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Großstadttrend : Der Wein erobert die Stadt zurück

  • -Aktualisiert am

Auch hier rankt sich der Wein: Am Prenzlauer Berg in Berlin. Bild: Anja Pietsch

Auf einem kleinen Hang mitten in der Stadt oder in einem Beet vor der Haustüre: Mitten in vielen Großstädten reifen Trauben, die Hobbywinzer dann zu Wein verarbeiten. Klappt das überhaupt?

          Donnerstagvormittag, es ist Wochenmarkt auf dem Kölner Chlodwigplatz. Dicht an dicht stehen die Stände der Händler, Menschen eilen hin und her, zwischen Markt und den benachbarten Geschäften zwängt sich gerade ein Bus hindurch. Hinter all dem Gewusel, an der Mauer der Severinstorburg, sitzt in der Sonne ein Mann vor einer erdigen Fläche, aus der einige frisch gesetzte Reben hervorschauen. Thomas Eichert ist endlich da, wo er seit Jahren hinmöchte: auf seinem eigenen kleinen Weinberg mitten in der Stadt.

          Nach langwierigen Auseinandersetzungen mit den Behörden durfte er den kleinen Hang bepflanzen, der sich neben dem historischen Tor und einem Stadtmauerrest erstreckt. Nun zieht er die letzten Drähte zwischen den Holzpfählen ein, an denen sich die Reben festhalten und die Trauben unter der Kölner Sonne heranreifen sollen.

          Neu ist die Idee nicht

          Weinbau in der Stadt, was soll das denn? Neu ist die Idee keineswegs. Auf der mit sehr viel Liebe zum Detail gezeichneten Panoramaansicht der Stadt Köln von Arnold Mercator aus dem 16. Jahrhundert gibt es auf dem gut einmal einen Meter messenden Bogen neben der Bebauung noch etwas anderes zu sehen: Weinberge. Und das nicht zu knapp. Auf einer kolorierten Kopie des Mercatorplans im Kölner Weinmuseum lassen sich die Pflanzungen besonders gut erkennen: Die mit Reben bepflanzten Flächen innerhalb der Stadtmauern sind annähernd so umfangreich wie jene, auf denen Wohnhäuser, Kirchen und Klöster zu sehen sind. Im ausgehenden Mittelalter gab es in Deutschland etwa 300.000 Hektar Reben, rund dreimal so viele wie heute. Und ein größerer Teil davon stand eben gleich dort, wo die Menschen auch wohnten.

          Klein, aber fein: Urbaner Weinberg an der Kölner Severinstorburg.

          Aus den heutigen Großstädten sind die Landwirtschaft und auch der Weinbau aber nahezu verschwunden. In den immer weiter wachsenden Metropolen wird mittlerweile jeder verfügbare Quadratmeter mit Wohnanlagen, Büros und Parkplätzen bebaut. Deswegen ist Eichert, der sich selbst als Stadtwinzer bezeichnet, auch besonders froh, auf der gepachteten Fläche ein paar Dutzend Stöcke ziehen zu dürfen. Bisher konnte er nur in die Vertikale gehen, indem er Reben an Hauswänden emporklettern ließ und daraus Wein kelterte. An 30 Standorten in der ganzen Stadt kümmert er sich um die Südwandlagen, für seinen Einsatz wird er von den Hausbesitzern in Naturalien, sprich: Trauben entlohnt. „Mittlerweile mache ich das praktisch in Vollzeit“, sagt Eichert, ein Autodidakt. In der Südstadt, wo er auch wohnt, ist er bekannt wie ein bunter Hund: Kaum eine Minute vergeht, ohne dass ein Passant am Fuß seines Weinbergs freundlich grüßt, und die Wirtin einer benachbarten Kneipe bringt einen Kaffee herüber.

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