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Wein aus Neuseeland : New Wine Land

Am anderen Ende der Welt leuchtet der Wein: In wenigen Jahrzehnten hat sich Neuseeland - hier ein Weingut auf der Insel Waiheke bei Auckland - zu einer Nation großer Tropfen entwickelt. Bild: © Bildagentur Huber

Neuseeland ist faszinierend. Das gilt erst recht für den Wein, der auf den beiden Inseln gekeltert wird und dessen Most bei manchen Betrieben sogar direkt im Weinberg gärt. Unterwegs zu erstaunlichen Entdeckungen.

          Der Anflug ist ein bisschen rustikal. Man könnte auch sagen: beängstigend holprig. Das Flugzeug sackt plötzlich ab, die Berge sind zum Greifen nah, alles ruckelt, wackelt und klappert, das ganze Flugzeug beginnt zu vibrieren. Aber was soll's - Neuseeländer lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Und so sind es nur die Touristen, die sich auf den letzten Metern vor der Landung des Airbus an ihre Sitzlehnen klammern. Gut, dass der Kapitän erst hinterher mit gelassener Stimme berichtet, die drei Flugzeuge vor uns hätten wegen des schlechten Wetters umdrehen und in Christchurch landen müssen, das knapp 500 Kilometer weiter nördlich liegt.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf dem Rollfeld peitscht der Regen, und die tiefhängenden Wolken lassen kaum einen Blick auf die schneebedeckten Gipfel in der Umgebung zu. „Welcome to Queenstown - the Adventure Capital of the World“. Der kleine Provinzflughafen ist voller Leute: deutsche Urlauber in Funktionskleidung, amerikanische Backpacker mit riesigen Rucksäcken, chinesische Pauschaltouristen in Sandalen. Überall im Terminalgebäude stehen Touren-Anbieter in kurzen Hosen und coolen T-Shirts. Sie haben alles im Programm, was die Abenteuerindustrie zu bieten hat: Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Jetboat-Fahren, Wild-Water-Rafting, Kanu-Touren, Mountain-Bike-Rundfahrten, Wildnis-Wanderungen. Die Neuankömmlinge haben die Wahl. Nur von Pinot Noir ist keine Rede.

          Ausgerechnet! Denn den Rotwein hat dieser abgelegene Landstrich auf Neuseelands Südinsel, der auch im Sommer manchmal unwirtlich ist, überhaupt erst bekannt gemacht. Das rote Gold aus Central Otago hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Welt im Sturm erobert. Auf dem kleinen Flughafen in Queenstown ist davon nichts zu erahnen. Dafür müssen sich die Gäste schon auf den Weg Richtung Norden und Osten machen. Bei den Winzern in Gibbston, Bannockburn, Lowburn, Bendigo und Wanaka muss man selbst sehen und schmecken, was es mit dem Spätburgunder vom anderen Ende der Erde auf sich hat.

          Erst kamen die Goldgräber, jetzt ist das Gold rot

          Gold hat in Central Otago schon einmal eine wichtige Rolle gespielt. Kein rotes oder schwarzes, nein, ganz goldenes Gold lockte Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Siedler an die östlichen Ausläufer der neuseeländischen Alpen. Zehntausende aus Europa und Australien strömten von 1861 bis 1863 in das unzugängliche Land. Noch heute zeugen Orte wie Arrowtown und Lawrence von dem Rausch. Hysterisch buddelten sich die Glückssucher durch die Erde – und zogen nach ein paar Jahren frustriert wieder ab. Die wenigsten waren reich geworden, nur wenige blieben.

          Es dauerte knapp 130 Jahre, bis ein Österreicher einen zweiten Boom hervorrief – mit Pinot Noir. Rudi Bauer ist ein bescheidener Mann, aber selten hat ein einzelner Winzer ein Anbaugebiet so beeinflusst wie er Central Otago. Im weißen Hemd und in Jeans steht er bei inzwischen wieder strahlendem Sonnenschein in seinem Weinberg in Bendigo oberhalb von Lake Dunstan und erzählt mit unverkennbar alpenländischem Akzent („Meine Frau und meine Kinder sind klassische Kiwis, aber ich bin und bleibe Österreicher“), wie er 1985 mit einer Arbeitsgenehmigung für sechs Monate nach Neuseeland kam – und blieb. Central Otago mit den Bergen und hügeligen Ebenen, den großen Temperaturschwankungen und dem trockenen, kontinentalen Klima hat ihn von Anfang an fasziniert. Und er hat gleich daran geglaubt, dass sich in dieser Gegend, die wie eine Mischung aus schottischem Hochland und südafrikanischem Westkap wirkt, sehr komplexe und reintönige Spätburgunder keltern lassen.

