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Chanukka : Mit Kalorien der Makkabäer gedenken

Viel los: Guy Avichail (rechts) und seine Schwester Rachel arbeiten. Bild: Jochen Stahnke

Zum Chanukka-Fest isst man in Israel gerne süße Kreppel. Nun warnt der Gesundheitsminister vor der allgemeinen Verfettung. Ein Backhaus in Jerusalem stört das wenig.

          An dem Tag, an dem der Gesundheitsminister den Kindern Chanukka verderben will, steht Ehud Avichail in seiner Bäckerei und schmeißt Kreppel in die Fritteuse, die gleich neben der Hintertür seines Ladens steht. Die Tür ist geöffnet. Jedes Jahr zu Chanukka durchströmt ein Duft von Zucker und frischem Fett die Gassen von Mea Shearim. Er lockt die Menschen aus ihren einfachen unverputzten Steinhäusern in die Bäckerei Avichail.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Kurz vor Beginn des Festes geben sich die ultraorthodoxen Juden hier die Klinke in die Hand. Denn nur zu Chanukka im Monat Kiselew bereitet Avichail die süßen Köstlichkeiten zu: Sufganiyot, in Fett getunkte Kreppel mit dicker Marmeladenfüllung. „Die ersten Anfragen erreichten uns schon zum Neujahrsfest“, erzählt Avichail hinter dem Tresen. Doch Anfang Oktober, als man noch das Neujahrsfest Rosch Haschana feierte, wäre viel zu früh gewesen. Es hätte die Traditionen auch vollkommen durcheinandergebracht.

          Alles sieht so aus wie früher

          Mea Shearim ist das streng orthodoxe Viertel von Jerusalem und Avichail einer der bekanntesten Bäcker der Gegend. Seit 1932 führt seine Familie das kleine Backhaus, das ein paar Treppenstufen unterhalb der abschüssigen Straße liegt. Einst war es ein kommunales Backhaus, denn vor 100 Jahren besaß hier kaum jemand einen eigenen Backofen.

          Dann übernahm Avichails Vater, der in den zwanziger Jahren aus Ostpolen eingewandert war. Am einfachen Gemäuer haben sie seitdem wenig geändert. „Unsere Kunden mögen es, dass alles noch so aussieht wie früher“, sagt Avichail. „Ändert bloß nichts, sagen sie.“ Haredim, die besonders strenggläubigen Juden, achten auf Tradition.

          Feier zur Befreiung Jerusalems

          Und eine wichtige Tradition ist das Chanukka-Fest: das Gedenken der Juden an den Aufstand der Makkabäer gegen den mächtigen Syrer-König Antiochos. Der hatte im zweiten Jahrhundert vor Christus Jerusalem erobert, den Sabbat verboten, den Tempel mit Schweineblut entweiht und zu einer Kultstätte des Zeus gemacht. Obwohl zahlenmäßig unterlegen, schlugen die jüdischen Rebellen um Judas Makkabäus den Syrer-König (und dessen hellenisierte Juden) nach hartem Kampf in die Flucht, wo Antiochus alsbald starb.

          Die Makkabäer nahmen ihren Tempel wieder ein, und zwar am 25. Tag des hebräischen Monats Kiselew. Im Tempel hatten die Syrer alles zerschlagen, was sie finden konnten – bis auf einen kleinen Krug mit geweihtem Öl für die Menora, den heiligen Armleuchter der Juden. Der kleine Rest Öl in dem Krug reichte eigentlich nur, um die Menora einen Tag lang brennen zu lassen. Doch durch wundersame Fügung hielt der Brennstoff acht Tage lang – so lange, wie heute Chanukka gefeiert wird.

          Alles koscher

          Deshalb schiebt Bäcker Avichail seinen Teig nicht in den Backofen, sondern wirft ihn in siedendes Öl. Im Monat Kiselew rollen seine Angestellten den ganzen Tag lang kleine Teigfladen, denn die Sufganiyot müssen frisch gegessen werden. Avichail verrät das Rezept, „bis auf eine geheime Zutat“: Sie nehmen Mehl, Hefe, Vanille, Rum, Salz, Zucker sowie fast reinen Alkohol (95 Prozent), damit der Teig später im siedenden Öl nicht so viel Fett aufnimmt. Den Teig lassen sie eine Stunde lang in einer feuchtwarmen Kammer hinter dem Tresen aufgehen.

          Dann sind die Fladen bereit für die Fritteuse. Es beginnt ein sakraler Moment. Gemäß Avichails höchstem Koscher-Zertifikat darf nur ein Mann den Teig in das heilige Öl werfen. Deshalb steht Tochter Rachel auch meist hinter dem Verkaufstresen, während Avichails Sohn Guy oder ein Angestellter darauf achtet, dass die Sufganiyot drei Minuten auf der einen Seite und drei auf der anderen Seite im Öl schwimmen, das auf exakt 180 Grad erhitzt ist.

          Minister warnt vor zu viel Fett

          Öl hat die Eigenschaft, gut zu brennen, macht aber auch dick. Und deshalb hat sich der Gesundheitsminister vor wenigen Tagen, ausgerechnet im Monat Kiselew, an das israelische Volk gewandt, um es zu warnen. „Es gibt keinen Grund, unsere Kinder mit Sufganiyot verfetten zu lassen, die nicht unseren Prinzipien von Gesundheit und guter Ernährung entsprechen“, sagte Yaakov Litzmann, der Minister.

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