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Ideale Tasche : Immer schön kühl bleiben

  • -Aktualisiert am

Das schillernde Silber der Isolierfolie macht sie besonders chic: die Kühltasche Bild: dpa

Es gibt Geschenke, über die freut man sich, wenn man sie auspackt und es gibt Geschenke, die enthüllen ihre wahre Pracht erst später – so zum Beispiel die Kühltasche unserer Autorin.

          3 Min.

          Die Kühltasche war ein Geburtstagsgeschenk. Als ich sie auspackte, befürchtete ich, es könnte sich um einen Kulturbeutel handeln. Ich habe in meinem Leben schon sechs oder sieben Kulturbeutel von Freundinnen geschenkt bekommen und weiß bis heute nicht, warum. Meiner Meinung nach gehören Kulturbeutel zu den Dingen, von denen man nur eines braucht, dieses aber unbedingt. So wie Nudelsiebe. Aber viele Frauen sammeln Kulturbeutel wie Handtaschen, wahrscheinlich haben sie einen ganzen Schrank voll und suchen sich vor jeder Reise den passenden aus. Hoffentlich findet Mario Barth das niemals raus.

          Meine neue Tasche glich einem rechteckigen Kulturbeutel. Aber innen glänzte silberne Isolierfolie. Widerstreitende Gefühle bemächtigten sich meiner. Einerseits Freude. Andererseits Ratlosigkeit. Schön war, dass ich nun Nahrung kühl transportieren konnte, fraglich jedoch, zu welchem Anlass. Für ein Picknick war die Kühltasche viel zu klein. Sie fasste genau vier Cola-Dosen. Das schien mir an meinen Bedürfnissen vorbeikonstruiert. Man hat ja auch keinen handtellergroßen Regenschirm oder eine schneidezahngroße Zahnbürste (außer Paris Hilton vielleicht, aber die hat ja auch einen mausgroßen Hund).

          Die perfekte Handtasche für den Sommer

          Einige Tage später wollte ich mit meinem Freund ins Freibad. Wir hatten Kirschen gekauft. Mein Freund schlug vor, sie in der Kühltasche mitzunehmen. Na gut. Neben den Kirschen blieb noch Platz. Ich legte mein Handy dazu, Geld und den Hausschlüssel. Im Fahrradkorb sah die Kühltasche plötzlich erstaunlich abenteuerlich aus. Als Kind hatte ich immer Mädchen beneidet, die mit riesigen Cello-Koffern auf dem Rücken durch die Stadt strebten, als trügen sie da nicht ein Instrument, sondern eine Geheimwaffe. Der glänzende Koffer verlieh ihnen den Anschein, auf einer Mission zu sein. So kam ich mir nun selbst mit der Kühltasche vor.

          Nach drei Stunden waren die Kirschen immer noch kühlschrankkühl. Damit nicht genug: Mein Handy war es ebenfalls. Es war zuletzt dauernd heißgelaufen und abgestürzt, sogar im Schatten. Jetzt wirkte es regelrecht entspannt auf mich, und sein schwarz spiegelndes Display erschien mir wie eine Sonnenbrille, durch die es aus seinem klimatisierten Quartier dankbar zu mir hochblickte.

          Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass die Kühltasche in diesem überaus heißen Sommer die perfekte Handtasche sein könnte.

          Für alle Fälle gewappnet

          Nachmittags zogen Gewitter auf. Die Kühltasche stand gelassen im Gras. Ihr konnte es egal sein. Sie war wasserfest. In den Straßen versuchten Frauen, sich und ihre Ledertaschen ins Trockene zu retten. Wir kauften zwei Käsebrötchen. Sie passten exakt in die Kühltasche. Die Bäckerin schaute, als wäre sie plötzlich verliebt. So hatte sie uns noch nie angesehen. Es lag an der Tasche. Sie ist mit Kakteen bedruckt, die zum Teil sogar blühen, was der Tasche den Charme eines Hawaiihemdes verleiht, jedenfalls im Auge eines Betrachters, der Hawaiihemden charmant findet. Die Bäckerin tat es wohl.

          Am nächsten Tag gingen wir spazieren. Mein Freund wollte die Kühltasche nehmen. Er trug sie den ganzen Weg. Erst war gar nichts darin, was kühl bleiben sollte. Aber uns begeisterte schon die Möglichkeit. Die Kühltasche gab einem das Gefühl, für alle Fälle gewappnet zu sein, sie war das Schweizer Taschenmesser unter den Taschen. Wir kamen an einem Laden vorbei, der mir vorher nie aufgefallen war. Er war spezialisiert auf frische Eier. Wir nahmen welche. Der kleine Karton passte gut in die Tasche. Die Sonne drehte nochmal auf. Seltsamerweise wurden ja in diesem Sommer die Tage, wenn sie auf den Abend zugingen, noch einmal mittagsheiß. Ich fühlte mich wie früher auf der Kirmes, wenn ich mit dem „Break Dancer" gefahren war. Auf dieser drehenden Höllenscheibe wurde mir immer furchtbar schlecht. Das Schlimmste war, dass, wenn die Schaukelei schon ausklang, der Rekommandeur mit den Worten „Woooollt ihr noch eine Rundeeeee?" die Fahrt abermals wild beschleunigte. Mir war schwindelig. Wir setzten uns in ein Café. Am nächsten Tag briet ich die Eier. Sie schmeckten herrlich.

          Gegen Rucksack ausgetauscht

          Meine übrigen Taschen kamen mir nun langweilig vor. Sie hatten nichts falsch gemacht. Sie waren bloß keine Kühltaschen. Ich ließ sie daheim. Die Kühltasche schützte alles vor der sengenden Sonne: Handcreme, am Wegesrand gepflückte Wildblumen, kaltes Wasser. Eine Bekannte bestaunte die Tasche. Sie googelte nach Preisen. Vergleichbare Modelle kosteten zwischen acht und zwanzig Euro. Sie waren modisch, aber auch politisch betrachtet echte Statement Bags: gegen den Klimawandel, gegen den Markenterror, für die sich ohne fremde Hilfe mit kühlen Getränken versorgende Frau. Die Bekannte entschied, sie brauche auch eine.

          Die Kühltasche bewährte sich auch in der Natur. Mein Freund und ich reisten ins Strohgäu. Auf den schwäbischen Streuobstwiesen lagen schon die ersten Äpfel. Wir sammelten einige ein. In eine Handtasche hätte ich sie nicht gesteckt, in die Kühltasche legte ich sie gern. Wir liefen vorbei an Maisfeldern und an einem braunen Kaninchen. Die Kakteen auf der Tasche fügten sich auf wundersame Weise ins Bild.

          Ein paar Tage später ging ich mit einem Rucksack zur Arbeit. Die Kühltasche war zu klein. Traurig blieb sie zu Hause, während die Schlacht, in die sie doch ziehen wollte, draußen geschlagen wurde. Mir war, als brannte die Sonne heute besonders heiß.

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