der Befund unauffällig. Gibt es keine Verhärtung, können die Beschwerden tatsächlich durch eine Lebensmittelunverträglichkeit ausgelöst werden. Es ist dann ratsam, dass der Arzt den Bauch mittels Ultraschall untersucht und durch eine Blutuntersuchung eine Entzündung, eine Blutarmut oder auch eine Zöliakie ausschließt. Laktose-, Fruktose- oder Sorbit-Unverträglichkeiten können mit einem einfachen Atemtest diagnostiziert werden. Von Angeboten, die Darmflora aufzubauen, rate ich übrigens ab. Das ist ein weites Feld, und unser Wissen darüber ist noch sehr begrenzt. Damit wird viel Geld gemacht - ohne wissenschaftliche Grundlage.

          Welche Lebensmittel verursachen am häufigsten Beschwerden?

          Professor Joachim Erckenbrecht

          Tatsächlich führt übermäßiger Ballaststoffkonsum häufiger zu Beschwerden als Unverträglichkeiten. Ballaststoffe sind komplexe Kohlenhydrate, die in unserem Dünndarm nicht aufgeschlüsselt werden. Sie gelangen unverdaut in den Dickdarm und werden von den Bakterien dort verarbeitet. Dabei entstehen Gase. Die Folge sind Blähungen und Bauchschmerzen. Die Menschen kommen dann zu mir und sagen: „Ich ernähre mich sehr gesund und habe trotzdem Bauchschmerzen.“ Sie essen viel Salat und Gemüse. Das Problem: Etwa jeder Fünfte verträgt die darin enthaltenen Ballaststoffe in so großen Mengen nicht, vor allem dann, wenn der Körper nicht daran gewöhnt ist. Kinder vertragen Ballaststoffe oft noch schlechter. Deshalb lehnen viele von ihnen Salat, Gemüse und Rohkost intuitiv ab.

          Aber in Obst und Gemüse steckt doch viel Gutes, Vitamine und Co. - sagt man.

          Kinder und Erwachsene sollten auch nicht primär nur eine ballaststoffarme Kost zu sich nehmen. Aber man muss akzeptieren, dass ein signifikanter Anteil der Bevölkerung große Mengen an Ballaststoffen nicht verträgt. Wenn sie den Ballaststoffgehalt in ihrer Ernährung reduzieren, haben sie weniger Bauchschmerzen. Frischer Obst- oder Gemüsesaft kann eine Alternative zu großen Obst- und Salatmengen sein.

          Warum haben Betroffene oft so einen langen Leidensweg hinter sich?

          Wenn Menschen Laktose, Fruktose oder Sorbit nicht vertragen, können wir das relativ leicht diagnostizieren. Histaminunverträglichkeit und Weizensensitivität sind dagegen nur schwer nachzuweisen, in der Regel durch Eliminationskost, also den zeitweisen Verzicht auf die kritischen Lebensmittel. Das Problem ist, dass die Symptome bei Unverträglichkeiten oft wechselnd sind. Jemand, der heute ein histaminhaltiges Lebensmittel nicht verträgt, kann es morgen vielleicht wieder vertragen.

          An welchen Arzt sollen sich Betroffene wenden?

          Am besten an einen Gastroenterologen. Das ist ein Internist, der sich auf Erkrankungen im Magen-Darm-Bereich spezialisiert hat.

          Der neueste Trend sind laktosefreie Hochzeitstorten. Eine gute Idee?

          Essen soll Freude machen. Ich habe den Eindruck, dass Unverträglichkeiten zu stark problematisiert werden. Wie soll man da noch unvoreingenommen genießen? Nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Deutschen bekommen Bauchbeschwerden, wenn sie große Mengen Laktose zu sich nehmen, zum Beispiel einen ganzen Liter Milch trinken. Dagegen können sie kleine Mengen Laktose wie in einem Stück Kuchen meist ohne Probleme vertragen.

            

          Professor Joachim Erckenbrecht ist stellvertretender Vorsitzender der Gastro-Liga und Chefarzt für Innere Medizin im Florence-Nightingale Krankenhaus in Düsseldorf.

          Die häufigsten Unverträglichkeiten

          Bei einer Unverträglichkeit kann der Körper bestimmte Lebensmittel nicht richtig verdauen - zumindest nicht in großen Mengen. Häufige Symptome sind Bauchgrummeln, Blähungen und Durchfall. Zur Zahl der Betroffenen gibt es nur Schätzungen, die extrem voneinander abweichen: mal ist von mindestens 20 Prozent die Rede, mal von bis zu 80. Eine Unverträglichkeit ist keine Allergie. Bei einer Lebensmittelallergie reagiert das Immunsystem schon auf winzige Mengen eines Allergens. Die Reaktion reicht von leichtem Kribbeln im Mundraum bis hin zum allergischen Schock. Von echten Lebensmittelallergien - zum Beispiel gegen Fisch, Nüsse und Eier - sind mit zwei bis fünf Prozent aller Erwachsenen vergleichsweise wenig Menschen betroffen.

          Fruktose-Malabsorption

          Wer an einer Fruktose-Malabsorption leidet, nimmt weniger Fruchtzucker aus dem Darm auf, weil das dafür nötige Transporter-Protein nicht richtig arbeitet. Fruktose steckt in normalem Haushaltszucker, in Rohrzucker, in Obst, Fruchtsäften, einigen Gemüsearten und in industriell gefertigten Süßigkeiten und Backwaren.

          Laktose-Intoleranz

          Wer eine Laktose-Intoleranz hat, veträgt Milchzucker nicht, weil das zur Verdauung nötige Enzym Laktase nicht in ausreichender Menge gebildet wird. Vor allem Milch und Sahne können Probleme bereiten, genauso Sauermilchprodukte wie Buttermilch und Joghurt - obwohl sie weniger Laktose enthalten.

          Gluten- bzw. Weizen-Sensitivität

          Nudeln, Pizza, Brot - wir nehmen große Mengen an Weizen zu uns. Moderne Züchtungen enthalten im Vergleich zu älteren Sorten oft das Zwei- bis Dreifache an Proteinbestandteilen, die als natürliche Pestizide dienen. Diese scheinen nicht jedem zu bekommen. So gibt es zunehmend Menschen, bei denen der Verzehr von Weizen, Gerste und Roggen Beschwerden auslöst, obwohl bei ihnen eine Zöliakie ausgeschlossen wurde.

          Histamin-Intoleranz

          Die Histamin-Intoleranz ist eine Pseudoallergie. Dabei wird Histamin im Verdauungstrakt nicht richtig abgebaut. Die Symptome ähneln denen einer echten Lebensmittelallergie. Typisch sind Hautausschläge, ein roter und heißer Kopf, Herzrasen und Bauchkrämpfe. Ausgelöst werden die Beschwerden zum Beispiel durch Parmesankäse, Salami, Alkohol, Thunfisch, Glutamat und Tomaten.

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