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Weingut Zehnthof Luckert : Der Fürstbischof bittet zur Soiree im Glas

  • -Aktualisiert am

In diesen Fässern reift der gute Wein Bild: Pressebilder Weingut Zehnthof

Die Brüder Wolfgang und Ulrich Luckert aus Sulzfeld in Franken wollen mit den Weinen ihres Zehnthofs nicht jedem gefallen. Genau das aber gefällt ihren Fans. Die Kolumne Geschmackssache.

          Das Weingut residiert in einem altehrwürdigen Zehnthof aus dem Jahr 1558 mit Treppengiebel und Muschelkalkfassade, in dem die Würzburger Fürstbischöfe einst ihren Untertanen den Zehnt abpressten, am liebsten in Form von Wein, mit dem sie das riesenhafte „Beamtenfass“ im Staatlichen Hofkeller zur Entlohnung ihrer Bediensteten füllten. Die heutigen Weingutsbesitzer sind stolz darauf, in ihrem Keller nach alter Väter oder auch fürstbischöflicher Sitte zu arbeiten, mit Stückfässern aus Spessart-Eiche, ohne Reinzuchthefen zur Aromenaufhübschung, ganz so, wie man es in Franken jahrhundertelang getan hat. Und ihre Weine gibt es nicht in der digitalen Welt, sondern ausschließlich in der analogen, bei keinem Online-Shop, nur im handverlesenen Fachhandel, weil sich die Winzer für sie persönliche Beratung statt anonymer Klicks wünschen. Kann also etwas anderes als eine Trutzburg der Ewiggestrigkeit hinter der Fassade des Zehnthof Luckert in Sulzfeld liegen?

          Wir ziehen an einer Schnur, die eine altertümliche Glocke läuten lässt, treten in eine düster ehrfurchtgebietende Eingangshalle und stehen Ulrich Luckert gegenüber, der zu unserer Überraschung weder wie ein Revanchist aussieht, noch wie ein Modernitätsverweigerer redet. Der Zehnthof ist auch erst seit 1971 in Familienbesitz, als ihn sein Vater Theo kaufte, nachdem er sich zehn Jahre zuvor seinen Lebenstraum erfüllt hatte und vom Kraftfahrer zum Flaschenwinzer konvertiert war. Er machte sich mit Feuereifer ans Werk, führte sein Gut als eines der ersten in Franken in den Verband der Deutschen Prädikatsweingüter, starb aber – eine grausame Volte des Schicksals – Anfang der Neunziger bei einem Verkehrsunfall. Ulrich Luckert, damals gerade zwanzig, und sein zwölf Jahre älterer Bruder Wolfgang übernahmen den Zehnthof, kamen in schwere See, standen knapp vor dem Bankrott und erkannten schließlich, dass sie nur überleben konnten, wenn sie kompromisslos ihren eigenen Weg gehen würden.

          Wohlüberlegter Konservativismus und radikaler Individualismus

          „Frucht ist Kitsch“, sagt Ulrich Luckert und hat damit im Grunde fast alles über seine Weine gesagt: Er und sein Bruder, die siebzehn Hektar rund um Sulzfeld bewirtschaften, hängen keinen alten Weinbaulehren mit Oechsle-Fetischismus an, sondern verfechten einen zeitgenössischen Purismus. Sie reduzieren die Kellerwirtschaft auf ein Minimum, halten Enzyme und andere Tricksereien für Teufelszeug, bevorzugen lange Maischestandzeiten, vergären prinzipiell spontan und bei zwanzig Grad, damit ihre Weine keine Gummibärchensäfte werden, und dulden weder Restzucker noch Dosage. Denn für die Brüder gibt der Boden den Gewächsen Aroma genug mit auf den Weg, und diesen Geschmack des kargen, fränkischen Muschelkalks so unverfälscht wie möglich in die Flasche zu bringen, ist ihr höchstes Ziel – wobei Ulrich Luckert als guter Franke natürlich ein aufrechter Lokalpatriot ist: „Alle Rieslingwinzer werden mich jetzt steinigen, aber ich behaupte, dass unser Silvaner stärker als jede andere Sorte, sogar als der Riesling, das Terroir sprechen lässt, weil er aromatisch zurückhaltender ist.“

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