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In der Kantine sind alle gleich : So schmeckt die Egalität

Wo der Minister auf den Abgeordneten trifft: Blick auf die Theke und Teller in der Bundestagskantine; hoch im Kurs steht hier Hausmannkost Bild: Pilar, Daniel

Von wegen Merkel oder Steinbrück: Die wichtigste Entscheidung, die Deutschlands Wähler am 22. September fällen, betrifft die Frage, wer künftig in der Bundestagskantine essen darf.

          3 Min.

          Die Bundestagskantine ist der wahre Ort der deutschen Demokratie. Hier gibt es kein Parlamentspräsidium, keine Regierungsbank, keine Fraktionstischchen mit schwarzen Telefonen und auch keine Hinterbänke. Hier gibt es nur eine Schlange, in die sich alle einzureihen haben, der Bundesminister ebenso wie der persönliche Referent, die Garderobendame genauso wie der Chefredakteur. Man wartet geduldig - manchmal reicht die Schlange bis nach draußen auf den Flur im zweiten Stock des Reichstagsgebäudes -, bis man vor der Metalltheke steht und wählen kann zwischen Wienerle, belegten Brötchenhälften oder einfach Obst. Sage keiner, den deutschen Volksvertretern mangele es an Bodenhaftung. Die Kantine verbreitet einen Duft der Egalität.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Am Dienstag vor einer Woche kamen die Abgeordneten zu ihrer wirklich allerletzten Sitzung in dieser Wahlperiode zusammen, eine Sondersitzung zur Einbringung des Bundeshaushaltes. Kanzlerin, Kanzlerkandidat und die Spitzenkandidaten der kleineren Parteien nutzten die Debatte zum rituellen Schlagabtausch, dem letzten an dem eigentlich dafür gedachten Ort, bevor das Fernsehen bis zum 22. September das Forum der Republik wird: „Vier gute Jahre“ (Merkel) gegen „vier verlorene Jahre“ (Steinbrück) - manchem knurrte schnell der Magen.

          Hausmannskost für die Abgeordneten

          Später in der Kantine: Da wartete dann Ursula von der Leyen, die Arbeitsministerin von der CDU, an der Theke auf ihre Bestellung, Cornelia Pieper von der FDP, die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, traf in der Schlange auf Kanzleramtsminister Ronald Pofalla von der CDU, und vor ihnen überbrückten Alexander Dobrindt, der Generalsekretär der CSU, und Renate Künast von den Grünen die Wartezeit mit Plaudereien. Man machte Witzchen, erholte sich vom Straßenwahlkampf - und verkniff sich sogar Bemerkungen über den „Veggie Day“.

          Die Küche ist einfach. Und das hat seinen Grund: Als der Münchner Feinkostunternehmer Käfer 1997, zwei Jahre vor dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin, vom Ältestenrat des Bundestages den Zuschlag erhielt, ließ man Recherchen anstellen. Noch in Bonn wurde erkundet, welche Speisen bei den Abgeordneten hoch im Kurs stehen. Ergebnis: Hausmannskost. Ständig sind sie auf Empfängen, auf denen Lachshäppchen und Fingerfood mit Curry-Sauce gereicht werden - da sehnen sich die Damen und Herren Abgeordnete nach einfacher Küche: Königsberger Klopse, Gemüsesuppen mit Wurstbeilage oder eben belegte Brötchen mit Mett, Schinken oder Käse.

          Kartoffelsuppe in der Kantine

          Das heißt natürlich nicht, dass man nicht mit der Zeit geht: Sehr hoch im Kurs steht insbesondere bei übermüdeten jüngeren Abgeordneten, die Mittwochmorgens auf dem Weg zur Ausschusssitzung nichts im eigenen Kühlschrank gefunden haben, das Bircher Müsli. Wer sich nicht ganz so bewusst ernährt, bestellt schon mal einen Schinken-Käse-Toast, muss sich aber vor der Mahlzeit noch vom Herrn hinter der Theke belehren lassen: „Ah, Sie meinen sicher ein Tramezzini.“

          Die Kantine ist ein Ort der Kommunikation: Hier werden kurze Mitarbeitergespräche geführt, Abgeordnete erörtern eine gemeinsame Initiative, oder Journalisten setzen sich zum kurzen Schnack zu einem Minister. Um hartnäckige Recherchegespräche handelt es sich meistens nicht, schließlich soll die Kartoffelsuppe schmecken. Im Übrigen wird man hier von anderen gesehen. So ist die Atmosphäre insgesamt eher entspannt und locker.

          Ein gehobenes Restaurant gibt es ebenfalls im Reichstagsgebäude - vis-à-vis vom Eingang zum Plenarbereich. Doch das wird von vielen Abgeordneten eher gemieden. Diejenigen, die keine Lust auf eine Mahlzeit in der Kantinengemeinschaft haben, fehlt hier im Restaurant oft die Diskretion: Trotz der hinter der Fensterfront aufgestellten Paravents kann nämlich jedermann sehen, wer mit wem zusammensitzt. Und diejenigen, denen es beim Lunch genau darum geht, nämlich um das Sehen-und-gesehen-Werden, die zieht es eher in eines der vier, fünf Restaurants in Berlin-Mitte, die als angesagte Treffpunkte des politisch-medialen Komplexes gelten.

          Wie am ersten Schultag nach den Ferien

          Dann gibt es wiederum jene Abgeordneten, die sich dem ganzen Spiel entziehen und einfach ihre Ruhe haben wollen. Sie bevorzugen die „Parlamentarische Gesellschaft“ gegenüber vom Bundestag. Hier sind die Politiker unter sich. Alle anderen müssen draußenbleiben. Die Räumlichkeiten sind gediegen; es herrscht ein wenig britische Club-Atmosphäre. Die Küche ist gut, im Sommer kann man sogar draußen im Garten sitzen. Ein Abgeordneter, der ein ständiger Gast in der PG ist, drückt es so aus: „Nur weil ich ein Vertreter des deutschen Volkes bin, muss ich ja nicht meine kulinarischen Ansprüche verleugnen.“

          Große Geschichten sind mit den gastronomischen Orten im Reichstagsgebäude noch nicht verbunden. Womöglich ist die Berliner Republik noch zu jung dafür. In der Bonner Republik gab es hübsche Anekdoten aus dem Bundestagsrestaurant: Nach dem - gescheiterten - Misstrauensvotum gegen Willy Brandt im Jahr 1972 etwa setzten sich der Kanzler und der unterlegene Oppositionsführer Rainer Barzel hernach demonstrativ ins Restaurant und tranken gemeinsam ein Bier. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Abgeordneter bereits am Freitagmittag beschloss, nun habe das Wochenende anzufangen, und es nicht bei einem Bier beließ. Er hatte allerdings vergessen, dass sein Name für den Nachmittag noch auf der Rednerliste stand. Die Stenographen mussten hernach Milde walten lassen.

          Im Oktober, wenn der neue Bundestag zusammenkommt, herrscht dann wieder diese trubelige Stimmung. Alle vier Jahre geht es dann zu wie am ersten Schultag nach den Sommerferien. Ein großes Wiedersehen, Umarmung hier, Glückwünsche dort. Für die Neuparlamentarier kommt es dann womöglich zum ersten Gang in die Kantine: „Einen Schinken-Käse-Toast, bitte!“ „Ah“, wird es dann heißen, „Sie meinen sicher ein Tramezzini? Ja, gerne doch!“ Es dauert seine Zeit, bis die Abgeordneten sich zurechtfinden und mit den Usancen des Hohen Hauses vertraut gemacht haben.

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