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Weingut Bischel in Rheinhessen : Brot und Wasser für Weiberhasser

Herrliche Aussicht auf die Weinberge Bild: Bischel

Das Weingut Bischel der Gebrüder Runkel in Rheinhessen produziert Tropfen erster Güteklasse. Die Brüder optimierten das Erbe ihres Großvaters. Die Kolumne Geschmackssache.

          Es spricht der Winzerdichter: „Trinkst du Wein aus Bischels Keller / Werden trübe Tage heller.“ So steht es auf einem Fass am Eingang des Weinguts Bischel im Norden Rheinhessens, und wer sich hier zweimal bitten lässt, ist selbst schuld. Allerdings erwartet die Besucher hier keine Schoppenseligkeit im fröhlichen Weinberg, sondern eine Geschichte voller Ernsthaftigkeit, Zielstrebigkeit und Unbeirrbarkeit, die am Ende des trüben Tages nie etwas anderes wollte, als Licht ins Leben und den Keller des Hauses Bischel zu bringen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Diese Geschichte begann vor fünfzig Jahren mit Karl-Heinz Bischel und endet vorläufig bei seinen Enkeln Matthias und Christian Runkel. Der Großvater war nicht nur Versschmied, sondern auch Obst- und Traubenbauer, der das Weingut 1968 in Appenheim bei Bingen gründete, ohne allerdings seinem poetischen einen vergleichbaren önologischen Ehrgeiz entgegenzusetzen. Er begnügte sich mit dem Keltern von Fassweinen, die erst die nächste Generation in Flaschen füllen sollte. Doch man blieb ein typisches rheinhessisches Gut mit dem klassischen Sortenspiegel aus Bacchus, Kerner, Traminer und Faber, holte den maximalen Ertrag aus den Wingerten, fuhr die Weine selbst zu den Kunden und hatte weder mit Handel noch Gastronomie etwas am Winzerhut.

          Stimmungsaufheller erster Güte

          Das sollte sich erst ändern, als die Enkel 2006 das Kommando übernahmen. Matthias, der Ältere, hatte zunächst Zweifel an einem Leben mit den Reben, schrieb sich für Jura ein, fand die Materie aber „zu trocken“ – was sollte ein Winzersohn auch anderes sagen – und studierte dann doch Weinbau in Geisenheim. Sein Bruder Christian ging einen geraderen Weg, der ihn in die Lehre beim rheinhessischen Winzerhalbgott Klaus Peter Keller und anschließend nach Geisenheim führte. So lernten die Brüder, wie aus Wein das Licht des Glücks werden kann, vertieften ihre Erkenntnis bei Auslandsaufenthalten in Übersee und stellten danach im elterlichen Gut alles auf den Kopf. Sie pflanzten Riesling und Burgunder, reduzierten radikal den Ertrag, führten die selektive Handlese ein, düngten die Wingerte nur noch mit Humus, verbannten Reinzuchthefen aus dem Keller und Herbizide aus dem Weinberg, verlängerten drastisch das Hefelager, bauten ihre Weine trocken und fast immer im Holzfass aus und vergrößerten den Kundenkreis bis nach China und Amerika. Heute bewirtschaften sie dreiundzwanzig Hektar rund um Appenheim und Bingen, die zu je einem Drittel mit Riesling, Burgundersorten und Liebhabereien wie Silvaner, Scheurebe oder Sauvignon Blanc bepflanzt sind. Sie wachsen auf Quarzit, Porphyr und tertiärem Kalk mit starken Toneinlagerungen und könnten sich allein schon deswegen den Luxus ganz unterschiedlicher Temperamente und Charaktere leisten.

          Matthias und Christian Runkel

          Das klingt nach Revolution. In Wahrheit aber seien es viele kleine Schritte der beharrlichen Verbesserung gewesen, sagen die Brüder, die auch nicht aussehen wie Revolutionäre, sondern freundliche Rheinhessen mit einem grundsoliden Selbstbewusstsein sind. Genauso schmecken ihre Gewächse, denen die Qualitätstrippelschritte ausgezeichnet bekommen sind. Selbst die Gutsweine sind Stimmungsaufheller erster Güte, der Riesling und der Grauburgunder etwa, beide keine Kinder von Traurigkeit, sondern dichte, muskulöse Gewächse, deren Kraft von einer straffen Säure gezügelt wird; Gleiches gilt für die Scheurebe, die erdig, trotzdem erstaunlich elegant und alles andere als eine plumpe Magd im Glas ist.

          Ein Wein von kühler Eleganz

          Noch klarer wird die Stilistik bei den Ortsweinen, bei denen die Burgunder ausnahmslos ins Barrique oder Tonneau gehen und die Rieslinge meist im Edelstahl bleiben. Es sind Weine, die von der Kühle des nördlichen Rheinhessens geprägt werden, voller Konzentration und Saftigkeit, aber ohne Wucht und Breite, keine Bonbonnieren, aber auch keine Fruchtverächter und schon gar keine schwachbrüstigen Alkoholangsthasen. Der Riesling Terra Fusca – das ist lateinisch und klingt schöner als Kalksteinbraunlehm – fasst seine gelbe Steinfrucht mit einem Diadem aus Säure ein und strebt dabei nach Harmonie. Auch bei der Cuvée aus Weißburgunder und Chardonnay gibt es keinen Streit in der Flasche, sondern nur bestes, wenn auch etwas biederes Einvernehmen. Und selbst ein potentieller Krawallbruder wie der Chardonnay Reserve übt sich in kühler Zurückhaltung.

          Das Schöne am Weinland Deutschland ist, dass hier niemand unbemerkt im finsteren Keller zum Qualitätswinzer heranreifen kann. So wurden auch die Bischel-Enkel rechtzeitig bei ihrem Tun ertappt und Anfang des Jahres mit dem höchsten Ritterschlag belohnt: Nach strenger zweijähriger Prüfung nahm der Verband der Deutschen Qualitätsweingüter Matthias und Christian Runkel in den Kreis der Seinen auf, eine Ehre, die angesichts von Lagenweinen wie dem zum ersten Mal als Großes Gewächs etikettierten Riesling vom Scharlachberg als vollkommen gerechtfertigt gelten darf. Er ist kein Angeber, kein Brusttrommler, trotz aller Kraft keine eisenbiegende Jahrmarktsattraktion, sondern ein Wein von kühler Eleganz, der sich erst auf den zweiten Schluck öffnet und erschließt. Der Riesling vom Siefersheimer Heerkretz ist sein Bruder im Geiste mit einer identischen Stilistik, in der Säure und Salz, Mineralität und Kräuter, Zitrus und gelbes Steinobst dominieren – und die Frage aufwirft, vor allem, nachdem man auch den Hundertguldener und den Goldberger Riesling gekostet hat, ob sich die Brüder Runkel ein wenig mehr Aromenvielfalt statt ihres rigorosen Einheitsstils erlauben sollten. Aber sie sind ja noch lange nicht am Ende ihres Weges angelangt, und ihre Leidenschaft für guten Wein lässt nur das Beste hoffen. Vielleicht ist es ja Zeit, ein zweites Fass am Eingang aufzustellen. Wie wäre es mit diesen Versen Wilhelm Buschs: „Wer als Wein- und Weiberhasser / jedermann im Wege steht, / der esse Brot und trinke Wasser / bis er daran zugrunde geht.“

          Weingut Bischel, Sonnenhof Ausserhalb 15, 55437 Appenheim, Telefon: 06725/2683, www.weingut-bischel.de.

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