          Revolutionär: Winzer Rudi Bauer Bilderstrecke

          Ein paar Kilometer weiter nördlich, im damals noch jungen Weingut Rippon am Lake Wanaka, bekam er Ende der Achtziger seine Chance. Schnell löste er den Burgunder-Rausch aus: 1991 gewann er mit seinem Pinot Noir einen ersten Preis. Danach gab es kein Halten mehr. Schon bald zogen immer mehr Weinmacher in die Region am 45. Breitengrad. Heute zählt das südlichste Anbaugebiet der Welt insgesamt 175 Betriebe, und es dürften in den nächsten Jahren weitere dazu kommen. „Das Besondere an unseren Pinots ist ihre Reinheit, ihre Klarheit, dieser präzise Ausdruck der Rebsorte mit ihrer süßen Frucht und ihren Gewürznoten“, sagt Bauer, der längst seinen eigenen Betrieb führt. „Sie haben diese intensive Ausstrahlung und Lebendigkeit, die typisch für Neuseeland ist.“

          Weinland mit der schnellsten Entwicklung

          Quartz Reef heißt Bauers Weingut. Es hat etwa 30 Hektar und wird von dem Sechsundfünfzigjährigen biodynamisch bewirtschaftet, also nicht nur biologisch, sondern unter Beachtung weiterer Regeln zur Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit. Er macht kraftvolle, fruchtige und dennoch vergleichsweise herbe und elegante Tropfen, die eher an einen deutschen Spätburgunder als an einen Pinot Noir aus dem Burgund erinnern.

          In Rippon, wo die Pinot-Revolution ihren Ausgangspunkt hatte, macht inzwischen Nick Mills, Sohn der Gründer Rolfe und Lois Mills, die Weine – bekannt für seine Angewohnheit, immer und überall barfuß herumzulaufen. Das Familienweingut bietet einen der spektakulärsten Blicke der gesamten Weinwelt – auf Lake Wanaka, Ruby Island und die auch im Sommer schneebedeckten Gipfel. Mills war in seiner Jugend ein begnadeter Skifahrer und nur wegen einer Knieverletzung nicht im Kiwi-Olympia-Team 1998. Er studierte Weinbau im Burgund, brachte viele Ideen aus der alten Welt mit und machte sein Weingut zu einem Vorzeigebetrieb. Auch er setzt seit einigen Jahren auf biodynamische Produkte.

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          Und er glaubt an das Potential seiner Heimat: „Wir stehen erst am Anfang einer sehr langen Reise.“ Central Otago ist das jüngste Anbaugebiet Neuseelands. Aber auch die anderen neun Regionen sind im internationalen Vergleich noch jung. Kein anderes Weinland hat jemals eine derart schnelle Entwicklung erlebt. An einigen Orten auf der Nordinsel wurden zwar schon in der Kolonialzeit Anfang des 19. Jahrhunderts Rebstöcke gepflanzt und auch Weine gekeltert. Modernen Weinbau gibt es aber erst seit knapp 40 Jahren – ein Wimpernschlag im Vergleich zur tausendjährigen Weintradition in manchen Regionen Europas. Die ersten Reben, die für eine kommerzielle Produktion geeignet sind, wurden erst in den siebziger Jahren nach Neuseeland importiert – unter anderen Müller-Thurgau aus Deutschland. Noch 1978 gab es auf der Nordinsel nur ein paar Dutzend Weinbaubetriebe und auf der Südinsel gerade einmal drei. Heute sind es insgesamt 675, davon mehr als die Hälfte auf der Südinsel. 1990 lag die Anbaufläche im ganzen Land bei weniger als 5000 Hektar, inzwischen sind es mehr als 36.000 Hektar.

          Die Vielfalt macht's

          Von den meisten anderen Weinländern unterscheidet sich Neuseeland durch die außergewöhnliche Vielfalt. Die beiden Pazifikinseln erstrecken sich über mehr als 1500 Kilometer von Nord nach Süd, und die landschaftlichen und klimatischen Bedingungen sind so facettenreich wie zwischen Nordafrika und Nordeuropa. So werden von den Kiwi-Winzern im trockenen, kühlen Süden feine Pinot Noirs und Rieslinge gekeltert, während sie im feuchten, heißen Norden wuchtige Tropfen aus Syrah- und Merlot-Trauben auf die Flaschen ziehen. Die mit Abstand wichtigsten Rebsorten sind zwar Sauvignon Blanc und Pinot Noir. Aber längst sind auch Chardonnay, Gewürztraminer, Pinot Gris, Cabernet Sauvignon, Malbec und Semillon zu finden. Selbst exotische Sorten wie der iberische Albarino, der südafrikanische Pinotage und der italienische Arneis haben in manchen Weinbergen ihren Platz gefunden. Rudi Bauer hat aus seiner Heimat gar Grünen Veltliner hergeholt – „Rudi's Gruner“ ist ein Tropfen mit kräftigen Zitrus-, Aprikosen- und Pfeffernoten ganz in österreichischer Tradition.

          Der Aufstieg begann mit Sauvignon Blanc. Noch immer ist die von der Loire stammende Traube die mit Abstand wichtigste Rebsorte und macht mehr als die Hälfte der Anbaufläche und 85 Prozent der neuseeländischen Weinexporte aus. Kevin Judd stand vor 30 Jahren am Beginn dieser Bewegung. Sein „Cloudy Bay“, benannt nach einer langgezogenen Bucht in Marlborough, sorgte mit enormer Frische und überschwänglichen Aromen von Gras, Stachelbeeren und Melone für Furore. Noch heute gilt er vielen Kritikern als bester Sauvignon Blanc der Welt. In Neuseeland führte der Erfolg zu einer regelrechten Sauvignon-Industrie, die den „Cloudy-Bay“-Stil zum Trend gemacht und mit der extremen Fruchtigkeit vor allem junges Publikum angesprochen hat.

          Marlborough ist auch heute noch das größte und wichtigste Anbaugebiet Neuseelands. Rund um die Kleinstadt Blenheim erstrecken sich entlang der Cloudy und der Clifford Bay endlose Rebflächen. Einige der Großkellereien wirken aus der Luft wie Fabriken inmitten des ausgedehnten Grüns. Aber es gibt auch viele kleinere Boutique Wineries, die auch Rebsorten jenseits des allgegenwärtigen Sauvi-gnon Blanc eine Chance geben. Etwa der einstige „Cloudy Bay“-Macher Kevin Judd, der in seinem neuen Weingut Greywacke neben sensationellen Sauvignons auch bemerkenswerten Chardonnay und Pinot Gris keltert. Oder der aus Großbritannien stammende Weinmacher Andrew Hedley vom Weingut Framingham, der sich mit Riesling einen Namen gemacht hat und vor allem Besucher aus Deutschland das Staunen lehrt mit seinen trockenen und süßen Tropfen, die es mit jedem großen Riesling von der Mosel oder aus dem Rheingau aufnehmen können.

          Ein wenig im Schatten des übermächtigen Marlborough stehen die anderen Anbaugebiete Neuseelands: das winzige Nelson auf der anderen Seite der Marlborough Sounds, der fjordartigen Landschaft an der Nordspitze der Südinsel; das äußerst dynamische Waipara Valley nahe der immer noch vom Erdbeben gezeichneten Stadt Christchurch; aber auch die schon etablierten Regionen auf der Nordinsel wie Hawk's Bay und Wairarapa. Vielleicht das auffälligste Merkmal der Kiwi-Winzer: ihre Innovationskraft und Neugierde. Überall erschließen sie neue Lagen und experimentieren mit alternativen Produktionsverfahren. Viele arbeiten wie Rudi Bauer und Nick Mills nach biodynamischen Grundsätzen, andere nutzen wilde Hefen und verzichten auf Filtration oder Schönung, und Dom Maxwell aus dem Waipara-Tal lässt seine Moste gar direkt im Weinberg gären, weil er ihnen den Keller nicht zumuten und sie in ihrer natürlichen Umgebung belassen will.

          Das offensichtlichste Beispiel für den Pioniergeist ist wahrscheinlich der Umgang mit Korken. Während sich die meisten Winzer in Europa trotz der enormen Probleme mit dem Naturprodukt nur langsam von ihrem Traditionsverschluss trennen können, haben die Kiwis Fakten geschaffen. Nachdem sie in den Jahren 1999, 2000 und 2001 bis zu 20 Prozent ihrer Produktion durch Korkfehler verloren hatten, stellten mehr als 90 Prozent der Betriebe auf Schraubverschlüsse um. „Das ist das klassische Beispiel dafür, dass wir nicht den Ballast der Tradition mit uns herumschleppen müssen und dadurch flexibler und schneller sind“, sagt Rudi Bauer.

          Der Österreicher hat schon die nächste Innovationsrunde eingeläutet. Außer seinem Pinot Noir macht er nun auch drei hochwertige Schaumweine in traditioneller Flaschengärung. Das ganze Weinland ahmt ihn nach. Sogar im Sauvignon-Heartland Marlborough hat ein Dutzend Winzer die Vereinigung „Methode Marlborough“ gegründet, um ihre anspruchsvollen Schaumweine zu vermarkten. Vielleicht kommt da noch etwas Neues vom anderen Ende der Welt auf uns zu.

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